ERLEBNIS BAHNFAHREN

Auf Schiene in die Ukraine


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN HERBST 2018
Text — Nikolaus Prokop

Mit dem Nachtzug von Wien über Lemberg nach Kiew: ein Bahnabenteuer zwischen Nostalgie und Ostalgie.

 

Bereits das Einsteigen ist ein kleiner bahnhistorischer Augenblick, denn die Fahrt von Wien nach Kiew über Lemberg (Lwiw) legt man keineswegs in irgendeinem x-beliebigen Schlafwagen zurück: Aufmerksamen wird das Fabriksschild im Einstiegsbereich, das die Aufschrift „VEB Waggonbau Görlitz DDR“ und eine Jahreszahl knapp vor dem Mauerfall trägt, nicht entgehen. Ein kleines Erinnerungsstück daran, dass die Reise noch vor dreißig Jahren hinter den Eisernen Vorhang geführt hätte, als die Ukraine noch zur Sowjetunion zählte, die bei ihren Passagierwaggons auf solide Qualität aus Ostdeutschland zählte.

Spurwechsel der Kulturen

Einen zweiten beinahe rituellen Mo­ment erlebt man einige Stunden später beim nächtlichen Halt an der ungarischukrainischen Grenze. Denn hier wird der Zug von europäischer Normal- auf ukrai­nische Breitspur umgespurt. Das sanfte Summen der Hebekräne-Motoren und das beinahe unmerkliche Heben der Waggons, während von routinierten Bahnarbeitern die Fahrgestelle ausgetauscht werden, erinnert dezent daran, dass man nun im Begriff ist, eine definitive Grenze von West nach Ost zu überschreiten. Wie zur Bestätigung fließen bald darauf am Abteilfenster die ersten landschaftlichen Hinweise vorüber: erst die Karpaten im Morgenlicht, danach gegen die Mittagszeit unendliche Kornfelder, die an die beeindruckende Größe des Landes erinnern – beinahe doppelt so groß wie Deutschland, aber nur etwa halb so dicht besiedelt.
Das dritte Erinnerungsstück empfängt einen zur etwas späteren Frühstückszeit: Bei der Ankunft im eleganten Jugendstilgebäude des Fernbahnhofs von Lemberg weist eine in Deutsch gehaltene Gedenktafel auf die Ankunft des ersten Zuges aus Wien am 4.11.1861 in der Stadt, die einst Provinzhauptstadt von Galizien während der k. u. k Monarchie war, hin. Wer nicht sofort Richtung Kiew weiterfahren möchte und sich z. B. Zeit für eine Übernachtung nimmt, wird beim Spaziergang durch die idyllische Altstadt bald feststellen, weshalb Lemberg mit seinen prachtvollen Bauten und romantischen Straßenzügen gelegentlich als das „kleine Paris der Ukraine“ bezeichnet und von erfahrenen Ostreisenden gerne auch als interessante Alternative zu Prag oder Budapest empfohlen wird.
Die Ukraine


Mit der Auflösung der Sowjetunion wurde die Ukraine 1991 zur unabhängigen Republik.

Mit einer Fläche von 603.700 km2 ist sie der größte Staat, dessen Grenzen vollständig in Europa liegen. Sie verfügt nach Russland über das zweitgrößte Staatsgebiet in Europa.

 




Bahnhof Lemberg: Eine Gedenktafel erinnert an die erste Bahnverbindung von Wien nach Lemberg im Jahr 1861.


Dank der berühmten Musikakademie in Lemberg gibt es in der Altstadt kaum eine Ecke ohne brillante Straßenmusikanten.

 

 

Das Paris der Ukraine

Denn nicht nur das altösterreichische Erbe ist im Stadtbild noch an manchen Orten präsent, sondern vor allem auch ein einzigartiger Mix aus armenischen, polnischen und galizischen Einflüssen. Altehrwürdige Kaffeehäuser und Schokoladenmanufakturen reihen sich an trendige Clubs und schräge Jazzbars, kleine Märkte offerieren von Schallplatten und Vintage-Trödel bis zu frischem Obst und Gemüse ein kunterbuntes Angebot, Straßenmusikanten spielen an nahezu jeder Ecke, viele Häuser sind mit Blumengirlanden geschmückt, und auch das Nachtleben und die Lokalszene von Lemberg kann mit Prag oder Budapest durchaus mithalten – allerdings ohne die dazugehörigen Touristenmassen.
Exakt sieben Stunden nach der Ankunft in Lemberg rollt der Zug schließlich in den Hauptbahnhof Kyjiw-Passaschyrskyj ein, ein imposanter Bau aus den Dreißiger Jahren, der mit seinen prachtvollen Lustern, seinen Reminiszenzen an den ukrainischen Barock und seinen goldenen Wandverzierungen ein wenig an den Prunk der Moskauer U-Bahn erinnert – der übrigens die U-Bahn von Kiew kaum nachsteht. Apropos Prunk: Lange ein weit unterschätztes Städtereiseziel und ein absoluter Geheimtipp, ist Kiew heute eine weltoffene, einladende Metropole, in der dynamische Moderne und eine ungemein reiche Historie in äußerst beeindruckender Weise aufeinandertreffen. Kirchen und Klöster in derartiger Pracht und Größe hat kaum eine andere Stadt des orthodoxen Ostens zu bieten, alleine ein Besuch des zu Recht zum UNESCO Weltkulturerbe ernannten Höhlenklosters Kijewo-Petscherska Lawra ist bereits eine Reise wert. Und wer den Abend in einer der hippen neuen Bars Kiews ausklingen lässt – etwa dem „S34“ oder dem versteckt liegenden „Barman Dictat“ –, dem wird schnell klar: Diese Stadt hat viel zu viel zu bieten, um gleich am nächsten Tag wieder den Zug retour nach Wien zu nehmen.
Wien – Lemberg – Kiew


Die neue Schlafwagenver­bindung von Wien über Budapest nach Lemberg und weiter nach Kiew wird in Kooperation mit der ukrainischen Eisenbahn geführt. Abfahrt täglich um 16:42 Uhr ab Wien Hbf, Ankunft in Lemberg am Folgetag um 10:13 Uhr und in Kiew um 17:11 Uhr. Mehr Infos und Ticketbuchung unter oebb.at sowie an jedem ÖBB Ticketschalter.

 




Kiew: Von ländlicher Idylle über dynamische Moderne bis hin zu reicher Historie bietet die Stadt am Dnepr eine faszinierende Erlebnisfülle.


Czernowitz (Tscherniwzi): Eine Übernachtung allemal wert, bietet die verträumte Kulturmetropole weitere Entdeckungsmöglichkeiten auf den Spuren der k. u. k. Monarchie.

 

Good to know


Früh buchen
Früher war Kiew ein unterschätztes Reiseziel, heute sind die Abteile Richtung Ukraine regelmäßig von ­Österreichern wie Ukrainern gut gebucht. Daher rechtzeitig reservieren, damit die Reise auch zum Wunsch­termin klappt.

Reisedokumente
Trotz politischer Unruhen in der Vergangenheit gilt die Ukraine als sicheres Reiseland. Zur Einreise ist für Österreicher kein Visum erforderlich, wichtig ist allerdings ein gültiger Reisepass.

Im Zug
Im Schlafwagen von Wien nach Kiew weht bereits ein leiser Hauch der Transsibirischen Eisenbahn: Auch hier gibt es im Abteil des Schlafwagenbegleiters einen Heißwasser-Samowar für Tee und Kaffee.

Technisches
Steckdosen in der Ukraine sind mit österreichischen kompatibel, daher ist kein Reiseadapter nötig. Für Handy und Internet empfiehlt sich allerdings eine lokale Wert-SIM-Karte wegen der hohen Roaming-Gebühren außerhalb der EU.

 

 


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