CORTI AM ZUG

An den Kamp, der Knödel wegen!


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN HERBST 2018
Text — Severin Corti

Im Gasthof Gutmann am Heiligenstein sitzt man unter Nussbäumen, blickt auf den Fluss und erfreut sich an grandios österreichischer Küche.

 

Die Anfahrt mit der beschaulichen Kamptalbahn ist ein Erlebnis für sich. Wie der Zug sich den Fluss entlang windet, mit ihm durch Wälder und Wiesen mäandert und sich dank manch alter Brücke über ihn hinwegsetzt (wobei er immer wieder den Blick auf Badende, Kajakfahrer, Fischer freigibt), das ist ganz wie eine Reise in die gute alte Zeit. Dann noch ein kurzer Spaziergang durchs Winzerdorf Zöbing am Fuß des legendären Riesling-Berges Heiligenstein, bevor man vor der steilen Treppe steht, die hinauf zum Gasthaus Gutmann führt, wo man unter alten Nussbäumen sitzt und auf den Kamp hinunterblickt.
Hierher kommt man, um zu schlemmen. Alles andere wäre angesichts der Qualität wie auch der Portionsgrößen der Gutmann’schen Küche schlicht unvernünftig. Klingt vielleicht euphorisch, aber so fühlt man sich halt nach dem Verzehr eines samstäglichen Bratens wie der gefüllten Kalbsbrust, die hier klassisch mit buttrigem Natursaftl serviert wird und bei der sich die Semmelfülle und der mitservierte Erdäpfelknödel einen Kampf der Giganten am Gaumen liefern, welcher dieser beiden nun noch besser sei. Knödel mit Knödel, das klingt vielleicht übertrieben – aber nur, solange man nicht gekostet hat, was Chef (und Küchenchef) Klaus Gutmann daraus an flaumigen Wunderwerken zu machen versteht! Dazu das deftig mürbe Fleisch und die animierende Säure eines frischen Heiligenstein - Rieslings, und man schwebt im Glück. Aber Vorsicht: Kalbsbrust-Tag ist ausschließlich der Samstag, es gilt also, die Wochenendplanung im Zweifel rund um diesen Fixpunkt zu gestalten.
Davor empfiehlt sich Grießnockerlsuppe, von konzentrierter Köstlichkeit bis hin zu den prachtvollen Fettaugen und einem mollig seidigen Nockerl, das nur zart mit Muskatnuss gewürzt ist und sich nicht in den Vordergrund drängt – ideal. Knusperkarpfen, eine seit Jahren bei Gutmann gepflegte Hausspezialität, ist aber auch eine Möglichkeit: Der Fisch, blitzsauber, saftig und von fleischiger Kraft, wird mit duftigem Kernöl-Erdäpfelpüree und süßen, scharfen Chilizwiebeln kombiniert – große Klasse.
Jetzt, wo der Herbst naht, ist auch Lammstelze wieder auf der Karte. Sie wird mit Wacholder und Wurzelgemüse geschmort, bis das Fleisch sich wie von selbst vom Knochen löst, dazu gibt es noch einmal Erdäpfelknödel, mit dem die fein passierte Sauce sich wunderbar auftunken lässt.
Hinterher sind Zwetschkenknödel unumgänglich, große, mit reichlich knusprigen Butterbröseln und Staubzucker versehene Bilderbuch-Zwetschkenknödel. Aber auch die Cremeschnitte aus der Hand von Alice Gutmann, die neben Sohnemann Julius die Pâtisserie betreut, ist zu Recht legendär. Danach muss man zwar Vorsicht beim Hinabsteigen der Stiegen walten lassen – dafür ist der Heimweg mit der Bahn umso sorgloser!
Basic Infos:


Gasthaus Gutmann,
Heiligensteinstraße 32,
3561 Zöbing
Tel. 02734/2334

Mi–Sa 11:30–14:30
und 18–21:30 Uhr.
So, Fei 9–18
(Küche 11:30–15Uhr),
HS € 9,80–24,90
gasthaus-gutmann.com

Tipp: Der Wanderweg von Zöbing durch die Weinberge hinauf zum Heiligenstein ist ideal, um sich Appetit anzuspazieren oder, noch besser, die Verdauung anzuregen.

 


Titelbild: Gabi und Helge Pachner mit Tochter Johanna und dem Marillenkuchen der Oma. Von ihr stammt auch das Rezept für die – ganz klassisch mit Natursaftl aufgetragene – gefüllte Kalbsbrust.




SEVERIN CORTI
Restaurantkritiker

Severin Corti ist der profilierteste Restaurantkritiker des Landes.
Hier empfiehlt er Wirtshäuser
in Bahnhofsnähe, die eine
Reise wert sind.

 


Credits: © Fotos: Gerhard Wasserbauer; Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com
 
Weitere Stories

an den kamp, der knödel wegen!
SLOW FOOD
Foodblog: Steirisches Herbstmenü