ADVENT

CHRISTMAS
MADE IN GERMANY


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN WINTER 2017
Text — Janina Lebiszczak

Was wäre der Winter ohne Weihnachtsmärkte? Bei unseren deutschen Nachbarn wird es im Advent besonders besinnlich – von Kunst bis Kitsch ist für alle etwas dabei.


Kennen Sie den Grinch? Dieses giftgrüne Wesen kann Weihnachten bis auf den Tod nicht ausstehen – und wer sich mit diesem Gedanken tatsächlich anfreunden kann, sollte nun besser nicht weiterlesen. Denn auf den nächsten Seiten entführen wir Sie in unser Nachbarland, in dem – ähnlich wie bei uns – der Advent mit Leidenschaft und Hingabe zelebriert wird. Deutschlands Städte und Gemeinden erstrahlen nur wenige Zugstunden entfernt in festlichem Glanz und ziehen Millionen von Menschen in ihren Bann. Aber wo anfangen? Alleine in der Hauptstadt Berlin gibt es mehr als 50 Märkte, über 2.500 Stück sind es landesweit – immerhin haben Weihnachtsmärkte made in Germany eine fast 600-jährige Tradition. Vier Wochen und manchmal sogar länger locken Lebkuchen, Punsch und andere Köstlichkeiten – da gilt es zu selektieren, denn in der Hektik des Advents will man seine Zeit nicht vergeuden.

FESTLICHES FRANKFURT

Mit über drei Millionen Besucher jährlich ist der Frankfurter Weihnachtsmarkt ein Magnet für Fans der punschseligen Besinnlichkeit. Und mit mehr als 200 Ständen, darunter allein 56 Gastronomiestände, 29 Süßwarenstände und sechs Karussells, auch einer der größten Deutschlands. Trotzdem versucht man, den Kommerz in Grenzen zu halten: Neben modernem oder traditionellem Christbaumschmuck und dem gängigen Kitsch für Groß und Klein kann man hier auch wirkliche Kleinodien erstehen: Handwerk aus dem Erzgebirge, handgedrehte Kerzen, Marionetten und Blechspielzeug erfreuen nicht nur Nostalgiker. Die wundervolle Kulisse tut ihr Übriges, um in Stimmung zu kommen: Der Römerberg mit seinen historischen Fachwerkhäusern, die besonders romantisch Veranlagte sogar an solche aus Lebkuchen erinnern, ist der Rathausplatz von Frankfurt am Main und seit dem Hochmittelalter das Zentrum der Altstadt. Auf diese Fläche vor dem Rathaus zieht es die meisten Besucher – aber auch die Ausläufer am Mainkai, beim Dom, vor der Paulskirche und auf dem Liebfrauenberg sind sehr beliebt.
Bimmel­bammel


Das weltweit einmalige „Große Stadtgeläute“ Frankfurts findet nur vier Mal im Jahr statt. Die 50 Glocken aller zehn Stadtkirchen vereinen sich zu einem dreißigminütigen Konzert. Die X-Mas Termine: Samstag des 1. Advents, 26.11. von 16:30 bis 17:00 Uhr und Heiligabend von 17:00 bis 17:30 Uhr.

 



Mit weihnachtlicher Beleuchtung und über 200 Ständen lädt er zum Besuch ein: Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist einer der ältesten und größten Märkte Deutschlands.
Am Weihnachtsmarkt sollte man unbedingt ein Bethmännchen probieren – ein köstliches Marzipan­gebäck! Und dann natürlich dem Turmgeläute lauschen.



Top Ausblick! Im Wheel of Vision auf dem Burgplatz hat man nicht nur eine herrliche Sicht auf Düsseldorf, sondern überblickt auch die stimmungsvollen Weihnachtsmärkte.

 

Angst vor großen Menschenansammlungen sollte man also besser nicht haben – wer das vorweihnachtliche Treiben lieber aus sicherer Distanz betrachten will, kann bei den Adventsfahrten mit einem Ausflugsschiff auf dem Main den Weihnachtsmarkt auf sich wirken lassen. Oder man steigt wieder in den Zug: Die historische Eisenbahn macht an den Wochenenden Station am Eisernen Steg und damit am südlichen Rand des Weihnachtsmarktes – wer so an- und abreist, darf auch mal zu tief in die Glühweintasse schauen. Gaumenfreuden gibt es aber auch abseits des Hochprozentigen: Neben den typischen Steinguttöpfen mit herzhaftem Inhalt locken vor allem typische Festtagsleckereien: Bethmännchen sind kleine, mit Mandeln verzierte Kugeln aus Marzipanteig und ein wunder­bares Mitbringsel für die Lieben zuhause.

NACHHALTIGES NÜRNBERG

Der erste offizielle Hinweis auf einen „Kindles-Marck“ stammt aus dem Jahr 1628 – eine Tradition, auf die man stolz ist im Freistaat Bayern. Santa Claus hat Platzverbot, denn hier regiert das Christkind mit Charme und Schönheit: Jedes Jahr am Freitag des ersten Adventswochenendes erlöschen rund um den Hauptmarkt die Lichter, und alle Augen richten sich auf einen Punkt hoch oben an der Frauenkirche, wo die wichtigste Repräsentantin der Weihnachtszeit feierlich den Markt eröffnet. Die Dame, blondgelockt und im goldenen Gewand, hat eine huldvolle Aufgabe – und einen überaus dichten Terminplan. Interviews, Fernsehauftritte und Stippvisiten auf anderen Weihnachtsmärkten und Besuche in Kinder- und Altenheimen wollen absolviert werden. Die Gäste des berühmten Christkindlesmarkts hingegen haben es weniger stressig. Man genießt original Nürnberger Rostbratwürste, über offenem Feuer gebraten, und spült mit einem Schluck Feuerzangenbowle nach. Auf die sind die Einheimischen besonders stolz: Die eigens angefertigten Kessel haben ein Fassungsvermögen von bis zu 9.000 Litern, auf dem Trockenen sitzt man also nie. Worauf sie noch stolz sind? Der Christkindlesmarkt setzt stark auf nachhaltige Entwicklung. Viele der feilgebotenen Waren stammen aus regionaler handwerklicher Produktion, die Marktbuden sind aus bayrischer Fichte gefertigt und werden so lange wie möglich wieder aufbereitet – bis heute stammen mehr als 30 Buden aus dem Jahr 1890.


Kein Tippfehler: Der Nürnberger „Christkindlesmarkt“ ist weit über die Grenzen Bayerns bekannt. Man rühmt sich Deutschlands Weihnachtsstadt Nr. 1 zu sein.






In Deutschland eine fast 600-jährige ­Tradition: Über 2.500 Weihnachtsmärkte gibt es landesweit.




Vor der historischen ­Kulisse von Marien­kapelle und Falkenhaus lockt der Würzburger Weihnachtsmarkt.

 

KULTUR IN WÜRZBURG & REGENSBURG

Er ist vielleicht nicht der größte, aber mit Sicherheit einer der stimmungsvollsten Weihnachtsmärkte Deutschlands. In der Kulisse aus gotischer Marienkapelle und Falkenhaus flaniert man um rund 100 Stände mit Schmuck und Schnitzereien, Keramik und Kerzen, Süßigkeiten und Spielwaren. Bescherung für das innere Kind gibt es also allemal, vor allem wenn man sich in den historischen Innenhof des ­Rathauses begibt. Dort zeigen knapp 30 Künstler die Ergebnisse ihres handwerklichen Könnens wie Malereien, Porzellan und Schmiedekunst. Abseits vom Trubel auf dem Marktplatz kann man am Stand des Würzburger Ratskellers den Advent in etwas ruhigerer Atmosphäre genießen. Ein Highlight: das original belgische Glühbier, das nur hier ausgeschenkt wird. Dazu gibt es authentische „fränggische“ Gustostückerl wie die „Grobe Wördsburcher Winzerbratwoarscht im Kipf“. Nicht weit entfernt, in der Festung Marienberg, begibt man sich dann auf eine Zeitreise: Ein Weihnachtsmarkt wie im Mittel­alter ist stets ein Genuss für alle Sinne, vor allem wenn der warme Met, serviert mit ver­schiedenen Gewürzen, die Glieder wärmt. Aber auch in der Oberpfalz wird mehr als bloß Punsch und Kekse geboten: Die UNESCO Welterbestadt Regensburg setzt mit dem Lucrezia-Markt jedes Jahr neue Standards. Neben innovativ-traditionellem Kunsthandwerk von 58 Meistern ihres Faches spielt sich ein abwechslungsreiches Kulturprogramm auf zwei Bühnen ab. Musik, Theater, Pantomime und Zauberei werden von Regensburger Künstlern und Nachwuchstalenten dargeboten. Wem das nicht genug ist, der spielt „Himmel oder Hölle“ im rot und blau ausgeleuchteten Hof des Thon-Dittmer-Palais und in der Sigismundkapelle am Haidplatz: Die Ausstellung zeigt unterschiedlichste Wunschbilder und Vorstellungswelten von Gut und Böse in origineller und (be-)sinn­licher Weise, frei nach dem Motto: „Für den einen der Himmel, für den anderen die Hölle“. Dass es den Markt erst seit den 1980ern gibt, stört bei diesem breiten Kulturangebot keinen. An die Zukunft wird nämlich auch gedacht: Der Lucrezia-Markt zeichnet sich unter den Weihnachtsmärkten auch als besonds nachhaltige und umweltfreundliche Veranstaltung aus: Ökostrom, LED-Birnen und Mehrweggeschirr machen es möglich. Auf dass wir den Geist der Weihnacht noch viele, viele Jahre auf den schönsten Märkten Deutschlands und der Welt feiern können!



Düsseldorf: Alles leuchtet!

An gleich sieben Orten wird der Adventszauber inszeniert, vier davon befinden sich in der Altstadt: Der Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus, der auf der Flinger Straße, der „Engelchenmarkt“ vor dem Carsch-Haus und der „Sternchenmarkt“ am Stadtbrückchen – letzterer strahlt wie ein wahres Lichtermeer. Hunderte Kristalle beleuchten in Himmelblau die festlich dekorierten Stände.
weihnachtsmarkt- duesseldorf.com

 


Credits: © Foto: Markus Pavlowsky, Getty Images, visitfrankfurt, Holger Ullmann, Düsseldorf Tourismus, Lux_D / iStock, Richard Sowersby / alamy,
Congress-Tourismus-Würzburg, Fotograf: A. Bestle, Regensburg Tourismus, Altrofoto, Paul Mazurek
 
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