KOLUMNE

Begegnungen


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN WINTER 2017
Text — Doris Knecht

Über Zufälle, den Glauben daran und die plötzliche, überraschende Erkenntnis, dass es vielleicht doch keine sind.

Am Bahnhof in Salzburg steht ein Mann, mitten in der Halle, er trägt eine neonorange Jacke. Er sieht so aus, als kenne er sich hier aus. Er spricht mit einem anderen neonorangen Mann, aber als ich ihn anspreche und um eine Information bitte, schickt er mich nicht irgendwo hin – an einen Schalter, ans Ende einer Schlange –, sondern lächelt freundlich, gibt mir die Information und wünscht mir eine gute Reise.
Und das ist jetzt fast immer so. Und fast immer erinnere ich mich daran, dass es früher nicht so war. 1985 bin ich aus der Nähe des westlichsten Bahnhofs Österreichs nach Wien gezogen. Die Fahrt nach Feldkirch dauerte, wenn ich mich richtig erinnere, mehr als acht Stunden. Was einerseits mit ein Grund war, warum ich sie, wenn möglich, vermied und nur selten in die Heimat fuhr. Andererseits hatte man diese größtmögliche Distanz zwischen Vergangenheit und erhoffter Zukunft ja mit Absicht gewählt, hatte die weit entfernte Hauptstadt wohlüberlegt der nächstgelegenen Studierstadt Innsbruck vorgezogen. Zu hohe elterliche Wochenendbesuchserwartungen. Zu groß die Gefahr übertrieben häufiger Elternkontrollen. Neunzehn zu sein und von daheim auszuziehen: Das war eine Form von Freiheit, die man sich nicht durch zu große Erzeugernähe kontaminieren lassen wollte, also verzichtete man auf den Service regelmäßiger warmer Sonntagsmahle und gebügelter Wäsche, zog nach weit, weit weg und setzte sich nur in den Zug nach Feldkirch, wenn es die Situation unbedingt erforderte: weil Weihnachten war oder jemand einen runden Geburtstag hatte. Die Sehnsucht war anfangs, sagen wir’s offen, gering. Sie vergrößerte sich erheblich, als man selbst Kinder bekam, und da erinnere ich mich an viele anstrengende Bahnfahrten mit Kleinkindern, während denen Schaffner spurlos verschwanden, wenn man sie am dringendsten brauchte. Zum Beispiel, wenn ein Doppelkinderwagen in den Zug zu hieven war. Einmal mussten wir in St. Anton in einen Schienenersatzverkehr umsteigen, ich war allein mit zwei Dreijährigen unterwegs. Andere Reisende halfen mir mit dem Gepäck und dem Kinderwagen, denn alles Zugpersonal war nicht da. Ich vermutete irgendwo einen Panikraum für solche Fälle. Und ich wünschte mir, ich könnte besser Auto fahren.
Und jetzt passiert mir sowas nicht mehr. Nie.
Vor ein paar Monaten fuhr ich nach Graz, da blieb der Zug mitten auf der Strecke stehen. Und anstatt die Passagiere, so wie ich es von früher gewohnt war, ein fröhliches Ratequiz über den Grund spielen und Wetten abschließen zu lassen, wann es weiter geht, gab es nicht nur sofortige Durchsagen. Es ging auch ein Zugbegleiter durch die Waggons, versprach Infos einzuholen und dann wiederzukommen. Und das Erstaunliche war: Das tat der Mann auch. Freundlich und engagiert. Er kam wieder und informierte die Reisenden, fragte nach ihren Zielen, beantwortete Fragen und sagte dann jedem, wo genau man in den Schienenersatzverkehr einsteigen könne. Und fragte, ob wer Hilfe brauche.
Ich kann jetzt sehr gut Auto fahren, aber wenn es sich irgendwie einrichten lässt, fahre ich mit der Bahn. Ja: Wo Menschen arbeiten, geht auch mal was schief. Aber das Gefühl, dass das Personal für einen da ist, und dass das zu den Annehmlichkeiten des Zugfahrens gehört: Das ist jetzt ziemlich stabil.
Doris Knecht


ist Schriftstellerin und Kolumnistin. Ihre Romane „Gruber geht“, „Besser“, „Wald“ und „Alles über Beziehungen“ erschienen bei Rowohlt Berlin. Sie stammt aus Vorarlberg und ist deshalb mit langen Bahnfahrten vertraut. Sie lebt mit Familie und Freunden in Wien und im Waldviertel.

Derzeit klebt sie die Wand ihres Wohnzimmers mit Post-its in allen Farben voll: eine Gedanken- und Ideenblase für ihren neuen Roman, der 2019 erscheinen soll.


Credits: © Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com
 
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