INTERVIEW

Adele Neuhauser: Stationen einer Lebensreise


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN WINTER 2017
Text — Nikolaus Prokop

Viele kennen sie als toughe „Tatort“-Kommissarin. In ihrem neuen Buch offenbart Adele Neuhauser umso sensiblere Themen und ihren bewegten Lebensweg.

 

Mit Ihrer Autobiografie „Ich war mein größter Feind“ haben Sie ein Buch geschrieben, in dem Sie eine sehr mutige und oft auch sehr schmerzvolle Zeitreise zurück zu allen wichtigen Stationen Ihres Lebens unternehmen. Wenn Sie heute zurückblicken: Was auf dieser Reise war vielleicht nur Zufall? Und was war möglicherweise Bestimmung?

Adele Neuhauser: Ich denke, dass im Leben letztlich wohl alles Bestimmung oder zumindest eine sehr folgerichtige Fügung ist. Denn ohne die Ereignisse meines Lebenswegs, die ich in Ich war mein größter Feind nun sehr offen zur Sprache bringe, wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich heute bin. Ich bin jedenfalls niemand, der an Zufälle glaubt. Denn wenn man meint, nur der willkürliche Zufall würde unser Dasein bestimmen, kommt man schnell zur Ansicht, das Leben wäre eine Sache, auf die man keinen Einfluss hat. Dass man seinem Schicksal wehrlos ausgeliefert ist und einem Weg folgt, der ohnehin fest vorgezeichnet ist. Daran glaube ich jedoch keineswegs. Ich denke viel eher, dass wir alle bei unserer Geburt mit Themen und Herausforderungen auf die Welt kommen, die bereits bei vorhergehenden Generationen eine wichtige Rolle gespielt haben. Und solange diese Themen nicht durch die entsprechenden Entscheidungen bewältigt sind, werden sie uns immer wieder aufs Neue begegnen.

Welche wiederkehrenden Familienthemen und Herausforderungen waren das für Sie persönlich?

Adele Neuhauser: Meine Mutter hat sich beispielsweise von meinem Vater getrennt, als ich noch ein Kind war und meinen Halbbruder mitgenommen, als sie die Familie verlassen hat. Ich bin gemeinsam mit meinem Bruder bei meinem Vater aufgewachsen. Deshalb wollte ich ursprünglich nie heiraten und Kinder bekommen, weil ich immer befürchtet habe, ich könnte vielleicht in eine Wiederholungsfalle tappen. Und wie’s eben oft bei Dingen ist, die man zu sehr befürchtet: Prompt habe ich dann natürlich etwas Ähnliches getan (lacht). Auch ich bin gegangen, habe mich von meinem Mann getrennt und bin genauso wie meine Mutter am Thema Familie gescheitert. Obwohl: Scheitern ist vielleicht ein zu ungerechter Ausdruck. 

ADELE NEUHAUSER


Adele Neuhauser, geboren 1959 in Athen, startete ihre Karriere als Schauspielerin in Deutschland. In Regensburg spielte sie den Mephisto, in Mainz brillierte sie als Medea, in „Vier Frauen und ein Todesfall“ ist sie eine resolute Amateur-Detektivin, und seit 2010 ermittelt sie als Bibi Fellner im Wiener „Tatort“. Demnächst wird sie als Helene Weigel in einem Dokudrama über Bert Brecht zu sehen sein.

Aktuell befindet sich Adele Neuhauser auf Lesereise in ganz Österreich und gastiert bei Live-Auftritten gemeinsam mit Edi Nulz, der Jazz-Punk-Band ihres Sohnes Julian Adam Pajzs.
Infos zum Live-Programm unter edi-nulz.com

Informationen zu Leseterminen unter „Veranstaltungen“ auf: brandstaetterverlag.com

 

 

„Den forschen Gang im Leben habe ich wohl von meinem Großvater geerbt!"

Adele Neuhauser


 

Immerhin haben Zoltan (Anm.: Adele Neuhausers Ex-Ehemann, der österreichische Regisseur Zoltan Paul) und ich heute eine sehr gute und freundschaftliche neue Lebensbasis und vor allem einen großartigen Sohn, zu dem ich eine wunderbare Beziehung habe und mit dessen Jazz-Punk-Band Edi Nulz ich z. B. bei Lesungen mit großem Vergnügen gemeinsam auftrete. Wir sind also in vielerlei Hinsicht durchaus eine Familie – nur eben nicht so, wie man sich das im Bilderbuch oft gerne so ausmalt.

Ihre größten Befürchtungen sind also eingetreten und haben dann doch eine ganz andere Wendung genommen als ursprünglich befürchtet?

Adele Neuhauser: Genau so ist es. Und für dieses Prinzip des Weiterreichens von Themen innerhalb einer Familie bedeutet das: Einerseits ist hier eine Sache so ähnlich gekommen wie bereits bei meinen Eltern. Und andererseits ist daraus trotzdem etwas völlig Neues und letztlich sehr Gutes entstanden. Denn ich hoffe sehr, dass ich gemeinsam mit meinem Ex-Mann vieles durchlaufen habe, das meinem Sohn Julian nun ermöglicht, von diesem Thema befreit zu sein. Das ist eben eine der größten Herausforderungen, die uns das Leben stellt: Den oft sehr verwurstelten Generationenknoten erfolgreich zu entwirren (lacht)!

Auf einem Foto aus Ihrer Kindheit sind Sie gemeinsam mit Ihrem Großvater, dem Maler und Bildhauer Leopold Schmid, bei einem Waldspaziergang zu sehen, im Alter von vierzehn Jahren. Was würden Sie der jungen Adele heute rückblickend sagen, um diesen Generationenknoten vielleicht etwas einfacher zu entwirren, um manche der schmerzhaften Erfahrungen, die Sie in Ihrem Buch schildern, möglicherweise zu vermeiden?

Adele Neuhauser: Mein Großvater hatte bei unseren gemeinsamen Wanderungen immer ein sehr sportliches Tempo. Den forschen Gang habe ich wohl von ihm geerbt, denn heute bin ich diejenige in unserer Familie, die kaum einzuholen ist (lacht). Und grundsätzlich glaube ich nicht, dass man schmerzhafte Erfahrungen vermeiden sollte, geschweige denn ihnen entkommen kann. Eigentlich sogar im Gegenteil: Es ist ja oft die Trauer, die einen lebendig macht. Und der damaligen, sehr verschüchterten, unsicheren und von vielen Ängsten geplagten jungen Adele würde ich auf jeden Fall sagen: Hab keine Angst! Und vor allem: Fürchte dich nicht davor, um Hilfe zu bitten. Wenn ich heute zurückblicke, so ist mir klar, dass ich schon viel früher aus vielen mir ausweglos scheinenden Situationen herausgekommen wäre, wenn ich den Mut aufgebracht hätte, mich mitzuteilen, mit jemand darüber zu reden. So bin ich eben den anderen, schweigsamen Weg gegangen. Meine stillen Hilferufe haben sich dann zum Beispiel in mehreren Suizidversuchen in meiner Jugend geäußert – die, wie man sieht, glücklicherweise alle völlig erfolglos waren.

 

 

Wenn man heute die selbstbewusste, erfolgreiche Schauspielerin sieht, scheinen all diese früheren Ängste und Unsicherheiten mittlerweile doch längst abgehakt und bewältigt zu sein?

Adele Neuhauser: Deshalb lautet mein Buchtitel ja auch nicht Ich bin, sondern Ich war mein größter Feind (lacht). Während des Schreibens ist mir erst so richtig klar geworden, wie viel davon ich schon längst hinter mir gelassen habe. Deshalb war das Buch vielleicht eine gute Möglichkeit, nun endgültig mit vielem abzuschließen, nachdem ich es noch einmal vor meinem inneren Auge vorüberziehen habe lassen. Und die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis: Gerade die besonders schwierigen Umstände lassen einen Menschen umso mehr wachsen und reifen. Immer, wenn etwas besonders schmerzhaft war, hat es zu etwas Gutem geführt. Die großen Tragödien meines Lebens – ich habe etwa in den letzten beiden Jahren zuerst meinen Vater, dann meine Mutter und zuletzt meinen Bruder verloren – haben letztlich meinen Blick auf das Leben und die Welt heute sehr positiv verändert, so paradox das auch klingen mag. Es kommt mir oft so vor, als wären meine verstorbenen Lieben nach wie vor noch sehr eng bei mir, als würden sie mich nun auf einem Weg begleiten, der von Helligkeit, Freude und Optimismus erfüllt ist.

Was den optimistischen Blick auf das Leben betrifft, hätten Sie Ihrer TV-Figur Bibi Fellner also einiges zu sagen?

Adele Neuhauser: Also zunächst einmal finde ich es ein wenig schade, dass Bibi so schnell trocken geworden und von ihrer Alkoholsucht losgekommen ist. Das bedeutet für mich als Darstellerin nun eine schillernde Seite ihrer vielschichtigen Persönlichkeit weniger (lacht). Aber Tatsache ist, dass diese Figur deshalb so erfolgreich ist, weil sie eben keine glatte TV-Figur, sondern sehr glaubwürdig und lebensnah von Problemen und inneren Konflikten geprägt ist. Ich habe schon immer einen gewissen Hang zu komplexen Frauenfiguren gehabt: Auf der Bühne habe ich etwa die Rolle der Medea sehr geliebt, eine der wohl schönsten klassischen Tragödien aller Zeiten. Und sehr gerne habe ich auch den Mephisto in Goethes Faust gespielt. Denn erstens ist ja keineswegs gesagt, dass Mephisto ein Mann sein muss. Und zweitens sagt er in einem berühmten Zitat auch von sich selbst: „Ich bin Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Das wirklich Gute im Leben entsteht oft erst, wenn man das Gegenteil davon erfahren hat. Nur muss man, so wie ich, manchmal einen sehr langen Weg zurücklegen, ehe man das erkennt.

 

Ich war mein
größter Feind


Adele Neuhauser ist ein Kind zweier Welten. Als ihr griechischer Vater und ihre österreichische Mutter sich trennen, beschließt die erst 9-jährige Adele, beim Vater zu leben – eine Entscheidung, die Gefühle von Schuld und Zerrissenheit auslöst und den Auftakt zu einer bewegten Lebensreise bildet. Ein ebenso berührender wie schonungsloser Rückblick voll Offenheit, Humor, Liebe und Lebensklugheit.
brandstaetterverlag.com



 

Credits: © Foto: Katharina Stögmüller, privat/Brandstätter Verlag
 
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