KOLUMNE

Begegnungen


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN FRÜHLING 2018
Text — Doris Knecht

Es ist vererbt, ich kann nichts dafür!

Als notorische Zufrühkommerin, als ewig Ängstliche, den Zug zu verpassen, wartet man viel. Und das, obwohl es einem in all den Jahren und auf all den Reisen noch nie passiert ist. Was natürlich auf unwegsames Henne-oder-Ei-Terrain führt: Ist es einem noch nie passiert, weil man immer viel zu früh da ist? Oder treibt einen die Angst, es könnte doch einmal passieren, immer tiefer in neurotisches Zwangszufrühdasein? Egal. Man hat jedenfalls schon viele Viertel-, halbe und ganze Stunden auf zugigen Bahnsteigen verwartet, ist von einem Bein aufs andere gestiegen, saß auf unbequemen Bänken, studierte die eintrudelnden Mitreisenden und kontrollierte erneut den Wagenstandsanzeiger auf die Korrektheit der Warteposition („Sie befinden sich hier.“ Und wie weit ist das von dort, stehe ich richtig?). Auch diesmal richtet man sich auf eine längere Verweilzeit am Bahnhof Feldkirch ein; tatsächlich auf eine noch längere, denn der Vater hat einen mit dem Auto zum Bahnhof gefahren, und der hat noch mehr Sorge, die Tochter könnte den Zug verpassen („Was, wenn viel Verkehr ist? Ich glaub’, wir fahren lieber ein paar Minuten früher.“). Es ist vererbt, ich kann nichts dafür. Doch als man sich am Parkplatz vom Vater verabschiedet – „Nein, du brauchst nicht mit mir warten, ich bin schon erwachsen!“ – und die Halle durchquert hat, bemerkt man erfreut: Der Railjet, der einen heim nach Wien bringen wird, steht diesmal schon am Bahnsteig. Er ist bereits beheizt und man findet ohne Gedränge seinen reservierten Platz, am Fenster, und kann in Ruhe den Satz von James Joyce aus „Ulysses“ studieren, der auf die Wand des Bahnhofs gemalt wurde. Ein junger Herr mit Brille, der einem schon im Aufzug zu den Bahnsteigen aufgefallen war, eilt vorbei, jetzt trägt er die Uniform des Restaurationspersonals. „Darf ich schon was bestellen?“ Der junge Herr: „Ich komm gl … Ach, warten Sie, ich nehme es gleich auf.“ Und lange, bevor der Zug in den Arlbergtunnel einfährt, serviert der junge Mann einem schon freundlich einen heißen Kaffee, mit einem Blick auf die Reservierung: „Nein, Sie können später bezahlen, Sie sitzen hier ja eh noch länger. Gute Fahrt!“ Danke! Andere Passagiere nutzen längere Bahnreisen bevorzugt zum Arbeiten oder zu ungestörter Lektüre. Ich höre Musik und schaue – deshalb reise ich bevorzugt tagsüber – zum Fenster hinaus. Was ich dabei jedes Mal wieder mag: Wie vor all den hunderten Bahnhöfen, an denen dieser Zug nicht hält, die Fahrdienstleiter mit den roten Kappen stehen, Hände an der Hosennaht. Es hat etwas Anachronistisches, vor allem aber etwas Respektvolles, fast Feierliches: Es sieht aus, als grüßten sie dieses noch immer majestätische Fortbewegungsmittel, dieses eiserne Ross, das durch die Lande galoppiert. Man möchte winken, aber schon ist er weg. Eine Bekannte von mir fuhr vor vielen Jahren täglich mit einem Schnellzug an so einem schmucken jungen Herrn vorbei. Irgendwann nahm sie einen bummeligeren Zug, stieg aus und begann ein Gespräch mit ihm. Das Gespräch führt sie noch immer, jetzt schon seit etwa 25 Jahren, denn sie sind schon ewig verheiratet. Ich empfehle es nicht unbedingt zur Nachahmung, aber ich denke an die Geschichte immer gern.
Doris Knecht


ist Schriftstellerin und Kolumnistin. Ihre Romane „Gruber geht“, „Besser“, „Wald“ und „Alles über Beziehungen“ erschienen bei Rowohlt Berlin. Sie stammt aus Vorarlberg und ist deshalb mit langen Bahnfahrten vertraut. Sie lebt mit Familie und Freunden in Wien und im Waldviertel.

Derzeit klebt sie die Wand ihres Wohnzimmers mit Post-its in allen Farben voll: eine Gedanken- und Ideenblase für ihren neuen Roman, der 2019 erscheinen soll.


Credits: © Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com
 
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