KOLUMNE

Ganz klassisch, ganz altmodisch


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN SOMMER 2018
Text — Doris Knecht

Über Zufälle, den Glauben daran und die plötzliche, überraschende Erkenntnis, dass es vielleicht doch keine sind.

 

Aus den Tiroler Bergen kamen wir. Wir waren vierzehn Leute: Große, Mittlere und Kleine. Wir hatten zwei Kleinbus-Taxis bestellt, sie sollten uns zum Bahnhof von Landeck bringen. Sollten. Wir teilten uns auf die Busse auf und fuhren los: rechtzeitig, gute eineinhalb Stunden vor Abfahrt des Zuges nach Wien, in dem wir – es war Ferienreisezeit – schon lange Plätze für alle reserviert hatten. Als wir zu einem Tunnel kamen, schaltete vor uns die Ampel auf Rot. Sie blieb sehr lange rot. Nach zwanzig Minuten erfuhren wir: ein Unfall im Tunnel. Oje, böse Sache. Die Umfahrung um den Tunnel konnten wir nicht nehmen, die war wenige Tage vorher von einem Felssturz verlegt worden.
Wir wurden ein bisschen nervös. Es vergingen noch einmal zehn Minuten, in denen wir noch nervöser wurden, da wurde die Ampel grün: Tunnel wieder befahrbar. Hurra! Kein Problem! Schaffen wir leicht! Der Fahrer sagte, doch ein Problem, in Zams ist ein Umzug, der beginnt in ein paar Minuten. Ach, ein Umzug, so. Wir waren minderbesorgt, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass es bei einem Umzug keine Umleitung gibt. Wir lernten: keine Umleitung, keine Chance, in den nächsten zwei Stunden nach Landeck zu kommen. Großer Frust. Was machen wir jetzt? Ein Großer öffnete auf seinem Handy schnell die „Scotty“-App und sagte: Bahnhof Ötztal! Ist zu schaffen! Wir fuhren auf die Autobahn, dann telefonierte unser Fahrer mit dem anderen und sagte: Nach Ötztal fahren wir nicht, das ist zu weit. Er fuhr nach Imst und lud uns am Bahnhof einfach aus.
Da standen wir nun, vierzehn Leute: verärgerte Große, genervte Mittlere, quengelige Kleine. Wir stellten unser Gepäck irgendwo ab und sahen unserem Zug mit den reservierten Plätzen dabei zu, wie er durch den Bahnhof Imst brauste. In einer guten Stunde fuhr der nächste, jemand rief 051717 an und erfuhr, dass es leider zu spät sei für Last-Minute-Reservierungen, aber der Zug sei nicht ausreserviert, wir könnten es versuchen.
Der Bahnhof Imst ist nicht groß. Es gibt einen kleinen Wartesaal mit Sitzgelegenheiten und einem Bankomaten. Und es gibt ein klassisches, altmodisches Bahnhofbuffet mit ein paar Sitzgelegenheiten und einigen Stehtischen, an denen sich die Einheimischen auf einen Plausch treffen. In einer Ecke lehnt eine Schleckeis-Truhe unter einer alten Bahnhofsuhr. Auf einer kleinen Schiefertafel steht mit Kreide: Leberkässemmel 2,20. Daneben ein Zigaretten-Regal. Und in der Mitte des Raumes, vor einer großen Kaffeemaschine, thront eine große gläserne Vitrine mit allem, was so eine Vitrine enthalten muss: Wurstsemmeln und Reiseproviant, Süßigkeiten und kalte Getränke. Dahinter stand ein älterer Herr in einem karierten Hemd, mit einem breiten Lächeln und einer unerschütterlichen Ruhe, sagte: „Griaß enk!“ und rettete unseren Tag und unsere Laune. Wer will eine Wurstsemmel? Ich, ich, ich, ich! Ich will bitte einen Schokoriegel! Gibt’s auch Limonade? (Natürlich.) Gibt’s auch Kaffee? (Ja!) Gibt’s noch mehr Wurstsemmeln? Der Herr Peter machte uns welche. Selten hat mir ein Semmerl mit Wiener Wurst so gut geschmeckt, und der Kaffee, den der Herr Peter mir hinstellte. Milch und Zucker? Nein, danke! Und dann kam auch schon unser Zug. Und, Halleluja, jeder von uns fand einen Platz: die Großen, die Mittleren und die Kleinen, und es wurde alles noch gut.
Doris Knecht


ist Schriftstellerin und Kolumnistin. Ihre Romane „Gruber geht“, „Besser“, „Wald“ und „Alles über Beziehungen“ erschienen bei Rowohlt Berlin. Sie stammt aus Vorarlberg und ist deshalb mit langen Bahnfahrten vertraut. Sie lebt mit Familie und Freunden in Wien und im Waldviertel.

Derzeit klebt sie die Wand ihres Wohnzimmers mit Post-its in allen Farben voll: eine Gedanken- und Ideenblase für ihren neuen Roman, der 2019 erscheinen soll.


Credits: © Illustration: Blagovesta Bakardjieva, carolineseidler.com