Mobilität

ZUKUNFTS- VISIONEN


AUS DEM RAILAXED MAGAZIN SOMMER 2018
Text — Nikolaus Prokop

Wie sehen die Verkehrsmittel der Zukunft aus? Eine Frage, auf die das AIT Austrian Institute of Technology schon heute wegweisende Antworten liefert – wir sprachen mit Arno Klamminger, Head of Center for Mobility Systems.

 

Im Center for Mobility Systems des AIT wird bereits heute über Formen der Fortbewegung nachgedacht, die uns frühestens in einem oder auch erst in mehreren Jahrzehnten betreffen werden. Wie werden wir uns in Zukunft tatsächlich fortbewegen – per Privatdrohne, per Überschallzug, per selbstlenkendem Elektroauto oder gar per Beamen?

Arno Klamminger: Es kommt gar nicht so sehr auf die eine oder andere spektakuläre Zukunftstechnologie an, sondern vor allem auf das ganzheitliche Bild, auf das multimodale, dynamische Zusammenwirken unterschiedlicher Verkehrssysteme, Technologien und Fortbewegungsmittel je nach Situation und Bedarf. Dieser ganzheitliche Aspekt der Mobilität spielt bei unserer Forschungsarbeit eine große Rolle, etwa in Form integrierter Mobilitätssysteme oder der Optimierung von Transport- und Logistiksystemen. Auch Umweltfragen oder die Nutzung von Mobilitätsdaten sind hier wesentlich – Fortbewegung hat heute viel mit Information zu tun.

Wie lässt sich der Begriff „Multimodale Mobilität“ für wissenschaftliche Laien einfach erklären?

Arno Klamminger: Bei der Fortbewegung kommt es ja nicht nur auf das Was – also den Weg von A nach B –, sondern vor allem auch auf das Wie an. Multimodale Mobilität bedeutet, dass ich je nach Situation die für mich optimale Kombination von Verkehrsmitteln wählen kann und einen genauen Überblick über sämtliche Möglichkeiten und ihre Verknüpfung habe: vom Fußweg über Fahrrad oder Leihfahrzeug bis zu Individualverkehr und öffentlichem Verkehr per Bahn, Schiff oder Flugzeug mit allen Informationen zu Dauer, Kosten und anderen Faktoren. Mit dem Wachsen dieser Informationsdichte werden z. B. Smartphones eine immer größere Rolle spielen, um ein vernetztes Verkehrsmittelangebot bestmöglich nutzen zu können. Das Smartphone wird noch wesentlich intensiver als heute die Rolle eines umfassenden Mobilitätsbegleiters spielen, von der Routenplanung und Orientierung über laufende Informationen während der Reise bis zur Abrechnung.

Über AIT


Das AIT Austrian Institute of Technology ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung und unter den europäischen Forschungseinrichtungen der Spezialist für die zentralen Infrastrukturthemen der Zukunft.

Unter den acht spezialisierten Forschungszentren des AIT ist die Arbeit des Center for Mobility Systems vor allem auf Themen wie vernetzte, integrierte Transportsysteme, Infrastrukturtechnologien sowie technologische Lösungen für die Verkehrsbranche im Informations-, Logistik-, Umwelt- und Sicherheitsbereich spezialisiert.

 


Multimodale Mobilität basiert auf der optimalen vernetzten Kombination von Verkehrsmitteln je nach Situation und individuellem Bedürfnis. Intelligente Informations-technologien werden in Zukunft noch weitaus mehr als heute die jeweils maßgeschneiderte Wahl aus einem umfassenden vernetzten Angebot von Verkehrsmitteln unterstützen.

 

Welche Zukunftstechnologien werden für den Bereich der Verkehrsmittel selbst von Bedeutung sein?

Arno Klamminger: In erster Linie wird die Zukunft durch ein vernetztes, multimodales Szenario geprägt sein, in dem alle Arten der Fortbewegung und Verkehrsmittel eine Rolle spielen. In der einen oder anderen Form werden Technologien von Bedeutung sein, die heute noch größten­teils in einer Test- oder Konzeptionsphase stecken, wie etwa automatisiertes Fahren oder der Transport und die Fortbewegung mit Drohnen. Wenn man allerdings noch einen visionären Schritt weiterdenkt, dann werden wir eventuell teilweise nicht mehr physisch reisen müssen, wenn wir von A nach B wollen. Virtuelle Realität und holografische Darstellungen sind durchaus denkbare Szenarien, um z. B. bei beruflichen Terminen anwesend zu sein, ohne körperlich den Ort verlassen zu müssen. Herkömmliche Videokonferenz-Technologien zeigen ja nur zweidimensional ein Gesicht auf einem Bildschirm. Zukünftig könnten virtuelle Technologien allerdings einen immer realistischeren Eindruck der vollständigen Person und der Umgebung erscheinen lassen.

Abgesehen vom visionären Thema Drohnen: Welche Zukunftsentwicklungen sehen Sie speziell beim Thema Bahn?

Arno Klamminger: Ein wichtiger Punkt ist hier nicht nur die Zugfahrt selbst, sondern auch das Davor und Danach. Hier geht es vor allem um die verschiedenen Schnittstellen und die Last-Mile-Thematik von und bis zur Haustüre. In Zukunft könnten hier z. B. automatisierte Fahrzeuge für den Weg zum und vom Zug zum Einsatz kommen; ein spannendes Thema ist aber vor allem auch der Bahnhof selbst als entscheidende Schnittstelle. Auch hier werden in Zukunft Informationstechnologien und das Thema Virtuelle Realität eine wichtige Rolle spielen, sowohl bei der Planung von Bahnhöfen als auch bei der Orientierung und Wegeleitung der Fahrgäste vor Ort – konkrete Projekte zu diesem virtuellen „Wayfinding“-Thema sind bei uns bereits in Umsetzung.





Arno Klamminger
AIT Center for Mobility Systems
*1967 in Graz, war nach dem Studium der Technischen Physik und einer Managementausbildung in Harvard bei Technologieunternehmen wie Kapsch, AT&S und AVL tätig und leitet seit 2017 das Center for Mobility Systems des AIT.

Credits: © Collage: Foto „virtual reality glasses”: Adobe Stock / Sergey; Foto „Wien Hauptbahnhof”: ÖBB / Philipp Horak; AIT_PicturePeople