13.03.2016

Auf Schusters Rappen zu Schikaneders Sänfte


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Text — Christina Rademacher



In Wien-Döbling sind die Villen groß, die Schlösser aber so klein, dass sie Schlössl heißen. Eine Ausnahme bildet ausgerechnet das Versailles der Arbeiter , wie der knapp 1300 Gemeindewohnungen umfassende Karl-Marx-Hof auch genannt wird. Ein Spaziergang, der am Maria-Theresien-Schlössl in Oberdöbling beginnt und am Léhar-Schikaneder-Schlössl in Nußdorf endet, macht mit Kapitalisten, Kommunisten und Komponisten des nicht durchwegs noblen 19. Bezirks bekannt.

Bis zur Haltestelle Silbergasse fahren Bim oder Bus, dann weist die Pfarrkirche den Fußweg in die Hofzeile, der ältesten Häuserzeile Oberdöblings. Der namensgebende Gutshof an der heutigen Nummer 18-20 brannte 1529 nieder. Das Landhaus, das an seiner Stelle gebaut wurde, soll wie so viele Anwesen in und um Wien einmal Maria Theresia gehört haben. Ob sie dort tatsächlich je Pause von ihren Regierungsgeschäften machte, ist nicht gewiss, nur dass es ihr Haus- und Hofarchitekt Nikolaus von Pacassi war, der das Landhaus zu einem Schlössl umbaute. Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnete Nathaniel Freiherr von Rothschild dort eine Nervenheilanstalt. Heute lernen im Maria-Theresien-Schlössl und seinen Zubauten knapp 300 zumeist osteuropäische Studierende, wie man Gewinne maximiert. Gegründet wurde die Fachhochschule für Wirtschaft von Ronald Lauder, dem Sohn der amerikanischen Kosmetikunternehmerin Estée Lauder und ehemaligen US-Botschafter in Österreich.  

Maria Theresien Schlössl in der Hofzeile (c) Christina Rademacher Maria Theresien Schlössl in der Hofzeile (c) Christina Rademacher

Wenige Meter östlich bröckelt der Putz von den Mauern der barocken Kapelle Ecke Hofzeile/Döblinger Hauptstraße, die Fensterrahmen sind verwittert, die Scheiben zerbrochen. Das Kloster der Schwestern vom Armen Kinde, zu dem die Kapelle gehört, scheint finanziell deutlich schlechter ausgestattet zu sein als die Lauder Business School. Vorbei am Wertheimsteinpark, in dem sich beispielhaft all das versammelt, was man gemeinhin mit Döbling verbindet eine Villa und ein verwunschener Teich, alte Bäume und Denkmäler, aristokratisch regierte Geschichte und entsprechend viel Geld im Hintergrund gelangt man zur Hohen Warte. Nachdem man rechts in die Gallmeyergasse und links in die Klabundgasse abgebogen ist, erreicht man den Karl-Decker-Weg, der Fußgänger zwischen der Zentralanstalt für Meterologie und Geodynamik und dem Fußballstadion Hohe Warte hinauf zum Aussichtsweg führt.

Aussicht vom Aussichtsweg Hohe Warte (c) Christina Rademacher Aussicht vom Aussichtsweg Hohe Warte (c) Christina Rademacher

Aussicht hat man von dort vor allem auf die Hochhäuser des 20. Bezirks, die die Kulisse für den Karl-Marx-Hof bilden. Über zahlreiche Stufen führt der Aussichtweg hinunter zur Heiligenstädter Straße und damit vor die Front des Gemeindebaus. Der kriegerische Ausdruck passt zu der Anlage, die zwischen 1927 und 1930 errichtet wurde, mit ihren massiven Mauern und bogenförmigen Durchfahrten aber so trutzig wirkt wie eine mittelalterliche Wehrburg. Tatsächlich verschanzten sich hier während der Februarkämpfe 1934 aufständische Arbeiter und der Republikanische Schutzbund. Erst nach Artilleriebeschuss durch das Bundesheer und die Heimwehr gaben sie auf. Heute gerät der Karl-Marx-Hof höchstens durch Rosenkriege in die Schlagzeilen. Wer nach ein paar Schritten auf der Heiligenstädter Straße stadtauswärts durch ein wohl nicht zufällig rot gestrichenes Gittertor rechts abbiegt, betritt einen zumeist friedlichen Innenhof, in dem winzige Hunde zwischen Bänken und Bäumen umher wuseln, während ihre Besitzer miteinander plaudern oder in einer Gratiszeitung blättern. Die aufgekrempelte Jeans, die auf der Mauer einer Loggia neben ein paar gewöhnlichen Übertöpfen steht, kämpft still für ein Stück Individualität im angeblich längsten zusammenhängenden Wohnbau der Welt.

Karl-Marx-Hof (c) Christina Rademacher Karl-Marx-Hof (c) Christina Rademacher



Impressionen (c) Christina Rademacher Impressionen (c) Christina Rademacher

Vom rauhen Charme dieses Versailles der Arbeiter führt der Weg zu einem Komponisten, der mit seinem finsteren Blick viele Zeitgenossen abschreckte. Durch die Halteraugasse und den Durchgang Heiligenstädter Straße 141 gelangt man an der Südseite einer von Satellitenschüsseln gesprenkelten Gartenkolonie zu einem Serpentinenweg, der sich in den Heiligenstädter Park hinauf schlängelt. Kaum ist der Gipfel erklommen, geht es rechts auch schon wieder hinunter ins Tal. Etwa dort, wo ein Denkmal Beethoven als leidenschaftlichen Spaziergänger zeigt und paradoxerweise zugleich zur Bewegungslosigkeit verdammt, befand sich einst ein Bad, das von einer mineralhaltigen Quelle gespeist wurde.

Beethoven Denkmal im Heiligenstädter Park (c) Christina Rademacher Beethoven Denkmal im Heiligenstädter Park (c) Christina Rademacher

Von ihrer Heilkraft erhoffte sich der Komponist eine Besserung seines existenzbedrohenden Gehörleidens. Wie sehr er darunter litt, schilderte er seinen Brüdern 1802 in einem nie abgeschickten Brief. Die Tonaufnahme von Beethovens Heiligenstädter Testament ist in der kleinen Gedenkstätte in der Probusgasse 6 zu hören und klingt noch verstörender, wenn gerade die Glocken der Pfarrkirche St. Michael läuten. Sie passiert man auf dem Weg zur Gedenkstätte ebenso wie die Bruno-Kreisky-Villa in der Armbrustergasse 15.

Beethoven Gedenkstätte Probusgasse (c) Christina Rademacher Beethoven Gedenkstätte Probusgasse (c) Christina Rademacher

Über den Pfarrplatz und durch Eroica-, Hammerschmidt-, Traminer-, Kahlenberger- und Greinergasse, wo immer wieder Gedenktafeln an den Komponisten erinnern, erreicht man die Hackhofergasse. Hinter der Fassade von Hausnummer 18, die mit ihren Sahnetönen den Geschmack von Vanille- und Erdbeereis heraufbeschwört, wohnten zwei andere Musik liebende Männer: Emanuel Schikaneder, Sänger, Schauspieler, Theaterdirektor und Librettist von Mozarts Oper Die Zauberflöte , kaufte das 1737 erbaute Palais in selben Jahr, in dem Beethoven sein Heiligenstädter Testament verfasste. Bereits 1811, nach der kriegsbedingten Geldentwertung, musste er allerdings wieder ausziehen und starb ein Jahr später verarmt und geistig verwirrt in Wien-Alsergrund. Die Sänfte, mit der sich Schikaneder zu seinen Theatervorstellungen tragen ließ, steht im Festsaal des Schlössls. Ein Foto an der Wand zeigt das Geburtshaus Franz Léhars, der das Schlössl 1932 erwarb und dort unter anderem die Ouvertüre seiner Operette Die lustige Witwe schrieb.

Lehar-Schikaneder Schlössl (c) Christina Rademacher Lehar-Schikaneder Schlössl (c) Christina Rademacher

Wer rechtzeitig unter Tel. 0043/1/3185416 einen Termin vereinbart hat, wird von Hermine Kreuzer, die das Schlössl von Franz Léhars Bruder Anton geerbt hat, durch das liebevoll gepflegte Palais und den zauberhaften Garten geführt. Gern würde man sich auf der hölzernen Liege im Schatten eines großen, im Herbst goldgelb leuchtenden Ginkgo-Baums ausstrecken und dem Putto dabei zuschauen, wie er sich in der Mitte eines Bassins vom Strahl einer Fontäne duschen lässt. Im Garten des Lehar-Schikaneder Schlössls (c) Christina Rademacher Doch dieses Privileg genießen nur die steinernen Frauengestalten ringsherum. Alle anderen müssen sich bald wieder aus dem Paradies vertreiben und zurück durch Hackhofergasse und Greinergasse zur Haltestelle Nußdorf gehen, von wo sie die nächste Bim rumpelnd und schaukelnd Richtung Zentrum bringt. Emanuel Schikaneder dürfte sich in seiner Sänfte nicht viel anders gefühlt haben.
 
 
 
 

Christina Rademacher
ist Expertin für (ent)spannende Streifzüge durch Wien und Niederösterreich. Dabei ist die Journalistin prinzipiell ohne Auto unterwegs, denn nachdenken und schreiben lässt sich nirgendwo besser als in der Bahn. Auf diese Weise sind schon einige Bücher entstanden, zum Beispiel „Vom Hinterhof in den Himmel: 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien“, „Auf den Spuren von Prunk & Pomp: Unterwegs zu den schönsten Schlössern in und um Wien“ und „Unterwegs zwischen Wien und Bratislava: Genussvoll durch Marchfeld und Donauauen“. Zuletzt erschienen: „Pilger für einen Tag: Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern“.  
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