20.03.2016

Grenzerfahrungen rund um den Neusiedlersee


ACTIVE
Text — Gerhard Liebenberger



Im Burgenland finden Urlauber was man in großen Touristenzentren längst vermisst: Nämlich Ruhe und Freiheit. Und viel Platz. Bei ausgedehnten Radtouren lässt sich die abwechslungsreiche Landschaft entlang der Grenze zu Ungarn und ihre Geschichte entspannt entdecken. Besonders beliebt für Radausflüge ist der Neusiedler See.

So flach wie hier ist das Land nirgendwo in Österreich. Bretteleben liegt die Pannonische Tiefebene im Seewinkel vor dem gerade angekommenen Pedalritter. Der Blick schweift über die karge Steppenlandschaft entlang der Österreich-Ungarischen Grenze und den Schilfgürtel am Neusiedler See. Graue Steppenrinder mit riesigen Hörnern grasen auf der weiten Fläche. Auf den alten ungarischen Wachtürmen eröffnet sich wagemutigen Kletterern ein traumhafter Blick in die scheinbar unberührte Landschaft des Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel. Bis 1989 waren die Türme eiserne Spitzen in der Landschaft, auf denen der undurchdringliche Eiserne Vorhang zwischen Ost und West bewacht wurde. Heute, 27 Jahre später, verwehrt kein Stacheldraht den Weg über die Grenze. Er wurde in Museen, wie dem Grenzerfahrungsweg in Bildein im Südburgenland, verbannt. Beim grenzenlosen Radfahren entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs wird die Geschichte vielerorts wieder lebendig.

Wachturm am Grenzerfahrungsweg (c) Gerhard Liebenberger Wachturm am Grenzerfahrungsweg (c) Gerhard Liebenberger

Die Reifen holpern über das aufgerissene Asphaltband entlang der schnurgeraden Allee. Eine gefühlte Ewigkeit dauert die neun Kilometer langen Fahrt in der Mittagshitze von Andau zur österreichisch-ungarischen Grenze. Auf der heute von Skulpturen gesäumten Fluchtstraße waren während des Ungarischen Volksaufstandes im Jahr 1956 über 70.000 Ungarn auf der Flucht vor der Roten Armee. Die Brücke von Andau war eine der wenigen Möglichkeiten von Ungarn in den Westen und in das nicht mehr besetzte Österreich zu fliehen. Am 21. November 1956 sprengten ungarische Soldaten die Holzbrücke über den Einser-Kanal und zerstörten für die Nachkommenden die Hoffnung, dem Terror im eigenen Land zu entkommen. 40 Jahre später wurde die Brücke von Andau zur Erinnerung wieder aufgebaut und ist heute ein beliebter Stopp für grenzenlose Radfahrer. Der geschichtsträchtige Platz liegt auf der Route des Iron Curtain Trails. Dieser Radweg führt entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs von der Berentsee bis zum Schwarzen Meer.

Die Brücke von Andau (c) Gerhard Liebenberger Die Brücke von Andau (c) Gerhard Liebenberger

Rund um den Neusiedler See kann spontan drauf los geradelt werden. Zahlreiche Güterwege zwischen den Weingärten dürfen mit dem Fahrrad befahren werden. Wer den richtigen Weg nimmt entdeckt zwischen den Rebstöcken den tiefsten gemessenen Punkt Österreichs mit 114 Metern Seehöhe, er liegt in der Nähe von Apetlon. Von hier geht es nur noch bergauf. Vor zu großen Steigungen brauchen sich Radfahrer trotzdem nicht zu fürchten, denn im Durchschnitt liegt der Seewinkel nur 120 Meter über dem Meeresspiegel. Der tiefste Punkt Österreichs (c) Gerhard Liebenberger Für einen Radausflug im Seewinkel sollte man etwas Zeit mitbringen. Zeit zum Beobachten der Natur. Aufgeschreckte Rehe kreuzen den Radweg, flinke Hasen schlagen in den Feldern Haken. Nur die Störche zeigen sich von den Pedalrittern unbeeindruckt. Mit einem Exkursionsleiter können Naturliebhaber noch viel mehr entdecken. Geführte Radtouren bieten einen besonderen Einblick in die beeindruckende Artenvielfalt im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel. Beim Birdwatching beobachten die Teilnehmer die Besonderheiten der Vogelwelt zu jeder Jahreszeit. Dann geht es mit dem Fahrrad zum nächsten interessanten Platz weiter. Vom Seewinkel führt die Radtour über Ungarn zum westlichen Ufer des Neusiedler Sees. Den Weg kann man auch mit verschiedenen Radfähren abkürzen.

Über den Neusiedlersee mit der Radfähre (c) Gerhard Liebenberger Über den Neusiedlersee mit der Radfähre (c) Gerhard Liebenberger

In der Nähe von Mörbisch befindet sich ein weiterer geschichtsträchtiger Ort. Wo heute Radfahrer am Grenzübergang St. Margarethen Rast machen wurde am 19. August 1989 Geschichte geschrieben. Hier öffneten sich beim Paneuropäischen Picknick für drei Stunden die mit Stacheldraht verhauenen Grenztore zwischen Österreich und Ungarn. 600 bis 700 DDR-Bürgern gelang die Flucht in den Westen. Die Bilder gingen damals um die Welt, wenige Wochen später fiel die Berliner Mauer.

Burgenländische Idylle in Apetlon (c) Gerhard Liebenberger Burgenländische Idylle in Apetlon (c) Gerhard Liebenberger

Die zahlreichen Radwege rund um den Neusiedler See bieten viele Möglichkeiten für Tagesausflüge. Der kleine Akku am Fahrradrahmen verrät, dass einige Burgenland-Radler mit Rückenwind unterwegs sind. Im flachen Seewinkel kann der Gegenwind manchmal kräftezehrend sein und im hügeligen Mittel- und Südburgenland macht das E-Bike die Fahrt durch die Weinberge zum Kinderspiel.

Manchmal wünschen sich auch Radler ein Segel (c) Gerhard Liebenberger Manchmal wünschen sich auch Radler ein Segel (c) Gerhard Liebenberger

Vom westlichen Ufer des Neusiedler Sees sind mehrtägige Radtouren entlang der Grenze ins Südburgenland möglich. Bald ändert sich auf dieser Route die Landschaft und man durchradelt ausgedehnte Wälder und immer öfter Obstplantagen. Viel Energie benötigen Radfahrer um den höchsten Berg des Burgenlandes, den Geschriebenstein, zu bezwingen um ins Südburgenland zu gelangen. Für Genussradeler ist einer der zahlreichen Heurigen und Buschenschanken ein ideales, kulinarisches Etappenziel, um einen sportlichen Tag im Burgenland entspannt ausklingen zu lassen.

Kellergasse in Heiligenbrunn (c) Gerhard Liebenberger Kellergasse in Heiligenbrunn (c) Gerhard Liebenberger

 
 
 
 

Gerhard Liebenberger
geb. 1978 in Bruck/Mur, ist Reisender aus Leidenschaft: Meist alleine mit Rucksack und bevorzugt mit der Eisenbahn. Über seine Reisen, die ihn u.a. durch Sibirien, China, Japan und Indien führten, berichtet er in den Blogs andersreisen und schienenreisen. Auf Leinwand begeistert aktuell die Multivisions-Show „Süd Indien – Ein Bahn-Reise-Abenteuer“.
Weitere Stories

PEOPLE & LIFESTYLE
Mein Zürich
 
PEOPLE & LIFESTYLE
Gasthaus Weiserhof
 
TRAVEL
Die längste Zugfahrt der Welt
 
SERVICE
Oberösterreich an einem Tag entdecken