01.05.2016

Bäriges Bern


TRAVEL
Text — Gudrun Krinzinger



Bern und die Bären, das ist eine ganz eigene Geschichte. Laut Gründungslegende entschied der Stadtgründer und Jäger Herzog Berchtold V. von Zähringen die Stadt nach dem ersten Tier zu benennen, das ihm in den umliegenden Wäldern vor Pfeil und Bogen kam. Ein Bär macht da natürlich schon mehr her als ein Hase oder ein Fuchs. Oder können Sie sich vorstellen, die Hauptstadt der Schweiz würde Rebhuhn heißen?

So schmückt der Bär nicht nur das Stadtwappen, nein, er wird zum Beispiel in der Traditions-Confiserie Tschirren aus Schokolade hergestellt und geht in der Konditorei Glatz als Mandelbärli in den Geschmacksrichtungen Vanille, Zitrone, Cappuccino und Honig über den Ladentisch.          

Zum Anbeissen (c) Gudrun Krinzinger Zum Anbeissen (c) Gudrun Krinzinger

Zusätzlich findet man die Figur des Bären auf zahlreichen Brunnen wieder, die die Berner Altstadt schmücken wie keine andere Stadt, die ich bisher bereist habe. Über 100 Exemplare sind über die ganze Stadt verteilt. Sie tragen so klingende Namen wie Gerechtigkeitsbrunnen oder Chindlifresserbrunnen.   Diese Brunnenfigur am Kornhausplatz ist schaurig anzusehen. Eine Figur mit riesigen Zähnen verspeist gerade ein kleines Kind, in einer Umhängetasche warten die weiteren Opfer auf ihr Schicksal.

brunnenfigur Brunnenfigur (c) Gudrun Krinzinger

Weitaus harmloser ist da der Mosesbrunnen anzusehen, der sich am Münsterplatz befindet. Und wenn ich schon in der Nähe des Münsters bin, kann ich nicht widerstehen und steige die 222 Stufen zur ersten Galerie empor.

Der Berner Münster (c) Gudrun Krinzinger Der Berner Münster (c) Gudrun Krinzinger

Von einer Höhe aus 46 Metern blicke ich auf die Aare, die im Sommer zum Baden einlädt. Doch Vorsicht, ungeübte Schwimmer haben im Fluss nichts verloren! Jedes Jahr ertrinken Menschen, die sich und die Wirbel der Aare unterschätzen. Wer auf Nummer sicher gehen will, geht lieber ins Freibad Marzili. Der Eintritt in dieses Bad ist übrigens gratis.

Blick auf die Aare (c) Gudrun Krinzinger Blick auf die Aare (c) Gudrun Krinzinger

Ich steige noch die restlichen 90 Stufen im Turm empor und blicke auf ein Meer aus roten Dächern. Die Häuser, die so behütet werden, haben eine einheitliche hellbraune, manchmal leicht grüne Farbe. Sie sind aus Sandstein erbaut. Nach dem großen Brand im 1405 erließ das Magistrat ein Gesetz, dass zukünftig nur Gebäude aus Stein errichtet werden dürfen. Die Berner Bürger hielten sich daran und bauten gleich noch eine Besonderheit, die das heutige Stadtbild prägt: die Arkaden, die in Bern auch Lauben genannt werden.

Blick über die Dächer (c) Gudrun Krinzinger Blick über die Dächer (c) Gudrun Krinzinger

Insgesamt sind sie 6 Kilometer lang und haben neben den manchmal außergewöhnlichen Geschäften einen Zusatznutzen: Sie bewahren die shoppinglustigen Touristen und Berner vor dem Regenwetter. Gut gelaunt spaziere ich durch die Lauben und entdecke ein tolles Geschäft nach dem anderen. Wo soll ich meine Mitbringsel erstehen? Im Streetbelt gibt es einzigartige Gürtel mit Gürtelschnallen aus Hydrantennummern zu kaufen. Ursprünglich aus einer bierseligen Idee entstanden, sind die Gürtelschnallen des Berner Unternehmens mittlerweile in 30 Länder erhältlich.

Streetbelt (c) Gudrun Krinzinger Streetbelt (c) Gudrun Krinzinger

Im Chäsbueb darf ich Schweizer und Europäischen Käse verkosten und natürlich auch gleich kaufen. Hätte ich noch einen weiteren Tag eingeplant, würde ich mich für den Samstags-Brunch im ChäsChäuer anmelden.

Einfach tief durchatmen und genießen (c) Gudrun Krinzinger Einfach tief durchatmen und genießen (c) Gudrun Krinzinger

Ein paar Meter weiter lande ich im Geschäftslokal Feinfracht. Hier verkauft man Produkte aus den Bereichen Lifestyle, Accessoires und Wohnen. Begeistert bin ich von den originellen Geschäftsnamen: Das „Stoffwechsel“ entpuppt sich als Second-Hand-Laden, das „Stoffartig“ ist auf das Thema Nähen spezialisiert und im „Uhrsachen“, wie könnte es auch anders sein, werden Uhren an- und verkauft und bei Bedarf repariert. Ob man sich über die Uhr der Zytglogge drübertraut? Der Zeitglockenturm ist das Wahrzeichen der Stadt und mit einem aufwändigen Uhrwerk ausgestattet. Mithilfe von unzähligen Zahnrädern werden nicht nur die Astrolabiumsuhr und die Ziffernblätter betrieben, auch das Glockenspiel startet zu jeder vollen Stunde.

Die Zytglogge (c) Gudrun Krinzinger Die Zytglogge (c) Gudrun Krinzinger

Der goldene Hahn beginnt den Reigen und lässt ein Krähen erklingen. Die Bären drehen sich im Kreis, ein Narr schlägt die Stunden, der Hahn kräht zum zweiten Mal, und jetzt übernimmt Chronos, der Gott der Zeit, das Zepter. Er dirigiert die Stundenschläge und öffnet bei jedem Schlag den Mund. Ausgeführt werden die Stundenschläge vom vergoldeten Ritter im Turm. Der Hahn kräht zum dritten und letzten Mal, eine neue Stunde beginnt.

uhrwerk Das Uhrwerk der Zytglogge (c) Gudrun Krinzinger

Nicht weit vom Zytglogge entfernt schlug im Jahre 1905 die Stunde der speziellen Relativitätstheorie. Der 23-jährige Physiker Albert Einstein hatte im Schweizer Patentamt eine Stelle als „Technischer Experte Dritter Klasse“ angenommen und war dabei seine Familienverhältnisse zu ordnen. Er heiratete Milena Maric und zog mit ihr 1903 in eine kleine Wohnung im zweiten Stock in der Kramgasse 49. In diesen Räumen wurde Physikgeschichte geschrieben, denn die Jahre in Bern zählten zu den produktivsten in Einsteins Laufbahn. Hier entstanden die wichtigsten Arbeiten, unter anderem über den photoelektrischen Effekt, für die Einstein 1921 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde.

Albert Einsteins Wohnzimmer (c) Gudrun Krinzinger Albert Einsteins Wohnzimmer (c) Gudrun Krinzinger

Ausgezeichnet hat sich die Stadt Bern, als es den italienischen Architekten Renzo Piano beauftragte, ein Museum für den in Bern geborenen Künstler Paul Klee zu schaffen. Entstanden ist ein wellenförmiges Gebäude aus Glas und Stahl, das mit 4000 Werken die umgangreichste Sammlung des expressionistischen Malers beherbergt. Die Gegend zählt jetzt nicht zu den schönsten, so direkt bei der Autobahn.

Paul Klee Museum Paul Klee Museum von Renzo Piano (c) Gudrun Krinzinger

Wobei man bei der Anreise nach Bern das Auto getrost in der Garage stehen lassen kann. Die Schweizer Bahn ist berühmt für Pünktlichkeit und gute Anschlüsse und bevor ich mich in den Zug Richtung Zürich setze, besuche ich zum Abschluss meines Besuchs die Bären im Bärenpark. Die Wappentiere sind erst vor kurzem aus dem Winterschlaf erwacht und erkunden neugierig ihr Revier direkt an der Aare. Finn heißt der ausgewachsene Braunbär, der mit seiner Bärin Björk und seiner Tochter Ursina im Bärenpark direkt bei der Nydeggbrücke wohnt. Bäriges Bern, kann man da nur sagen!
 
 
 
 

Gudrun Krinzinger
Gudrun Krinzinger ist begeisterte Reisebloggerin und seit ihrer Kindheit gerne mit dem Zug unterwegs. Ihre abenteuerlichste Zugfahrt führte sie von Pjöngjang nach Peking, die schnellste von Paris nach Marseille und die unspektakulärste von Wels nach Passau. Seit 2011 schreibt sie auf ihrem Reiseblog reisebloggerin.at nicht nur vom Zugfahren.
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