11.01.2015

Hirschwürstel, mein Großvater und der Skigott Ull in Mürzzuschlag


TRAVEL
Text — Tanja Paar



Immer genau in der Kurve! Immer genau in der Kurve, wenn die Bahn bei Payerbach-Reichenau über das Viadukt zuckelt, stellt sich das Urlaubsgefühl ein. Die Semmeringbahn ist für mich immer auch ein Stück Familiengeschichte, war der Großvater doch Fahrdienstleiter...

erst in Klamm-Schottwien, dann in Mürzzuschlag. Also wird die gesamte Familie noch heute gezwungen, Richtung Steiermark fahrend, immer links zu sitzen, um im entscheidenden Moment einen Blick auf das Bahnwärterhäuschen zu erhaschen. Schau, Klamm-Schottwien, da hat dein Uropa gelebt! Ich weiß , antwortet der genervte Teenager, das hast Du mir schon hundert Mal gezeigt. Die ideale Lage zwischen Wien und Graz, heute fährt man ab Wien Hauptbahnhof eine Stunde und dreiunddreißig Minuten, hat Mürzzuschlag in den Anfängen des alpinen Skitourismus viele Gäste beschert. Um 1880 hatte die gutbürgerliche Gesellschaft Zeit und Geld, in die Berge zu fahren , erzählt Hannes Nothnagl, der Direktor des Winter!Sport!Museum! ebendort. Schwarz-Weiß-Fotografien und diverse Schaustücke in der ständigen Sammlung erinnern zwar nicht an meinen Großvater, der hier auch mit selbstgebastelten Bretteln herumgerutscht ist, aber an die Skipioniere Max Kleinoscheg und Toni Schruf. Sowie an den 1. Internationalen Skiwettlauf am 2. Februar 1893 in Mürzzuschlag - er beinhaltete ein Skispringen über einen mit Schnee bedeckten Misthaufen.

Blick aus dem Zug auf Payerbach und Schottwien - (c) Tanja Paar Blick aus dem Zug auf Payerbach und Schottwien - (c) Tanja Paar

Bereits seit 1947 wird im Winter!Sport!Museum! auf die Schönheit, aber auch die Gefahren des alpinen Skisports hingewiesen. Und auf seine Geschichte: "Wann und wo der Ski entstanden ist", erzählt der Historiker Nothnagl, der selbst Bergretter ist, "darüber geben uns Felsritzungen Auskunft, zum Beispiel aus dem Norden Norwegens." Über 5000 Jahre alt seien die wohl ältesten Funde aus dem Altai Gebirge. 2000 Jahre alt ist das älteste Stück aus Sibirien, das es in Mürzzuschlag zu sehen gibt. Verkehrs- und Transportmittel seien die Skier gewesen, aus tennisschlägerähnlichen Schreitschuhen seien nach und nach "Gleitschuhe" geworden. Die unterschiedlichsten Formen sind im Museum zu bewundern: In den weiten Ebenen Skandinaviens waren die Brettln schon einmal 3,60 Meter lang. "Das Wort Ski hat ja den gleichen Stamm wie Holzscheit", sagt Nothnagl. Aus welchem Holz die Skier gemacht wurden, hänge aber ganz von der Geografie ab: "In Japan gab es zum Beispiel Bambusskier, in Skandinavien waren sie aus Birke." Auch vom nordischen Skigott Ull weiß er zu berichten. Dem wurde in der Numismatik sogar ein eigener Bereich eingeräumt. "Wir wollen die Skigeschichte lebendig machen", erklärt Nothnagl, deswegen gäbe es neben der Skisammlung - vom Holzski bis zum Rocker - auch ein Nostalgieteam, das die diversen Fahrtechniken vom Telemark bis zum Carven vorführt. Das ist einerseits in Filmen zu bewundern, andererseits sei das Team auch auf der ganzen Welt unterwegs, zum Beispiel bei der Eröffnung der Skihalle in Dubai 2006. Diese neuesten Entwicklungen des Skisports beleuchtet das Museum aber auch kritisch. So viel Energie wie eine Stadt mit 30.000 Einwohnern verbrauche die Halle in Dubai, so erfahren wir. Mit Kunstschnee hat man knapp 50 Kilometer weiter, auf der Aflenzer Bürgeralm, nichts am Hut. "Hier hat man immer auf künstliche Beschneiung verzichtet", erzählt der Polizeibergführer Augustin Pronnegg. Wer von Massenskitourismus und Schneekanonen nichts hält, ist hier also gut aufgehoben. Auf der weitläufigen, nicht von großen Bauten verschandelten Alm, kann man Ski fahren, Langlaufen oder eine kleine Anfänger-Skitour gehen.

Bergführer Augustin Pronnegg - (c) Tanja Paar Bergführer Augustin Pronnegg - (c) Tanja Paar

26 Jahre war Pronegg bei der Flugrettung, und an diesem Wintertag erklärt er erst einmal den aktuellen Lawinenlagebericht, bevor die Felle an die Leihtourenski geschnallt werden. Die Sportlicheren gehen natürlich von der Talstation auf 860 Meter Seehöhe los, dann braucht man dreieinhalb bis vier Stunden bis zum Schönleiten-Haus auf 1810. Wenn man, wie wir, am Vormittag in Mürzzuschlag war, nimmt man die Abkürzung mit dem Sessellift und geht erst oben auf der Jauring-Alm los. "Fangriemen verwendet man beim Tourengehen heute eher nicht mehr", erklärt Pronnegg, "die wirken, wenn was passiert, im Tiefschnee eher wie ein Anker - der Lawinenairbag schwimmt auf, und der Anker zieht runter." Damit es erst gar nicht so weit kommt, geht man nur mit einem erfahrenen Bergführer und unter Berücksichtigung der aktuellen Schneesituation. "Letztes Jahr hab ich einen Unfall gehabt", erzählt Pronnegg und meint dabei gar nicht sich selbst. Als Bergretter sagt er auch "ich", wenn er von dem Mann erzählt, der ohne Helm gegen den Felsen gefahren ist. "Mit Helm wär das Aug wahrscheinlich noch drinnen gewesen", betont er. Als erfahrener Bergführer weiß er auch, wann es genug ist für den Besuch aus der Stadt. Er sagt aber nicht: "Könnt s leicht nimma?" - er bleibt stehen und sagt: "Schauts, wie schön, jetzt sieht man die Veitsch", bis sich der Puls der Ungeübten bei der Betrachtung des Gipfels wieder beruhigt hat.

Auf der Bürgeralm - (c) Tanja Paar Auf der Bürgeralm - (c) Tanja Paar

Dankbar wird auch die Anregung aufgenommen, jetzt doch im Schönleiten-Haus einzukehren. "Pommes und Germknödel gibt es hier nicht, nur lokale Produkte", betont Hermie Baumgartner, die Wirtin. Dafür tischt sie eine zünftige Brettljause mit Hirschwürsteln vom Aigner in Aflenz auf - und Brot aus der Bäckerei Serb. Wenn die Sonne untergeht, schnallt sie die Brettln an und fährt mit ihren Gästen ab ins Tal.

(c) Hotel Post Karlon (c) Hotel Post Karlon

Unten, im Kurort Aflenz, gibt es mit dem Hotel Post Karlon einen Wilden Wirten , der ebenfalls auf lokale Produkte und Wildgerichte spezialisiert ist. In der urigen Stuben verspeisen wir ein feines Wurzelfleisch vom Reh, bevor wir im schön renovierten Erzherzog Johann-Romantikzimmer unter den Baldachin sinken. Der Nachttopf unterm Bett hätte auch meinem Großvater gefallen.
 
 
 
 

Tanja Paar
ist Journalistin, Moderatorin und Medientrainerin. Sie arbeitete unter anderem für Falter, Profil und  Standard. 2011 wurde sie zur Journalistin des Jahres gewählt. Seit 2013 studiert sie berufsbegleitend International Media Innovation Management.
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