29.05.2016

Business, mal anders: Endstation Milano Centrale


TRAVEL
Text — Carmen Hafner



Blazer zurecht zupfen, Laptoptasche schultern. Hoffentlich nur ein paar Minuten anstehen in der Schlange vor dem Check-In. Ist das Handgepäck auch nicht zu schwer? Dann ab zur Sicherheitskontrolle. Wer stattdessen und anstelle der übrigen Wartezeiten am Gate, beim Boarding und dem Flug selbst lieber entspannt durch die Landschaft gleitet, wählt die Bahn. Das Büro auf Schiene stellt Arbeitsplatz und Ausblick zum Abgleiten zur Verfügung.

Oje. Wie konnte das denn passieren? Einfach so sind mir soeben zweieinhalb Stunden wie feiner Sand durch die Finger gerieselt. Ich hab mich wohl einfach beim Hinausschauen in der abwechslungsreichen Landschaft verloren. Macht aber nichts! Denn es bleiben immer noch mehr als sieben Stunden bis zur Reisedestination Mailand. Geschäftsreisen müssen nicht stressig sein, wenn man sie auf diese Art plant. Ich hatte die Wahl: für zwei Nächte Aufenthalt in der Modemetropole Mailand den Flug von Wien oder eben den Zug mit Start im niederösterreichischen Sankt Valentin. Um ehrlich zu sein fliege ich generell ungern. Erreiche ich damit aber weit entfernte Ziele, ist mir diese Transportmöglichkeit natürlich recht, quasi als Mittel zum Zweck. Im konkreten Fall hielt ich sie aber für puren Unsinn. Zuerst sollte ich in die falsche Richtung reisen. Im Österreichischen Zentralraum beheimatet, ganz in der Nähe von Steyr, müsste ich erst zwei Stunden nach Osten zum Flughafen, um dort bekanntes Prozedere zu durchschreiten und nach insgesamt nur geringfügig kürzerer Reisedauer als mit dem Zug in Italien anzukommen. Nicht mit mir! Im Zug zum Ziel Bereitwillig wählte ich die Verbindung, die bereits am Sonntag tagsüber nach Mailand führt. Der Nachtzug übt auf mich bisweilen noch keinen großen Reiz aus; zu dunkel zum Rausschauen (meine Passion). Und so kam es, dass ich den diesjährigen Valentinstag nicht in einer romantischen Stadt mit meinem Schatz, sondern in Oberösterreich, Salzburg, kurzzeitig im südlichen Deutschland, dann in Tirol, am Brenner und in Südtirol, vorbei am Gardasee mit Umstieg in Verona und schlussendlich in Mailand verbrachte. Und ich bereue kein bisschen. Bereits im Vorfeld war ich überaus motiviert und packte genügend Proviant sowie Lesestoff, Arbeitsutensilien und Smartphone ganz oben ins Köfferlein. Wie sich herausstellen sollte, nutzte ich mein Equipment aber erst beim Heimfahren so richtig. Zu kurzweilig waren die interessanten Landschaftsbilder, die ins Zugfenster gezeichnet waren.

Irgendwo-zwischen-Brenner-und-Bozen-c-Carmen-Hafner-goodblog.at Irgendwo zwischen Brenner und Bozen (c) Carmen Hafner - goodblog.at

Ich genoss die Fahrt in vollen Zügen. Nein, keine Angst ich hatte dank Reservierung immer einen Sitzplatz! ? Ganz im Gegenteil; An- und Abreise aus der 1,3-Millionen-Metropole stellten sich als das entspannte Kontrastprogramm zum fröhlichen Tummeln der Stadt heraus. Dabei bot sie zudem qualitativ hochwertige und relativ ungestörte Zeit, was man dank Dauereile heutzutage umso mehr zu schätzen weiß. Und gleichzeitig freute ich mich darüber, durch bewusste Zeitgestaltung meinen ökologischen Fußabdruck positiv zu beeinflussen.

Ankunft-am-Milano-Centrale- (c)-Carmen-Hafner-goodblog.at Ankunft im Bahnhof Milano-Centrale (c) Carmen Hafner - goodblog.at

Erstmal angekommen, war s vorbei mit der Ruhe: Milano Centrale, der Mailänder Hauptbahnhof, empfängt die Reisenden mit südlichem Temperament und klassischer italienischer Architektur. Das 1931 fertiggestellte Gebäude ist ein eindrucksvolles Zeugnis der monumentalen Stile des 20. Jahrhunderts. Dieses Flair trägt einen sogleich hinaus ins Zentrum.

Italienische Architektur (c) Carmen-Hafner-goodblog.at Italienische Architektur (c) Carmen Hafner - goodblog.at

Rund eine halbe Stunde Fußmarsch vom Bahnhof entfernt liegt eines der imposantesten und das vielleicht berühmteste Wahrzeichen der Stadt: der Mailänder Dom. Der Weg dorthin ist es ebenso wert, begangen zu werden. Wenn man nämlich mit dem Zug anreist, kommt man sonst viel zu wenig mit den landeseigenen Verkehrsgepflogenheiten in Berührung. Und ein bisserl was davon sollte man in einer italienischen Metropole schon mitbekommen.

Naviglio Grande (c) Rita Nowak Naviglio Grande (c) Rita Nowak



Il Duomo (c) Carmen Hafner (c) goodblog.at Il Duomo (c) Carmen Hafner -  goodblog.at

Generell spielt sich in der zweitgrößten Stadt Italiens sehr viel auf den Straßen, wunderschönen Plätzen und vor den Lokalen ab. Ich hatte zum Glück ein klein wenig Zeit, um vom südländischen Lebensgefühl probieren zu dürfen, obwohl ich eigentlich für eine Messe angereist war. Das Expo-Gelände in Milano Rho, auf dem diese stattfand, ist übrigens nicht minder beeindruckend. Nichts desto trotz freue ich mich sehr, im Spätsommer wiederzukommen; denn die Hauptstadt der Lombardei ist so günstig gelegen, dass eine ganze Handvoll wunderbarer Seen im nahen Umland auf Erkundungstouren warten. Der Lago Maggiore, der Luganer See, der Comer See und natürlich der Gardasee, an dem man ja sogar direkt mit dem Zug vorbeifährt, sind quasi nur einen Steinwurf entfernt. Wie so vieles mehr im Architekturjuwel und Verkehrsknotenpunkt Mailand aber erlebt es am besten selbst!

Mailänder Kaffeehaus-Charme (c) Rita Nowak Mailänder Kaffeehaus-Charme (c) Rita Nowak

 
 
 
 
 

Carmen Hafner
ist freie Journalistin und Bloggerin. Sie schreibt u.a. über Nachhaltigkeitsthemen, Good News, Essen und Gesundheit. Für gute Geschichten ist sie gern viel unterwegs. Die Landl(i)ebende kommt aber auch immer wieder mit Vergnügen zurück in ihre Studienstadt Wien, meistens mit dem Zug.
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