05.06.2016

Der Pasta-Parcours an der Drau


ACTIVE
Text — Irene Hanappi



Mit dem Rad die Drau entlang von ihrer Quelle in Italien über Osttirol und Kärnten bis Slowenien. Drei Sprachen, ein Fluss, 366 km, 26.040 verbrauchte Kalorien.

Das Rad hab ich daheim lassen. In Lienz steige ich nach nur 5 Stunden Bahnfahrt von Wien kommend entspannt aus dem Zug mit nichts als einem Plastiksackerl als Gepäck. Die gesamte Ausrüstung werde ich am Start der Tour dann in Empfang nehmen. Acht Stunden pro Tag in die Pedale treten so hab ich mir während der Fahrt ausgerechnet das bedeutet 3720 verbrauchte Kalorien täglich. Auf Messer und Gabel umgelegt, wären das 1720 mehr, als die erlaubten 2000. Was für eine Verheißung für eine Woche Ferien!

Die Drau bei Lienz (c) Irene Hanappi Die Drau bei Lienz (c) Irene Hanappi

  Es beginnt schon einmal gut am ersten Abend im Moarhof mit einer offenen Safran-Lasagne. Köstlich, das geschmeidige Teigblatt in Kombination mit dem fangfrischem Fisch aus dem Tristacher See! Und es setzt sich fort mit lauter flaumig weichen Teigkonstrukten, Kunstwerken in Handarbeit. Sie verbinden kulinarisch betrachtet   Dolomiten und Karawanken, Pustatal und Rosental, Dobbiaco und Maribor.

Legendäre Lasagne im Moarhof (c) Irene Hanappi Legendäre Lasagne im Moarhof (c) Irene Hanappi

Die Drau eine Woche lang entlangradeln, ist, als folge man einer hellen Spur aus Mehl, Salz und Ei. Was in Italien die Tortellini, sind in Osttirol die Schlipfkrapfen, in Kärnten die Kaasnudeln und in Slowenien die trukli. Die Drau eine Woche lang auf ihrem Weg zur Donau begleiten, heißt in erster Linie einmal gut essen. Aber nicht nur. Es heißt auch miterleben, wie der Fluss seine Farbe ändert, sein Tempo, seinen Duft und seine Kulisse. Wie die Sprachen sich wandeln, wie die Architektur sich den örtlichen Gegebenheiten anpasst, wie die Namen der Familien von Innerkofler und Krautgasser zu Woschitz oder Petutschnig wechseln und die Kirchlein zuerst Zwiebeltürme, dann Spitztürme und dann Schindeldächer haben. Auch das Publikum am Radweg bleibt niemals gleich. Die ersten 43 Kilometer auf der Strecke von Toblach nach Lienz herrscht La Dolce Vita . Ganz Italien, so scheint s, sitzt im Sattel und genießt die hurtige Bergabfahrt. Von der Nonna mit ihrem Hündchen am Gepäcksträger bis zu den ganz Kleinen, die von den Müttern mit Kommandos wie Vai, vai, vai oder: A deeeeestre! oder Pedale, Pedale! dirigiert werden. Über allem liegt das Rauschen der Drau, die nahe der Quelle noch ihr unbändiges, ungestümes Wesen zeigt.

Burg Heinfels, die "Königin des Pustertals" (c) Irene Hanappi Burg Heinfels, die "Königin des Pustertals" (c) Irene Hanappi

  Abends dann Einkehr in Nikolsdorf in dem schönen alten Dorfwirtshaus, wo früher alle Hochzeiten, Totenzechen und Taufen stattfanden. Heute wird hier nicht mehr gekocht. Dafür verwirklicht Hausherr Dieter Mayr-Hassler in dem alten Gemäuer seine innovative Idee von einem Literatur- und Spielehotel.

Kulinarisches Angebot entlang des Weges (c) Irene Hanappi Kulinarisches Angebot entlang des Weges (c) Irene Hanappi

Tag 2 der Tour: türkises Wasser, weißer Sand, grauer Fels, blauer Himmel... Wie eine Fototapete entrollt sich die Landschaft vor unseren Augen. Die Lienzer Unholden im Hintergrund schicken uns einen stummen Gruß nach, dann gleiten wir über die Grenze nach Kärnten. Hier ist alles noch detaillierter beschriftet jede Jausenstation, jede Buschenschank, jede Burgruine mit genauen Kilometerangaben. Zuerst kommt Irschen, das Kräuterdorf, dann Dellach mit seinem Waldbad, dann wird wieder eine Brücke überquert. Die Drau ist jetzt kein Wildfang mehr, ihre Erscheinung nimmt von oben betrachtet etwas Majestätisches an.

Abstecher zum Weißensee (c) Irene Hanappi Abstecher zum Weißensee (c) Irene Hanappi

Bei Spittal gleicht sie fast schon der Donau. Übernachtung bei den Duschnigs im Landgasthof Mauthner. Die Nudel-Trilogie, die hier in der Küche gekrendelt wird, ist eine wunderbare Synthese aus apettitlich grün (Spinat), knusprig-resch (Grammeln) und buttrig-weich (Topfen) schön dekoriert mit einer Malvenblüte aus dem Garten.

Nudel-Trilogie im Landgasthof Mauthner (c) Irene Hanappi Nudel-Trilogie im Landgasthof Mauthner (c) Irene Hanappi

Was diese Form des Reisens so erholsam macht, ist, man braucht keine Entscheidung zu treffen. Man folgt der Beschilderung. Fährt in der Früh los und sucht sich am Abend sein Quartier. Die Ereignisse von den Wasserfällen in der Galitzenklamm, über das Gartenlabyrinth von Schloss Rosegg bis hin zum Werner Bergmuseum in Bleiburg werden einem beigestellt . Sie liegen einfach am Weg.

Romantisches Rosental (c) Irene Hanappi Romantisches Rosental (c) Irene Hanappi

Auch nach 5 Tagen im Sattel zeigen die körpereigenen Sitzpölster keine Zeichen von Abnützung. Die Leihräder von Papin Rent a Bike halten ihr Versprechen, sie sind perfekt an die Anforderungen der Strecke angepasst. Villach profiliert sich ebenfalls als Bike-freundlich mit Radbutler und Service-Stelle gleich bei der Einfahrt in die Stadt. Nach Völkermarkt tauchen immer mehr Sportler auf. Ehrgeizige Einzelkämpfer, die am Sonntag ihr Pensum absolvieren. Hier müssen wir uns erstmals auch einigen Steigungen stellen. Wenn der Wind dann bei den langen Abfahrten einem um die Ohren saust, kommt das Kind im Radfahrer voll auf seine Kosten. Es ist wie Hochschaubahnfahren vor dem Hintergrund kitschig-grüner Wiesen und Berge, die romantisch in verschiedenen Blautönen schimmern.

Kurz vor Völkermarkt (c) Irene Hanappi Kurz vor Völkermarkt (c) Irene Hanappi

Gleich nach der Grenze empfängt Slowenien uns mit einem munteren Auf und Ab. Anstiege und Abfahrten wechseln sich ab und weil es in Hanglage dahingeht, zeigt sich die Drau aus einer neuen Perspektive. Von oben wirkt sie schön geschwungen und elegant. Einkehr in der hübsch mit Bauernmöbeln aus den 1920er Jahren eingerichteten Gostina Pri Lipi (dt. zur Linde ). Das Frühstück besteht fast ausschließlich aus Produkten von umliegenden Höfen: saure Milch, Sterz, Marmelade, Brot, Kräutertee alles ist hausgemacht und die topfengefüllten trukli mit ihrer seidigen Textur erinnern uns an die Lasagne von Lienz.  
 
 
 
 

Irene Hanappi
ist Reisejournalistin. Sie schreibt für „Die Presse“, „Der Feinschmecker“, „Der Standard“ uva. Sie hat Reiseführer zu Pressburg, Brünn, Prag und Linz (alle im Falter Verlag) verfasst.
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