24.07.2016

Ganz schön Graz.


TRAVEL
Text — Mike Fuisz



Im Zug warte ich immer auf die nächste Haltestelle Graz. Weil ich viel Zug fahre, warte ich oft. Es zahlt sich aber jedes Mal aus. Sechzehntausend Kilometer. Würde ich mich ins Auto setzen und solange Richtung Süden fahren, bis die Anzeige in etwa genau das anzeigt, könnte ich in Kapstadt surfen lernen. Stattdessen schlage ich immer den Weg Richtung Norden ein. Ich verbringe die Distanz innerhalb eines Jahres quasi konstant pendelnd auf meiner Stammstrecke Graz-Wien. Immer im Zug. Um geschäftlich am Zug zu bleiben. Und auch wenn die Sache mit dem südafrikanischen Strand verlockend ist, fast genauso so schön ist das Warten auf die Heimfahrt nach Hause, auf den Rück-Zug nach Graz, wenn ich von der größten wieder in die entspannteste Stadt Österreichs darf. Und in Graz ist alles entspannt, weil jeder locker ist. Graz muss nämlich nicht. Es darf alles. Graz ist etwas Avantgarde, ein bisschen Bobo, manchmal Punk und zwischendrin immer wieder schön bodenständig. Die Grazer wissen das, posaunen es aber nicht groß raus. Das tun andere. Die NY Times zum Beispiel, oder der Guardian. Gerade entdeckt jeder, so scheint es, die Stadt für sich. Viele bleiben auch. In den letzten zehn Jahren war der Großraum Graz einer der schnellst wachsenden Ballungsräume in Österreich. Hier floriert die Kunstszene. Die Technologieszene. Die Kreativszene. Im Grunde ist Graz gerade ein fruchtbarer Boden für alle Arten von Abenteuer. Und: Hier gedeiht noch mehr. Pflanzenarten aus Südeuropa, die sich in der illyrischen Klimazone in der die Stadt sanft eingebettet liegt genauso wohl fühlen wie seine Einwohner und Besucher. Mildes Klima, unzählige Sonnenstunden, mediterranes Lebensgefühl. Die Stadt hat viel Italienisches an sich, das nicht nur im Wetter, sondern auch in der Architektur sichtbar und vor allem in der Mentalität spürbar wird.

Die entspannteste Hauptstadt von oben (c) Graz Tourismus, Harry Schiffer Die entspannteste Hauptstadt von oben (c) Graz Tourismus, Harry Schiffer

Ich quartiere Freunde, die den Süden Österreichs vom Hören kennen, aber endlich sehen möchten, gerne im Hotel Wiesler ein. Es ist die stilsichere Wahl im Zentrum. Ein Klassiker, der weit weg vom Klassischen ist. Inhaber Florian Weitzer hat das ehemals verstaubte 5-Sterne-Hotel in ein lässiges 0-Sterne-Hotel verwandelt mit null Kompromissen. Zuckerl on top: Das Steak im hoteleigenen Speiseaal, so heißt das Restaurant wirklich. Von hier sind es auch nur wenige Schritte ins entspannte Lendviertel, wo es vor lauter jungen ambitionierten Menschen wuselt, Wachstumsfaktor der Creative Industries. Da helfen auch Titel wie City of Design, oder die Tatsache, dass Graz zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Außerdem: Junge Techniker, Musiker, mutige Start-up-Unternehmer, sie alle beleben die Wirtschaft zusätzlich. Und kreieren den spannenden Stilmix, dessen Basis die zeitlosen Macher sind, die das heutige Graz schon früh mitgestaltet haben. Etwa ein Martin Auer, der Brot-Backen mit seiner ganz eigenen Philosophie Gib dem Brot die Seele zurück versieht, bei dem Backen ein Handwerk ist, das im Genuss gipfelt. Sowieso sind Grazer genussversessen. Sie lieben lange Abende draußen (siehe Klima) mit gutem Essen und noch besserem Wein. Vielleicht sind wir deshalb so entspannt.

Bäckerei Auer (c) www.martinauer.at Bäckerei Auer (c) www.martinauer.at

Der Wein, das macht die Sache mit dem Süffeln leichter, ist auch ganz in unserer Nähe. In 25 Minuten tuckelt man in einem Zug nach Leibnitz, fast bis direkt an die Weinstraße. Oder man radelt von Graz aus die Mur entlang, kurze Jausenstopps eingeplant, um auf Schienen zurück in die Stadt zu gleiten. Graz als Rad-Stadt ist Ausgangspunkt für gemütliche Landpartien, die einen so weit tragen, wie die Beine strampeln. Dabei wollen wir oft gar nicht weg. Weil es zu viel zu tun gibt. Im Mai mit dem Designmonat und dem springfestival (tanzen zu elektronischer Musik), wo wir Nächte gar nicht zu Tagen machen müssen, weil wir ganz einfach auf Schlaf verzichten. Im Sommer mit dem Straßenfestival La Strada und dann ist eigentlich schon wieder fünfte Jahreszeit, Steirischer Herbst (Festival zeitgenössischer Kunst). Internationales Flair für die Stadt, die immer mehr Globetrotter anzieht.

Radfahren um Graz (c) Region Graz, Tom Lamm Radfahren um Graz (c) Region Graz, Tom Lamm

Nicht zuletzt ganz generell und hier im Text seit 2003. Graz wurde, das Gefühl hatte man, eher mittelfreiwillig der Stempel der Kulturhauptstadt aufgedrückt, bis heute ist die Stadt geprägt davon (siehe prominent: Murinsel, links daneben Kunsthaus). Heute wird auch erst deutlich, dass das Lamentieren der Leute (a. k. a. uns allen) gar nicht so richtig war. Kulturhauptstadt zu sein, hat uns Selbstbewusstsein gebracht. Hat uns bekannt gemacht. Und am wichtigsten: Hat uns in unserer Identität bestärkt. Wir waren schon immer und bleiben eine Studentenstadt, unschwer mit fast 50.000 Studis bei knapp 300.000 Einwohnern. Aber wir sind halt so viel mehr. Auch deshalb mag ich 50 Prozent der 16.000 Kilometer Zugstrecke pro Jahr so gerne: Weil hinterm Semmering eine Stadt wartet, die sich selbst ganz lieb hat. Ganz ohne Selbstverliebtheit.

Murinsel (c) Graz Tourismus, Harry Schiffer Murinsel (c) Graz Tourismus, Harry Schiffer

 
 
 
 

Mike Fuisz
ist Designer, Markenspezialist und Co-Founder der Branding Agentur Moodley Brand Identity. An Graz schätzt er das entspannte und kreative Klima und das mediterane Lebensgefühl.
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