21.08.2016

Bad Ischl - mehr als Sisi-Kitsch und Zaunerstollen


TRAVEL
Text — Günter Kaindlstorfer



Bad Ischl im Herzen des Salzkammerguts: Das ist mehr als Sisi-Kitsch und Zaunerstollen. Das 14.000-Einwohner-Städtchen am Fuße der Katrin präsentiert sich auch 100 Jahre nach dem Tod Kaiser Franz-Josephs als österreichische Sommerfrische klassischer Provenienz.

Bad Ischl und die Eisenbahn: Das gehört für mich untrennbar zusammen, und zwar – lassen Sie mich rechnen – ja, seit Juli 1971. Damals haben mich meine Eltern gemeinsam mit meiner Schwester in einen Personenzug verfrachtet – Abfahrt elf Uhr irgendwas, Wels Hauptbahnhof – auf dass wir in einer der gemütlichen, alten, romantisch-grünen ÖBB-Regionalbahn-Garnituren zum ersten Mal allein ins Salzkammergut fahren, um dort zwei Wochen bei unserer Großmutter, der sogenannten Ischler Oma, zu verbringen. Vierzehn Tage Erholungsurlaub. Für die Eltern. Damals, als Achtjähriger, habe ich mich keine Sekunde lang abgeschoben gefühlt. Ganz im Gegenteil: Während der Sonntagsnachmittags-Besuche im Café Zauner, beim Eisschlecken im Ischler Parkbad und vor allem während der Schwimmstunden, die uns Herr Kerschbaum, der knollennasige Ischler Bademeister, unter den strengen Blicken meiner Großmutter gab, während all dieser unauslöschlich in meinem Gedächtnis eingegrabenen Sommerabenteuer habe ich mich unwiderruflich in die Stadt am Fuße von Katrin und Hoher Schrott verliebt.

Die 1542 Meter hohe Katrin - der Ischler Hausberg (c) Günther Kaindslstorfer Die 1542 Meter hohe Katrin - der Ischler Hausberg (c) Günther Kaindlstorfer

Eine Liebe, die bis heute anhält. Seit 46 Jahren fahre ich nun schon nach Ischl, Sommer für Sommer, ohne Ausnahme. Und das natürlich mit der Eisenbahn, wie es sich für einen führerscheinlosen Schienenfahrzeug-Fan gehört. Und jedes Jahr, sobald ich in Attnang-Puchheim in den Regionalexpress nach Stainach-Irdning umsteige, jedes Jahr beim Umsteigen beginnt mein Herz ein kleines bisschen höher zu schlagen. Das hat nicht so sehr mit dem neuen Attnanger Bahnhof zu tun, den ich in seiner architektonischen Zweckmäßigkeit für äußerst gelungen halte, sondern vielmehr mit dem Umstand, dass ich in der nun folgenden Stunde das Privileg genieße, auf einer der schönsten Bahnstrecken der Welt unterwegs zu sein. Jedes Jahr von neuem ergötze ich mich an der landschaftlich spektakulären Fahrt auf der Salzkammergutstrecke. Zunächst geht es an den sanft geschwungenen Ausläufern des Hongar vorbei, dann, hinter Gmunden, gondelt der Regionalexpress das liebliche, von Tunnels und phänomenalen Ausblicken gesprenkelte Westufer des Traunsees entlang, bevor er hinter Ebensee in das von Blumenwiesen und romantischen Vorgebirgswäldern bestimmte Trauntal eintaucht. Dreieinhalb Stunden, nachdem man am Wiener Hauptbahnhof den IC bestiegen hat, heißt es dann wenige Minuten hinter Mitterweißenbach: „Nächster Halt: Bad Ischl“. Und die Sommerfrische beginnt. Was man als Salzkammergut-Habitué am sogenannten Kaiserstädtchen so liebt, ist zweierlei: erstens die Stadt und zweitens die Menschen. Mir geht es zwar keineswegs wie Karl Kraus, auf den das Habsburger-Mekka zwischen Jainzenberg und Siriuskogel immer so gewirkt hat, als hätte man ein paar Berge als „Dekoration auf die Wiener Ringstraße“ gestellt, aber die Infrastruktur, die der Ort im frühen 21. Jahrhundert bietet, empfinde ich als ausreichend, um es hier auch als Großstädter vier, fünf Wochen lang locker aushalten zu können: Ischl hat erstklassige Kaffeehäuser – im behaglichen Biedermeier-Ambiente des 1826 gegründeten „Café Ramsauer“ hat schon der Strauss-Schani Billard gespielt -, es gibt in der Stadt einen Jazzclub, ein Kino, eine Buchhandlung, eine gut sortierte Pfarrbibliothek, eine Therme mit einer Vielzahl an Wellness-Möglichkeiten und ein gastronomisches Angebot, das den Vergleich mit internationalen Top-Destinationen in keiner Weise zu scheuen braucht: Ob man im Restaurant „Attwenger“ fangfrischen Salzkammergut-Saibling mit rotem Camargue-Reis kostet oder sich, bodenständiger, im „Goldenen Ochsen“ eine Hirschkeule im Wacholderrahm auftischen lässt, ob man sich beim „Zauner“ mit einer Kaiserschnitte vergnügt oder beim „Börni Börger“ am Kurpark den besten „Börnibörger“ des inneren Salzkammerguts in sich hineinschlemmt –, in den meisten Ischler Restaurants wird regional und saisonal, vor allem aber: in exzellenter Qualität gekocht.

Konditorei Zauner (c) Günther Kaindlstorfer Konditorei Zauner (c) Günther Kaindlstorfer

Am allerbesten – dies als Geheimtipp – speist man im Gasthaus „Zur Nocken-Toni“, ein paar Kilometer außerhalb von Ischl in Richtung Strobl gelegen. Hier hat sich das Ehepaar Siegesleitner seinen Traum von einem Spitzenrestaurant in rustikaler Lage erfüllt: In einem wunderschönen, behutsam restaurierten Landgasthaus pflegt man bei der „Nocken-Toni“ die Kunst der „verfeinerten österreichischen Küche“. Die Karotten-Ingwer-Schaum-Suppe, die ich in der gemütlichen Gaststube verkostet habe, war ebenso delikat wie das in Butter gebratene Wolfgangsee-Saiblingfilets mit Basilikum-Pasta-Risotto, das den Gaumen aufs Cremigste umschmeichelt hat. Von den Salzburger Nockerln, auf denen meine Frau als Nachspeise bestanden hat, will ich gar nicht erst zu schwärmen anfangen: an der Flaumigkeit dieser Nockerl würde jede Beschreibung zum Bettler.

Landgasthaus "Zur Nocken Toni" (c) www.nockentoni.at Landgasthaus "Zur Nocken Toni" (c) www.nockentoni.at

Mit einem Wort: In Sachen Lebensqualität lässt Ischl kaum einen Wunsch offen. Hier ist alles in Fußnähe erreichbar. Von der Innenstadt aus spaziert man in zehn, fünfzehn Minuten in die zauberhafteste Salzkammergut-Natur hinaus. Und der Wolfgangsee ist keine zwanzig Autobusminuten vom Ischler Bahnhof entfernt. Dass man das Stadtzentrum durch eine umsichtige Verkehrspolitik in den letzten Jahren so gut wie autofrei gemacht hat, ermöglicht umfassende Flaniermöglichkeiten, was den Ischler Innenstadtstraßen, speziell in den Abendstunden, ein fast schon mediterranes Flair verleiht.

Franz Lehar hatte hier die besten Einfälle (c) Günther Kaindlstorfer Franz Lehar hatte hier die besten Einfälle (c) Günther Kaindlstorfer

Und dann sind da natürlich die Ischlerinnen und Ischler. Was ich an diesem Menschenschlag so mag, ist die unwiderstehliche Mischung aus alpinem Traditionsbewusstsein und einer selbstbewusst obrigkeitskritischen Haltung, der man hier auf Schritt und Tritt begegnet. Man sagt den Menschen im Salzkammergut ja generell eine gewisse Querschädeligkeit nach. Und das mit Recht. Nicht umsonst gilt das Salzkammergut als politisch tiefrote Enklave in einem durch und durch schwarzen und stellenweise auch schon blauen Bundesland. Mag Ischl auch um eine Spur „bürgerlicher“ sein als Gosau, Goisern oder Hallstatt – von Ebensee ganz zu schweigen –, so gibt es auch „Kaiserstadt“ traditionell eine satte linke Hegemonie.

Kaiservilla in Bad Ischl (C) OÖ Tourismus Kaiservilla in Bad Ischl (C) OÖ Tourismus

Das hängt mit der Arbeiterkultur zusammen, die sich im inneren Salzkammergut über die Jahrhunderte hinweg durch Salzbergbau und Salinenwesen entwickelt hat, zum anderen aber auch mit einer grundsätzlich oppositionellen Haltung, die man zwischen Traunkirchen und Grundlsee überall hingebungsvoll pflegt. Dass das Salzkammergut - neben den Kärtner Slowenengebieten – die einzige Region in Österreich gewesen ist, in der sich ein paar hundert Menschen zu so etwas wie bewaffnetem Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgeschwungen haben, passt ins Bild. Und dann muss man selbstredend noch das Brauchtum erwähnen: Die Ischlerinnen und Ischler tragen ihre Trachten sichtlich mit Stolz, weiß Gott nicht nur die Angehörigen der vielen Traditionsvereine. Dass Vogelfänger, Seitlpfeifer, Armbrustschützen, Volksliedsänger und Perchtenläufer ihre Lederhosen (und Dirndlkleider) mit Inbrunst tragen, versteht sich von selbst. Dass aber auch die „ganz normalen“ Ischlerinnen und Ischler mit größter Selbstverständlichkeit in Tracht einherschreiten – das hat so überhaupt nichts dumpf Reaktionäres. Im Gegenteil: Im Salzkammergut gilt das Tragen von Tracht als fast schon progressives Statement.

Tracht im Salzkammergut (c) STMG/ Stadler Tracht im Salzkammergut (c) STMG/ Stadler

Das hat mich schwach werden lassen: Auf ihr inständiges Betteln hin habe ich meiner achtjährigen Tochter gestern ein Dirndlkleid gekauft.  
 
 
 
 

Günter Kaindlstorfer
Günter Kaindlstorfer ist einer der prominentesten österreichischen Kulturjournalisten. Er arbeitet für das Hörfunkprogramm „Österreich 1“ sowie für die TV-Sendung „Kreuz und Quer“. Außerdem ist er als Kulturkorrespondent für mehrere deutsche und Schweizer Rundfunkstationen tätig. 2010 erschien sein literarisches Debüt, der Erzählband Maitage, im Czernin-Verlag.
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