28.08.2016

Schauen, schmecken, spüren und dazwischen in die Pedale treten


ACTIVE
Text — Anita Ericson



Stramme Wadln sind an der Weinland Steiermark Radtour ebenso gefragt wie ein entdeckungsfreudiger Gaumen. Wir haben uns für die besonders abwechslungsreiche Teilstrecke von Graz über St. Ruprecht nach Hartberg entschieden.

Den Mutigen gehört die Welt. Eine Kugel Käferbohneneis, bitte . Noch ein letzter skeptischer Blick wie wird eine Süßigkeit aus Bohnen wohl schmecken?!? Dann also ran mit der Zunge und mhhm, ist das aber gut, mhjamm, sehr gut sogar. Erinnert frappant an Maroni mit einem Hauch Nusscreme. Wieder ein kulinarisches Geheimnis der Steiermark gelüftet, wir machen Fortschritte. Solche Entdeckungen sind freilich Teil der Weinland Steiermark Radtour, wo Radfahrer etappenweise die Schätze der Süd- und Oststeiermark mit ihren Menschen und kulinarischen Besonderheiten kennenlernen , wie es der Werbetext vollmundig verspricht.

Käferbohneneis (c) LK Stmk Stefan Kristoferitsch Käferbohneneis (c) LK Stmk Stefan Kristoferitsch

Diese Tour führt in acht Tagesetappen auf rund 400 Kilometern durch die südöstliche Ecke der Steiermark, entlang der Strecke reihen sich kulturelle Schätze, natürliche Kleinode und allerlei kulinarische Genussstationen wie die berühmten Perlen an der Schnur. Man muss sie bloß erradeln.

In den Murauen zwischen Bad Radkersburg und Spielfeld © Steiermark Tourismus / Gerhard Eisenschink In den Murauen zwischen Bad Radkersburg und Spielfeld © Steiermark Tourismus / Gerhard Eisenschink

Die Käferbohne, so lernen wir, ist das kulinarische Wahrzeichen von St. Ruprecht an der Raab, einem kleinen, entzückenden Städtchen, dessen Geschichte als Markt um 30 Jahre älter ist, als die des weißen Amerikas. Sie die Bohne steht als Symbol für die Vielseitigkeit der Landwirtschaft hier herum, der Kürbis, Äpfel und Wein die wohl bekannten Aushängeschilder sind. In einer langen Etappe sind wir gestern vom immercharmanten Graz nach St. Ruprecht geradelt, wo uns eine wellige Patchworklandschaft aus Wiesen und Feldern, Wäldern und Obstgärten die Zierleiste malt. Abends haben wir es gerade noch rechtzeitig geschafft, uns vor dem Eisgenuss im herrlichen Flussbad abzukühlen nach einer ruhigen Nacht fühlen wir uns fit für die heutige Etappe. Die hat es in sich: 53,6 km stehen am Programm, und die Wege über die Hügel der Oststeiermark nach Hartberg sind alles andere als eben. Wir hoffen allerdings auf Pausen zum Durchschnaufen, denn die Tagesstrecke ist nicht nur lange sondern auch mit allerhand interessanten Stopps gespickt.

Im Schilcherland © Steiermark Tourismus / Harry Schiffer Im Schilcherland © Steiermark Tourismus / Harry Schiffer

Zu einem ersten Halt kommen wir in Puch, weithin bekannt als Apfeldorf abertausende Apfelbäume überziehen in sanftem Bergauf, Bergab die Landschaft. Soweit das Auge reicht. Die Erklärung, warum der Apfel in dieser Gegend gar so vortrefflich gedeiht, bekommen wir im hiesigen Haus des Apfels geliefert: Es ist das Klima, im Norden abgeschirmt durch die Fischbacher Alpen, im Süden offen für adriatisch-pannonischen Einfluss, das den Äpfeln zu ihrem vollen Aroma verhilft. Rund 85 Prozent der österreichischen Äpfel werden hier geerntet und bis in alle Welt exportiert. Wir erfahren in diesem lebendigen Museum auch noch einiges über die große Bedeutung des Apfels in Kunst, Religion (siehe Adam und Eva), Mythologie und Brauchtum vor allem aber vertiefen wir unsere neu erworbenen Kenntnisse praktisch in der angeschlossenen Mostschank. Räkel, streck es hilft alles nichts, wir müssen weiter. Bald schon erreichen wir eine mystisch anmutende Welt aus tosendem Wasser, dunklen Felshängen und dichten Wäldern mit knorrigen Baumriesen und sonnenexponierten Altbaumbeständen, die an einen Park erinnern. Die enge Feistritzklamm zählt zu den landschaftlichen Höhepunkten des steirischen Ostens, der Radweg dadurch zu den schönsten Abschnitten der gesamten Weinland-Tour. Dort, wo der Fluss einen Felshang gleich auf drei Seiten umfließt, thront das Schloss Herberstein auf luftiger Höhe. Wir grüßen es von unten, radeln indes schnurstracks weiter zum Stubenbergsee, weil uns das Baden heute näher liegt als eine Schlossbesichtigung: Es ist zwar schattig in der Klamm, aber heiß ist uns trotzdem.

Unterwegs durch idyllische Dörfer bei Bad Radkersburg © Steiermark Tourismus / Leo Himsl Unterwegs durch idyllische Dörfer bei Bad Radkersburg © Steiermark Tourismus / Leo Himsl

Die gute Nachricht nach dem erfrischenden Sprung ins Wasser: die steilsten Stücke haben wir schon hinter uns. Also voller Elan ran an den zweiten Teil der Tagesstrecke, denn uns bleiben noch 30km Entdeckungstour, die uns zunächst in den Naturpark Pöllauer Tal führt. Obstbäume und Wälder prägen das Land, in dem sich wiederum alles um die Birne dreht. Aber nicht um irgendeine: die Hirschbirne ist eine alte Sorte aus der Region, die hier in nahezu jedem Garten wächst. Sie ist zuckersüß und hocharomatisch aber eigenwillig im Geschmack sie wird zu Saft, Most, Marmelade, Edelbrand oder Kletze verarbeitet. Extra wegen ihr machen wir einen Abstecher nach Pöllau, um uns im Bauernladen genauer mit ihr vertraut zu machen. Wir sind ja wissbegierig. Bevor wir das letzte Wegstück in Angriff nehmen, schauen wir auch noch ums Eck zum steirischen Petersdom im 17. Jahrhundert von den Augustiner Chorherren errichtet und in seiner opulenten Größe etwas überdimensioniert für die kleine Stadt.

Steirischer Petersdom (c) Martin Ziverts Steirischer Petersdom (c) Martin Ziverts

Retour auf der Hauptroute schwingen wir die letzten Kilometer nach Hartberg aus. Der historische Ort liegt am Fuße von Weingärten an der Oststeirischen Römerweinstraße. Wir heben unsere schmerzenden Hintern aus dem Sattel und erkunden zu Fuß die von wehrhaften Mauern umgebene Altstadt mit ihren engen Gassen, hübschen Plätzen, grünen Parks und lauschigen Gastgärten. In einem besonders malerischen davon widmen wir uns gründlich dem letzten kulinarischen Thema des Tages: dem edlen Wein. Damit lassen wir es für heute gut sein.   Gut zu wissen: Entlang der Strecke gibt es mit mehr als 30 Bahnhöfen ideale Voraussetzungen für eine tägliche An- und Abreise mit dem Zug. Pauschal durchs Weinland Die einzelnen Abschnitte der Weinland Steiermark Radtour können ab sofort auch pauschal erradelt werden - als 4-, 6-, 8- oder 10-tägige Urlaubspakete. Weinland Steiermark Radtour zum Beispiel von Graz bis Bad Radkersburg mit fünf Übernachtungen in Graz, St. Ruprecht an der Raab, Hartberg, Loipersdorf und Bad Radkersburg.    
 
 
 
 

Anita Ericson
hat als berufliche Weltenbummlerin vor einigen Jahren das Fluggepäck an den Nagel gehängt und schultert seither lieber ihren Rucksack, um die vielen Facetten ihrer Heimat Ostösterreich zu erkunden. Sie publiziert als freie Journalistin über Umwelt- und Naturthemen, in Reiseführern und ab und zu auch noch in Reisemagazinen.
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