04.09.2016

Glücksmomente im Gamsgebirge


ACTIVE
Text — Anita Ericson



Nimmt man die Nordroute der Vom Gletscher zum Wein Weitwanderung, trennen satte 548 km den Dachsteingletscher von den sonnenbeschienenen Weinrieden im steirischen Süden. Das ist uns doch zu viel am Stück unsere Wahl für dieses Mal fällt auf die Überschreitung des Hochschwabs.

Im Wald gleich neben dem Wanderweg steht ein Baumstumpf, dem irgendwer eine Lehne mit Herz verpasst hat. Wir wissen gleich, hier sind wir im grünen Herzen Österreichs: was für ein herzlicher Empfang. Noch ist die Zeit nicht reif für eine Rast, haben wir doch die erste Stunde des frühen Morgens am smaragdgrün ins Bergesrund gekleckerten Leopoldsteiner See zu ebener Erde verbummelt, bevor wir in den Waldschatten eingetaucht sind. Also gehen wir weiter, folgen dem Weg, der sich durch lichtdurchfluteten Nadelwald unerbittlich nach oben windet. Die vor langer Zeit gefallenen Nadeln am Boden verströmen einen harzigen Geruch, die Oberschenkel beginnen zu brennen. Auf, rauf, hinauf. Durchhalten heißt die Devise. Noch ein paar Höhenmeter und endlich ist die Hochfläche erreicht und doch etwas anstrengend lassen wir hier erstmal nieder. Bald beruhigt sich unser Puls und jetzt erst nehmen wir unsere Umgebung so richtig wahr. Und der Anblick raubt uns erneut den Atem, wow: Sanft wellt sich zu unseren Füßen saftiger Grasboden in einer Weite, die man sonst nur aus der Ebene kennt, erst am Horizont begrenzen hohe Gipfel das Geschehen.

Im Hochschwabgebiet © Steiermark Tourismus / ikarus.cc Im Hochschwabgebiet © Steiermark Tourismus / ikarus.cc

Weiter im Takt, wir haben heute noch ein schönes Stück vor uns. Dankenswerterweise liegt die größte Anstrengung schon hinter uns, nachdem wir das Massiv einmal erreicht haben, geht es über sanft rollendes Gelände weiter. Unterwegs füllen wir unser Flaschen mit frischem Quellwasser. Das tun wir unbesorgt: Tief unter den Karstfelsen verbirgt sich im Innersten des Berges ein gigantisches Gefäßsystem aus Wasseradern und Seen, das über Dolinen, Schächte, Klüfte und Spalten von Regen- und Schmelzwasser gespeist wird. Der vorhandene Schotter wirkt als reinigender Filter, das in zahllosen Quellen wieder an die Oberfläche sprudelnde Wasser hat Trinkqualität, es findet seinen Weg bis Graz und Wien und labt uns unterwegs. Im karstigen Schwaben gibt es aber auch eine Vielzahl von Seen, der höchstgelegene und gleichzeitig wärmste davon ist der Sackwiesensee, der unser vorletztes Tagesziel ist. Wir schaffen es gerade zur rechten Zeit, um in milden Abendlicht mit einem ungemein erfrischenden Bad unsere Lebensgeister wieder zu wecken. Am Ufer des Sees treffen wir lediglich auf Kühe, die Wanderer sitzen möglicherweise schon in ihren Hütten. Auch wir machen uns auf zu unserem Quartier auf der Häuslalm . Bratwurst, Knödel und Sauerkraut, dazu ein halber Liter Most. Die untergehende Sonne taucht die Bergspitzen in leuchtendes Rot.

Häuslalm (c) www.haeuslalm.at Häuslalm (c) www.haeuslalm.at

Nach einem herzhaften Bergfrühstück steht am nächsten Tag der Gipfelsturm an. In einem viereinhalbstündigen Anstieg lassen wir bald die Bäume hinter uns, bald auch die niedrigen Latschen und für den Rest des Weges stapfen wir über federnde Hochgebirgsböden. Murmeltiere pfeifen erschrocken bei unserem Anblick, wir erschrecken, als Gämsen ein paar hundert Meter über uns wütend pfauchen. Plötzlich wir reiben uns die Augen, halluzionieren wir schon ob der Anstrengungen? schiebt sich ein mächtig geschwungenes Hornpaar in unser Blickfeld. Tatsächlich: in aller Stille läuft uns gerade eine Herde Steinböcke buchstäblich über den Weg! Kurze Zeit später am 2277 m hohen Gipfel dann ein tiefer Blick ins Tal, über ein bizarre Gebirgslandschaft, die man so weit am Alpenrand kaum vermuten würde. Gestern waren wir zu aufgeregt von den Erlebnissen des Tages, heute stellen wir erstaunt fest, wie sehr sich das Schiestlhaus, das uns nach dem Gipfelsturm nahes Nachtquartier war, von herkömmlichen Bergsteigerunterkünften unterscheidet: Als die beliebte Schutzhütte nach 120 Jahren baufällig geworden war, entschloss man sich zu einer nachhaltigen Sanierung 2005 eröffnete es als erstes Passivhaus in derart exponierter, hochalpiner Lage. Es war ein sehr ambitionierter Entschluss, ist der Standort doch gekennzeichnet von widrigen Bedingungen wie niedrigen Temperaturen auch im Sommer oder Windgeschwindigkeiten bis über 200 km/h. Trotzdem schafft man es im Schiestlhaus dank guter Wärmedämmung und intelligentem Raumkonzept den überwiegenden Teil des jährlichen Wärmebedarfs passiv, namentlich durch Sonneneinstrahlung und Abwärme, zu decken.

Schiestlhaus (c) www.trover.com Schiestlhaus (c) www.trover.com

Grünen Gewissens ziehen wir los: was wir die letzten beiden Tage bergauf gegangen sind, müssen wir nun wieder runter. Gute vier Stunden windet sich der Weg steil bergab, hauptsächlich über Fels und Stein. Immer wieder machen wir Halt, um die fantastische Bergwelt, die rechts und links und hinter uns aufragt, ins uns aufzusagen, während wir durchs eingetrocknete Tal der Oberen Dullwitz nach unten staksen. Als wir in Seewiesen ankommen sind wir müde, erschöpft und dennoch unendlich glücklich. Berggehen macht so frei im Kopf! Gerne würde wir sofort weiterziehen in den Naturpark Mürzer Oberland doch bis zu den nächsten freien Tagen bleibt uns nebst den herrlichen Erinnerungen an den Hochschwab nur die Vorfreude auf die nächsten Etappen. Aber die ist ja bekanntlich auch nicht zu verachten.

Abendstimmung in Ratsch an der Südsteirischen Weinstraße © Steiermark Tourismus / Rainer Mirau Abendstimmung in Ratsch an der Südsteirischen Weinstraße © Steiermark Tourismus / Rainer Mirau

Wir befinden uns am Vom Gletscher zum Wein -Wanderweg, der den alpinen Norden der Steiermark mit dem Weinland im Süden verbindet. Startpunkt ist eigentlich der Dachsteingletscher, wo sich nach der ersten Etappe übers ewige Eis der Weg teilt und der Wanderer sich entscheiden muss: Für die 548 km lange Nordroute, die ihn auf 35 Etappen bis nach Bad Radkersburg im Thermenland bringt, oder für die 376 km lange Südroute mit 25 Etappen nach Leibnitz in der Südsteiermark. Wir haben uns das in einzelne, kleine Wanderportionen zerlegt, die wir nach und nach abzugehen gedenken. Und so sind wir am Hochschwab, dem steirischen Gamsgebirge, gelandet, dessen Überschreitung von Eisenerz bis Seewiesen Etappe 14, 15 und 16 der Nordroute umfasst.    
 
 
 
 

Anita Ericson
hat als berufliche Weltenbummlerin vor einigen Jahren das Fluggepäck an den Nagel gehängt und schultert seither lieber ihren Rucksack, um die vielen Facetten ihrer Heimat Ostösterreich zu erkunden. Sie publiziert als freie Journalistin über Umwelt- und Naturthemen, in Reiseführern und ab und zu auch noch in Reisemagazinen.
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