02.10.2016

Kaprun Hochgebirgsstauseen Spiegelbild der 3.000er


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Text — Gerhard Liebenberger



Jede Minute verändert sich das Spiel der Schatten auf den wellenlosen Gebirgsseen, die wie türkise Spiegelflächen in den Hohen Tauern liegen. Einmal sind die markanten Silhouetten der umliegenden Gletscher und des Kitzsteinhorns zu sehen, dann projizieren Wolken Phantasiegebilde auf die Wasseroberfläche. Ein Naturschauspiel in einer Landschaft, die von Menschenhand nachhaltig verändert wurde.

Der Hunger nach Strom trieb die Pläne für den Bau der Staumauern im Kapruner Tal ab den 1920er Jahren voran, seit 1952 wird hier mit Wasserkraft Strom produziert. Ein Ausflug zu den Hochgebirgsstauseen Kaprun führt ins hochalpine Gelände. Vom Bahnhof in Zell am See fährt der Linienbus durch das enge Kapruner Tal direkt zum Kesselfall, dem Eingang in das riesige Gebirgsareal.  Ab hier dürfen nur noch Pendelbusse fahren, sie bringen die Gäste durch enge, einspurige Tunnels zum Lärchenwand Schrägaufzug.

Der Linienbus fährt vom Bahnhof Zell am See bis zum Kesselfall (c) Gerhard Liebenberger Der Linienbus fährt vom Bahnhof Zell am See bis zum Kesselfall (c) Gerhard Liebenberger

Früher war diese Standseilbahn die einzige Verbindung weiter hinauf zu den Staumauern, entsprechend groß wurde sie gebaut. Arbeitsmaschinen, Baumaterial und Busse wurden damit bis knapp unter die Baumgrenze transportiert. Kein Wunder, dass der Lärchenwand Schrägaufzug gleich mehrere Rekorde bricht. Der größte, offene Schrägaufzug Europas befördert die Fahrgäste in rund fünf Minuten 431 Höhenmeter den Berg hinauf. Bei einer Spurweite von 8,2 Metern ist er das größte personenbefördernde Schienenfahrzeug der Welt.

Der Schrägaufzug (c) Gerhard Liebenberger Der Schrägaufzug (c) Gerhard Liebenberger

Bei der steilen Fahrt drängen sich die Fahrgäste am Geländer der offenen Plattform, sie bietet einen weiten Blick über das Kapruner Tal und weiter ins Salzachtal. Mit zunehmender Höhe verändern sich der Panoramablick und auch die Lufttemperatur. Auch im Hochsommer ist es im Gebirge angenehm kühl, es herbstelt das ganze Jahr über. Die Sonnenintensität und die Gefahr eines Sonnenbrandes dürfen Besucher trotzdem nicht unterschätzen Kappe und Sonnencreme gehören unbedingt ins Ausflugsgepäck.

Der Schrägaufzug mit Blick auf das Kapruner Tal (c) Gerhard Liebenberger Der Schrägaufzug mit Blick auf das Kapruner Tal (c) Gerhard Liebenberger

Die Baumgrenze ist bald überschritten und die Straße führt durch die Almlandschaft ständig bergauf. Bald ist der Stausee Wasserfallboden in rund 1.650 Metern Seehöhe erreicht und die beeindruckende Moosersperre kommt in Sicht. Mit einer Länge von fast einem halben Kilometer überspannt sie das gesamte Tal und schneidet dem Wasser den Weg ab. Im Stausee wird das Wasser für die Stromproduktion gesammelt und von dort über Rohre ins Tal zu den Turbinen geleitet. Die drei großen Kraftwerke Limberg, Limberg II und an der Hauptstufe decken rund 10 Prozent des österreichischen Strombedarfs zu Verbrauchsspitzenzeiten. Ein Teil der Kraftwerke sind als Pumpspeicherwerke ausgelegt. Wenn wenig Strom benötigt wird, z.B. in der Nacht, wird im Pumpbetrieb Wasser vom Stausee Wasserfallboden in den Stausee Mooserboden hinauf gepumpt. Zu Spitzenzeiten kann das Wasser dann wieder für die Stromproduktion verwendet werden.

Über die Straße zu den Stauseen fahren Pendelbusse (c) Gerhard Liebenberger Über die Straße zu den Stauseen fahren Pendelbusse (c) Gerhard Liebenberger



Moosersperre (c) Gerhard Liebenberger Moosersperre (c) Gerhard Liebenberger



Speichersee Wasserfallboden Speichersee Wasserfallboden (c) Gerhard Liebenberger

Wie die Stromproduktion funktioniert und welchen Gefahren die Menschen beim Bau der Staumauern ausgesetzt waren zeigt die Stromwelt direkt an der Staumauer Mooserboden in über 2.000 Meter Seehöhe. Neben dem Museum liegt der Eingang in die Staumauer. Ein Versorgungsschacht führt durch die gesamte Mauer an die andere Seite des Tals. In diesem betonieren Gang überprüfen Techniker regelmäßig die Mauer auf Veränderungen, auch Besucher können diese spannenden Einblicke bei Führungen erleben. Das 107 Meter hohe Bauwerk ist ständig in Bewegung, ein Lot in der Mitte der Mauer registriert jede Erschütterung.

Die Ausstellung "Stromwelt" (c) Gerhard Liebenberger Die Ausstellung "Stromwelt" (c) Gerhard Liebenberger



In der Staumauer (c) Gerhard Liebenberger In der Staumauer (c) Gerhard Liebenberger

Den gesamten Überblick über die Kraftwerke und Speicherseen haben Besucher von weiter oben. Von der Stromwelt führt ein kleiner Fußweg hinauf zur Höhenburg, sportliche können auch die Felsen hinauf klettern. Nach ca. zehn Minuten Fußmarsch eröffnet sich dort ein Blick über alle Seen, die drei großen Staumauern und ein Rundum-Panoramablick auf die Gletscher. 30 Gipfel, mit über 3.000 Metern Höhe sind von diesem Aussichtspunkt zu sehen. In der scheinbar endlosen Almlandschaft tauchen beim genauen Hinsehen kleine weiße und braune Flecken auf Schafe und Kühe verbringen hier den Sommer auf der Alm.

Fußweg zur Höhenburg (c) Gerhard Liebenberger Fußweg zur Höhenburg (c) Gerhard Liebenberger



Höhenburg im Hintergrund Speichersee Mooserboden (c) Gerhard Liebenberger Höhenburg im Hintergrund Speichersee Mooserboden (c) Gerhard Liebenberger

Im Hochgebirge ist der Sommer sehr kurz. Erst ab Ende Mai können Besucher die Hochgebirgsstauseen besuchen. Anfang September beginnt dann schon der Almabtrieb, die Tiere werden ins Tal gebracht. Spätestens Mitte Oktober stellt der Lärchenwand Schrägaufzug seinen Betrieb ein, Teile werden abgebaut und vor drohenden Lawinen in Sicherheit gebracht. Wie mag es hier auf der Alm wohl im Winter aussehen? Die Landschaft ist tief verschneit und auch das pfeifen der Murmeltiere ist verstummt. Sie halten in ihrem Schlafkessel einen langen Winterschlaf. Nur das Pfeifen des eisigen Windes ist zu hören, manchmal das Donnern einer Lawine. Die Schneemassen versperren die Straßen hinauf zur Staumauer. Am sogenannten Winterweg fahren die Techniker durch Tunnels bis kurz vor die Fürthermoar Alm. Von dort führt eine waghalsige Seilbahn hinauf zum Mooserboden über eine unberührte Winterlandschaft.

Kuh vor der Fürthermoar Alm (c) Gerhard Liebenberger Kuh vor der Fürthermoar Alm (c) Gerhard Liebenberger

Mehr über die Kaprun Hochgebirgsstauseen: hier.
 
 
 
 

Gerhard Liebenberger
geb. 1978 in Bruck/Mur, ist Reisender aus Leidenschaft: Meist alleine mit Rucksack und bevorzugt mit der Eisenbahn. Über seine Reisen, die ihn u.a. durch Sibirien, China, Japan und Indien führten, berichtet er in seinem Blog andersreisen. Auf Leinwand begeistert aktuell die Multivisions-Show „Süd Indien – Ein Bahn-Reise-Abenteuer“.
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