27.11.2016

Warschau: Die Melancholie einer Millionenmetropole


TRAVEL
Text — Jasmin Kreulitsch



Im Vergleich zu anderen europäischen Städten ist Warschau ein Underdog. Zu grau, zu rau und zu ungehobelt wirkt die polnische Hauptstadt im ersten Moment auf einen. Doch wenn man sich die Zeit nimmt, Warschau besser kennenzulernen, entdeckt man viele kleine Wunder in der melancholischen Metropole an der Weichsel. Und verliebt sich garantiert auf den zweiten Blick.

Auf dem Warszawa Centralna riecht es überall nach Kaffee. Um acht Uhr morgens ist der Himmel noch grau über Warschau, das nimmt man aber kaum wahr. Denn verlässt man den Nachtreisezug, der einen in acht Stunden von Wien nach Warschau bringt, konzentrieren sich alle Sinne auf eines: Den imposanten "Palac Kultury i Nauki", der einen mit seinem spitzen Turm zu begrüßen scheint, wenn man hier auf dem Hauptbahnhof ankommt. "Den schönsten Blick auf die Stadt, sagt man in Warschau, hat man vom Kulturpalast", erklärt Warschau-Guide Marta Pudelko und grinst schief. "Und das nicht, weil die Aussicht die schönste ist, sondern weil man dann den Kulturpalast nicht sieht." Der Grund für die Abneigung ist verständlich: Das Gebäude ist ein ungeliebtes Geschenk der Sowjetunion an Polen und hieß einst "Josef-Stalin-Kultur-und-Wissenschaftspalast". Noch heute überragt das 237 Meter hohe Gebäude die Stadt, und noch heute sagen viele Warschauer lieber "Stalinstachel" als "Kulturpalast". Als Besucher ist man indes ziemlich beeindruckt, wenn man vor dem im sozialistischen Klassizismus errichteten Kulturpalast steht, und das Staunen hält auch auf der Aussichtsterrasse im 30. Stock an (Eintritt 20 Zloty, ca. 4,50 Euro), wenn man den Blick über die 1,7-Millionen-Metropole schweben lässt

Die Aussicht vom Kulturpalast ist in jede Himmelsrichtung ein Genuss. (c) Jasmin Kreulitsch Die Aussicht vom Kulturpalast ist in jede Himmelsrichtung ein Genuss. (c) Jasmin Kreulitsch



Im 30. Stock des Kulturpalastes staunt man über den Blick auf die Stadt.(c) Jasmin Kreulitsch Im 30. Stock des Kulturpalastes staunt man über den Blick auf die Stadt.(c) Jasmin Kreulitsch

Da sind Wolkenkratzer, die hoch in den Himmel ragen, mehrspurige Straßen voll bunter Autos, graue Gebäude im Einheitsbrei genauso wie die bunten in der Altstadt, und in der Ferne sieht man das blaue Wasser der Weichsel in der Sonne glitzern. Warschau wirkt ein bisschen grau, ein bisschen heruntergekommen, fast wie eine Stadt, um die man sich zu wenig gekümmert hat – und genau das ist hier passiert. Denn Warschau hat es besonders schwer getroffen: 83% des Stadtgebietes lag 1944 in Schutt und Asche - und die alten Wunden sind längst nicht verheilt. Vielleicht schwebt deshalb immer ein Hauch Melancholie über der Stadt, vielleicht wirkt deshalb manche Ecke grauer und trauriger, als sie eigentlich ist.

Die Altstadt von Warschau wurde erst 1955 fertig. Bis dahin wurde fast alles originalgetreu wiederaufgebaut. (c) Jasmin Kreulitsch Die Altstadt von Warschau wurde erst 1955 fertig. Bis dahin wurde fast alles originalgetreu wiederaufgebaut. (c) Jasmin Kreulitsch

Eben weil fast ganz Warschau dem Bombenhagel zum Opfer fiel und die opulenten Bürgerhäuser von einst zerstört wurden, wurde vieles originalgetreu neu aufgebaut. Die "Stare Miasto", die Altstadt, wirkt heute historisch und bunt gleichermaßen, obwohl der Wiederaufbau erst im Jahr 1955 beendet wurde. Den schönsten Blick auf das "neue alte" historische Zentrum hat man von der "Taras Widokowy", der Aussichtsterrasse auf einem Turm der "St. Anne Kirche" (Eintritt 5 Zloty, ca. 1,10 Euro). Wobei laut Warschau-Expertin Marta Pudelko (buchbar über warsawguide.pl, 3 Stunden 380 Zloty, ca. 86 Euro) der Begriff "Zentrum" falsch ist. "Wir haben kein klassisches Zentrum. Wir haben verschiedene Viertel, aber kein typisches Zentrum, das den Hauptkern der Stadt symbolisiert."

Die Stare Miasto ist zwar stark touristisch, aber definitiv einen Besuch wert! (c) Jasmin Kreulitsch Die Stare Miasto ist zwar stark touristisch, aber definitiv einen Besuch wert! (c) Jasmin Kreulitsch

Es stimmt, die Altstadt ist zwar hübsch, aber stark touristisch, entsprechend hoch sind auch die Preise. Ein Spaziergang, ein paar Fotos, vielleicht ein schneller Kaffee, dann geht's aber schon wieder zurück in die Gegend rund um den Hauptbahnhof und den Kulturpalast, aber bitte zu Fuß: Die Wege sind nicht allzu weit und man entdeckt die Stadt tatsächlich am besten, wenn man sich treiben lässt, mal um die Ecke biegt oder nach rechts und links schaut. Dann entdeckt man nämlich nicht nur klassische europäische Labels, sondern auch die ein oder andere erhaltene Fassade mit opulenten Verzierungen oder kleine Läden von lokalen Kreativen, die man auf den ausgetretenen Touristenpfaden schnell mal übersieht. Doch nicht alles, was für Touristen gemacht wird, ist Mainstream: Eine kreative Sache findet man über die ganze Stadt verteilt, nämlich Chopin-Bänke, die auf Knopfdruck Musik des Künstlers spielen, der in Warschau geboren wurde (und dessen Herz noch heute in französischem Cognac eingelegt in einer Säule der "Heiligkreuzkirche" ruht).

In ganz Warschau verteilt, spielen die Chopin-Bänke auf Knopfdruck Musik des polnischen Komponisten. (c) Jasmin Kreulitsch In ganz Warschau verteilt, spielen die Chopin-Bänke auf Knopfdruck Musik des polnischen Komponisten. (c) Jasmin Kreulitsch

Am Zentralbahnhof angekommen fällt direkt ein Gebäude ins Auge. Warschaus goldene Terassen, die "Zlote Tarasy" (Z?ota 59). In Warschaues beliebtester Mall gibt es rund 200 Geschäfte, da wundert es nicht, dass der Bau fünf Jahre dauerte und eine halbe Milliarde Euro verschlang. Wer nicht gerne im Shoppingcenter einkauft und gängige Labels lieber links liegen lässt, muss nur ein bisschen weiter südlich spazieren, denn Warschau hat auch in Sachen Concept Stores jede Menge zu bieten. Ganz weit vorne in Sachen Style ist der Store von "TFH Koncept" (Ul. Szpitalna 8): Der Laden ist nicht nur wunderhübsch anzusehen, hier findet man vor allem tolle Stücke von polnischen ebenso wie von internationalen Designern.

Bunt, voll und absolut lässig: der Store von "TFH Koncept"! (c) Jasmin Kreulitsch Bunt, voll und absolut lässig: der Store von "TFH Koncept"! (c) Jasmin Kreulitsch

Nicht weit entfernt haben sich bei vitkAc (Ul. Bracka 9) die High-Fashion-Labels eingemietet: Givenchy, Kenzo, Armani, Dsquared2, Alexander McQueen, Celine, Gucci, Burberry, Valentino and Yves Saint Laurent – die Liste ist beinahe ebenso lang wie die Preise hoch sind. Lieber schauen wir ins "Mysia3" an der gleichnamigen Adresse, eine Mini-Mall mit lässigen Labels wie COS oder MUJI, kleineren lokalen Designern und dem coolen Laden "She’s A Riot" mit den besten Büchern und Zeitschriften der Stadt.

Eine Mini-Mall mit maximaler Wirkung: Die Labels, die man bei "Mysia3" entdeckt, haben alle etwas Besonderes. (c) Jasmin Kreulitsch Eine Mini-Mall mit maximaler Wirkung: Die Labels, die man bei "Mysia3" entdeckt, haben alle etwas Besonderes. (c) Jasmin Kreulitsch



Ausgefallene Bücher und Zeitschriften gefällig? Die gibt's im stylishen Laden " She’s A Riot". (c) Jasmin Kreulitsch Ausgefallene Bücher und Zeitschriften gefällig? Die gibt's im stylishen Laden " She’s A Riot". (c) Jasmin Kreulitsch

Von hier dauert es auch nur wenige Minuten, bis man die Straße Motokovska erreicht, in der sich noch individueller Shops angesiedelt haben, zum Beispiel der "Blind Concept Store" (Ul. Mokotowska 63/100) mit lauter schrägem Kleinkram oder die "Loft37 Boutique" (Mokotowska 52A), ein Paradies für Shoeholics: Hier werden Schuhe und Taschen alle handgemacht und haben immer den gewissen Twist, manchmal auch einen inviduellen polnischen Stempel, zum Beispiel die Kollektion, die einer der beliebtesten Figur im polnischen Fernsehen gewidmet wurde: dem putzigen Hündchen Reksio.

Reksio, eine beliebte Figur aus dem polnischen Kinderfernsehen, ziert den ein oder anderen Schuh der "Loft37 Boutique". (c) Jasmin Kreulitsch Reksio, eine beliebte Figur aus dem polnischen Kinderfernsehen, ziert den ein oder anderen Schuh der "Loft37 Boutique". (c) Jasmin Kreulitsch

Apropos polnisch: Wer hier in der Gegend ist, muss unbedingt in eine "Bar Mleczny" gehen, eine sogenannte Milchbar. Wo einst vorwiegend Milchprodukte angeboten wurden, gibt's heute klassische polnische Küche fürs kleine Geld. Die polnischen Milchbars sind ein Relikt des Sozialismus und heute an vielen Stellen in Warschau zu finden, eine der coolsten ist die Milchbar "Prasowy" (Marsza?kowska 10/16), in der Hipster neben Obdachlosen oder Familien ganz entspannt ihre Suppe schlürfen.

Günstig essen auf polnische Art? Bitte in eine "Bar Mleczny" gehen, einer polnischen Milchbar. (c) Jasmin Kreulitsch Günstig essen auf polnische Art? Bitte in eine "Bar Mleczny" gehen, einer polnischen Milchbar. (c) Jasmin Kreulitsch

Ganz anders geht es vor allem abends und nachts nur um die Ecke zu: Gerade mal fünf Minuten entfernt von der Motokovska findet man in der Straße Krucza die lässigsten Bars und Lokale. Besonders ins Auge fällt die Bar "Kita Koguta" (Krucza 6/14), wo sich die Cocktails nicht nur sehen lassen können, sondern vor allem schmecken: Wer will, lässt sich unabhängig von der Karte einen Cocktail ganz nach seinen Vorlieben zubereiten – die Bartender sind hoch in Form! Nur wenige Meter weiter isst man im "Fokim" (Krucza 24/26) großartige asiatische Fusion-Küche im hippen Ambiente. Das Motto "Play with the food" zieht sich durch die ganze Karte, das Lokal ist stylish und nicht nur zum Essen, sondern auch zum Feiern ein guter Platz – ausgezeichneter Drinks sei Dank!

In der Cocktailbar "Kita Koguta" sind nicht nur die Drinks stylish; auch die Bartender können sich sehen lassen! (c) Jasmin Kreulitsch In der Cocktailbar "Kita Koguta" sind nicht nur die Drinks stylish; auch die Bartender können sich sehen lassen! (c) Jasmin Kreulitsch

Warschau in seiner ursprünglichen, rauen Weise findet man aber vor allem im Bezirk Praga am anderen Ufer der Weichsel. Hier wirkt das Leben noch ein bisschen grauer, dafür erzählt die Gegend die berührendsten Geschichten der Vergangenheit. Kein Wunder, dass die alten Häuser immer wieder als Kulisse für internationale Kriegsfilme dienen. Der bekannteste, der einen guten Einblick in das Warschauer Ghetto von einst bietet, ist „Der Pianist“ von Roman Pola?ski. Aber man ist in Praga keinesfalls nur bedrückt, im Gegenteil: Die Gegend boomt immer mehr und bietet vor allem einen Ort für die junge Szene, die in der Stadt etwas Besonderes machen will und ein bisschen kauzig, kultig und kreativ daherkommt. Ein gutes Beispiel ist die "Soho Factory" (Ul. Mi?ska 25): Auf einem ehemaligen Industriegelände sind heute Start-up-Unternehmen, Designläden, Restaurants, aber auch nostalgische Projekte, in der man Spuren der Vergangenheit entdeckt, zum Beispiel im "Czar Prl", dem "Museum of Life under Communism" (Eintritt 8 Zloty, ca. 1,80 Euro), wo mit einem Augenzwinkern viele lustige Einzelheiten aus Zeiten des Kommunismus gesammelt wurden.

Nostalgie pur: der Besuch im "Czar Prl", dem "Museum of Life under Communism". P.S.: Ein Wodka ist im Eintrittspreis inkludiert! (c) Jasmin Kreulitsch Nostalgie pur: der Besuch im "Czar Prl", dem "Museum of Life under Communism". P.S.: Ein Wodka ist im Eintrittspreis inkludiert! (c) Jasmin Kreulitsch



Hier kann man sogar Socken mit dem Kulturpalast darauf kaufen! (c) Jasmin Kreulitsch Hier kann man sogar Socken mit dem Kulturpalast darauf kaufen! (c) Jasmin Kreulitsch

Ähnlich sieht es im "Neon Muzeum"  aus, das so in Europa einzigartig ist: Hier kann man sich alte Neonschilder anschauen, die in Polen in den 60er und 70er Jahren überall hingen – allerdings nicht zu Werbezwecken. Im sozialistischen Polen ging es bei Neonlichtern nämlich nie um Reklame, sondern nur um Information und dem Prestige. Hier, im Areal der "Soho Factory", sind die coolsten davon zu bewundern.

Bunt und irgendwie schräg: das "Neon Muzeum" in Praga (c) Jasmin Kreulitsch Bunt und irgendwie schräg: das "Neon Muzeum" in Praga (c) Jasmin Kreulitsch



Über www.adventurewarsaw.pl kann man in Praga eine nostalgische Tour buchen, zum Beispiel die "Communism Tour8 (ab 149 Zloty, ca. 33,60 Euro). (c) Jasmin Kreulitsch Über www.adventurewarsaw.pl kann man in Praga eine nostalgische Tour buchen, zum Beispiel die "Communism Tour8 (ab 149 Zloty, ca. 33,60 Euro). (c) Jasmin Kreulitsch

Am besten legt man dann noch eine Pause ein im Restaurant "Warszawa Wschodnia" , das nur wenige Meter weiter liegt und sogar 24 Stunden geöffnet hat. Unbedingt einen Platz an der Bar suchen: In der Mitte wuseln die Köche umher und man kann dabei zusehen, wie das eigene Essen zubereitet wird! Spätestens, wenn man dann zartgelbe Blinis mit orangefarbenem Lachs oder eine hellbraune Wildpastete mit dunkelroten Preiselbeeren isst, versteht man, dass Warschau nur auf den ersten Blick grau wirkt. Und sich zwei Mal hinschauen hier auf jeden Fall lohnt.

Unbedingt einen Tisch an der Bar im Restaurant "Warszawa Wschodnia" nehmen, um den Köchen zuschauen zu können. (c) Jasmin Kreulitsch Unbedingt einen Tisch an der Bar im Restaurant "Warszawa Wschodnia" nehmen, um den Köchen zuschauen zu können. (c) Jasmin Kreulitsch



Ein kulinarisches Überbleibsel der Russen: Blinis mit Räucherlachs. (c) Jasmin Kreulitsch Ein kulinarisches Überbleibsel der Russen: Blinis mit Räucherlachs. (c) Jasmin Kreulitsch



Typisch polnisch: Wildpastete und Preiselbeeren – beides aus den polnischen Wäldern. (c) Jasmin Kreulitsch Typisch polnisch: Wildpastete und Preiselbeeren – beides aus den polnischen Wäldern. (c) Jasmin Kreulitsch

 
 
 
 

Jasmin Kreulitsch
Freie Autorin. Blattmacherin. Kolumnistin. Reisejournalistin. In Klagenfurt aufgewachsen, in Wien studiert, in Berlin ausgebildet. Zählt konsequent die Tage von einer Reise zur nächsten und hat ihren Koffer immer bereit, um darüber zu schreiben, warum es sich lohnt, die Welt zu entdecken.
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