04.12.2016

Mit der roten Elektrischen durch den Flachgauer Advent


TRAVEL
Text — Gerhard Liebenberger



Der Gaisberg ist frisch „angezuckert“, tausende Lichter erhellen die Altstadt und der Duft der frisch gebratenen Maroni zieht durch die Weihnachtsmärkte. Diese besondere Vorweihnachtsstimmung genießen in der Stadt Salzburg jedes Jahr über eine Million Besucher. Mit der Salzburger Lokalbahn können Gäste in wenigen Minuten auch den nördlichen Flachgau entdecken. Ein Nostalgiezug bringt die Gäste an den Adventwochenenden zur Stillen Nacht Kapelle und zu stimmungsvollen Adventmärkten.

Manche beneiden mich dafür, dass ich dort wohne, wo andere Urlaub machen. Und auch für die Möglichkeit mich unter die Touristen mischen zu können, wann immer ich Lust zu einer kleinen Auszeit verspüre. Kurz vor der Adventzeit ändert sich die Stimmung in der Innenstadt. Der melancholisch-grauen Herbst weicht der fröhlichen Weihnachtsstimmung. Die Kaufleute schmücken die Schaufenster, die Weihnachtsbeleuchtung wird montiert und pünktlich zur Eröffnung der Weihnachtsmärkte erstrahlt der große Weihnachtsbaum vor dem Schloss Mirabell. Dieses Jahr ist der mächtige Christbaum ein „waschechter Pinzgauer“ aus Bruck an der Glocknerstraße. Die Besucher freuen sich über die traumhafte Vorweihnachtsstimmung in Salzburg. Sie schicken übers Smartphone Fotos vom Christkindlmarkt in alle Welt und wärmen sich dann wieder die Finger an den heißen Getränken. Der bekannteste Weihnachtsmarkt in der Stadt Salzburg ist der Christkindlmarkt am Residenz- und Domplatz. Über eine Million Menschen besuchen jedes Jahr die Stände vor der beeindruckenden Kulisse. So mancher Asiate beobachtet mich skeptisch, wenn ich in eine besondere Spezialität am Christkindlmarkt beiße. Mein heißer Tipp sind die Bauernkrapfen mit Sauerkraut und Knoblauch. Diese Kombination hat auch schon Mitteleuropäer verunsichert, aber die Mischung passt perfekt zusammen!  

Christkindlmarkt am Resindenzplatz (c) Gerhard LIebenberger Christkindlmarkt am Residenzplatz (c) Gerhard Liebenberger

Anfang Dezember, rund um den Krampustag, stürmen schreckliche Gestalten den Christkindlmarkt. Die Perchten sehen mit ihrem zottigen Fell, den hässlichen Larven und den lauten Glocken furchteinflößend aus. Unter der wilden Kleidung verbergen sich in den meisten Fällen aber zahme Gesellen. Im ganzen Salzburger Land zählen Krampus- und Perchtenläufe zur Tradition.

Perchtenlauf auf der Festung Hohensalzburg (c) Gerhard Liebenberger Perchtenlauf auf der Festung Hohensalzburg (c) Gerhard Liebenberger

Vom Salzburger Hauptbahnhof verbindet die Salzburger Lokalbahn die Landeshauptstadt mit dem Nördlichen Flachgau und dem angrenzenden Oberösterreich. Wenn wieder einmal der für Salzburg typische, warme Föhnwind zuschlägt führt die Reise statt durchs Winterwunderland hinaus ins Grüne. Die Weihnachtsfahrt im Nostalgiezug ist aber auch bei Sonnenschein ein besonderes Erlebnis.

Nostalgietriebwagen der Salzburger Lokalbahnen (c) Gerhard Liebenberger Nostalgietriebwagen der Salzburger Lokalbahn (c) Gerhard Liebenberger

Ich sitze in der „Roten Elektrischen“, die gemeinsam mit einem Wagen der „Grünen Elektrischen“ mit gerade einmal 40 Stundenkilometern durch den Flachgau rattert. Seit über 100 Jahre versehen die beiden Triebwagen nun ihren Dienst. Von Salzburg bis zur Endstation Ostermiething fährt der Zug eineinhalb Stunden, inklusive Umweg über Lamprechtshausen. Entlang der Strecke füllen sich die Wagen mit Fahrgästen. Viele Familien und Kinder, ein paar Bahnbegeisterte und betagtere Damen und Herren sind im Zug unterwegs. Ein Teil der Fahrgäste erlebt bei der Fahrt noch einmal die „gute alte Zeit“. Sie kennen die Rote und Grüne Elektrische noch aus jener Zeit, als sie planmäßig in den Flachgau und nach Berchtesgaden fuhren. Für Kinder ist es kurios, dass Menschen früher so reisten. So langsam. Und auf Holzbänken. Meinen Sitznachbarn Lorenz, Konstantin und Jonathan macht die nostalgische Bahnreise Spaß, sie fahren zum Adventmarkt.

Lorenz, Konstantin und Jonathan haben Spaß bei der Fahrt mit der Nostalgiebahn (c) Gerhard Liebenberger Lorenz, Konstantin und Jonathan haben Spaß bei der Fahrt mit der Nostalgiebahn (c) Gerhard Liebenberger

In Oberndorf, rund 20 Kilometer nördlich von Salzburg, verlassen einige Fahrgäste den Zug und besuchen den Adventmarkt am Stille-Nacht-Platz. In Oberndorf erklang im Jahr 1818 erstmals das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Joseph Mohr war in der St. Nikola Kirche als Priester tätig, Franz Xaver Gruber als Lehrer. Die beiden Männer schufen das Lied, dessen Kraft und Magie auch nach fast zweihundert Jahren noch ungebrochen ist. Heute steht an der Stelle der ehemaligen Kirche die „Stille-Nacht-Kapelle“. Vieles über die Legenden und romantische Geschichten, die sich um die Uraufführung des Liedes ranken, erfahren die Besucher im Stille-Nacht-Museum.

Stille Nacht Kapelle in Oberndorf (c) Gerhard Liebenberger Stille Nacht Kapelle in Oberndorf (c) Gerhard Liebenberger

Ostermiething ist die Endstation des Nostalgiezugs. Von hier bringt ein Bus die Ausflügler zum wenige Kilometer entfernten Holzöstersee. Jeden 3. Adventsonntag findet dort der „Advent am See“ statt. Bei meiner Ankunft spiegelt sich das Abendrot im kleinen See. Die ersten Kerzen brennen, sie weisen den Weg zum Adventmarkt. Entlang des Sees können Besucher gemütlich wandern, der Musik lauschen, den Handwerkern zuschauen und vielleicht das eine oder andere Weihnachtsgeschenk an den Ständen finden. Der Duft des Waldes mischt sich mit dem süßen Geruch von Zimt und Lebkuchen.

Lebkuchen (c) Gerhard Liebenberger Lebkuchen (c) Gerhard Liebenberger



Geschichtenzelt beim Advent am See (c) Gerhard Liebenberger Geschichtenzelt beim Advent am See (c) Gerhard Liebenberger



Advent am See (c) Gerhard Liebenberger Advent am See (c) Gerhard Liebenberger



Advent am Holzöstersee (c) Gerhard Liebenberger Advent am Holzöstersee (c) Gerhard Liebenberger

Während ich die Finger an der Teetasse wärme blicke ich über den See. Jetzt wird es rasch dunkel und die Atmosphäre verändert sich jede Minute. Die Farben verschieben sich ins bläuliche, die Lichter und Kerzen kommen immer mehr zur Geltung. Bald verschwindet das letzte Tageslicht bis sich nur noch die Lichterkette auf der glatten Wasseroberfläche spiegelt.

Advent am See (c) Gerhard Liebenberger Lichtspiele im See bei Advent am See (c) Gerhard Liebenberger

Beim Blick auf die lebende Krippe mit Esel und Schafen werde ich besinnlich. Meist werden Gedanken und Gefühle vom Vorweihnachtstrubel überrollt und wir vergessen, warum wir dieses Fest eigentlich feiern. Der See und der Wald strahlen ihre Ruhe aus, eine gute Gelegenheit besinnlich zu werden. Der Ausflug in den Flachgau ist eine entschleunigende Advent-Kombination, die mir jedes Jahr wieder gut gefällt: Eine nostalgische Bahnreise von Salzburg durch die Vorweihnachtszeit zur Stille-Nacht-Kapelle und zum Advent am See.
 
 
 
 

Gerhard Liebenberger
geb. 1978 in Bruck/Mur, ist Reisender aus Leidenschaft: Meist alleine mit Rucksack und bevorzugt mit der Eisenbahn. Über seine Reisen, die ihn u.a. durch Sibirien, China, Japan und Indien führten, berichtet er in seinem Blog andersreisen. Auf Leinwand begeistert aktuell die Multivisions-Show „Süd Indien – Ein Bahn-Reise-Abenteuer“.
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