08.01.2017

Krems: Wo alte Jungfern moderne Kunst treffen


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Text — Christina Rademacher



Die Wachau geht zu jeder Jahreszeit verschwenderisch mit ihren Reizen um. Besonders entspannend ist ein Aufenthalt jedoch im Herbst und Winter, wenn die Sonne die Weinberge zwar noch mit Licht, aber nicht mehr mit jener Hitze überschüttet, die Trauben süß und Wanderer müde macht. Der Genuss der einzigartigen Melange aus Natur und Kultur beginnt in Krems, dem östlichen Eingangstor in die Wachau.

Nach der Abfahrt von Wien Franz-Josefs-Bahnhof und einem ersten Halt in Heiligenstadt folgt der Regionalexpress wie magnetisiert der Donau. Zwischen Hadersdorf am Kamp und Krems scheint eine Kette aus Presshäusern dieselbe Anziehungskraft auszuüben: Fast wirkt es so, als ob die Gleise hier nicht auf einem eigenen Bett, sondern direkt durch eine Kellergasse verlaufen - ein toller Effekt, den kein Tourismusmanager besser hätte einfädeln können. Dass die Attraktivität der Region nicht künstlich erzeugt wird, sondern im Lauf vieler Jahrhunderte gewachsen ist, zeigt sich auch bei der Anreise von Süden: Von St. Pölten kommend folgt der Regionalzug Traisen und Fladnitz und streift dabei die geschichtsträchtigen Stifte Herzogenburg und Göttweig. Angekommen am Bahnhof Krems steht man schon mit einem Fuß in der Altstadt, die mit ihrem Auf und Ab aus Gassen, Gässchen und Stiegen, gepflastert mit Kirchen, ehemaligen Klöstern und einer mehrteiligen Stadtburg, ein pittoreskes Ensemble bildet. Mehr als 60 Seiten füllt es im Dehio-Handbuch über die Kunstdenkmäler Österreichs, offenbart seinen Charme aber auch ohne jedes Studium.

Ein Geheimtipp dürfte die begünstigte Gegend nie gewesen sein: In den weitläufigen Kellern des ehemaligen Dominikanerklosters und jetzigen Stadtmuseums liegen einige Skelette jener Slawen, die unter anderem am Kremser Wachtberg siedelten und entlang des Limes mit den Römern handelten. Neben dem Geruch nach Wein, der sich für alle Zeiten in den Gewölben festgesetzt hat, zeugen riesige Pressen und Fässer vom Anlass und Motor, die Wachau zu erschließen. Wo keine Häuser oder Kirchen stehen, wachsen Trauben. Mehr als die Hälfte aller Kremser Bürgerfamilien bewirtschafteten Mitte des 18. Jahrhunderts Weingärten. Im Wettlauf um die besten Flächen sicherten sich auch 50 Klöster hier ihre Lesehöfe, unter ihnen auch Herzogenburg und natürlich Göttweig: Bis 1839 besaßen die Benediktiner vom Berg gegenüber einen Hof gleich hinter dem Kremser Tor, nur einen Steinwurf und doch Welten entfernt von der Justizanstalt Stein, die für ihre Zwecke wie das Stadtmuseum ein ehemaliges Kloster nutzt.

Für eine exklusive Zeitreise ins 14. Jahrhundert kann man sich in der Touristeninformation in der Utzstraße (unweit des Steiner Tors gleich neben dem Stadtpark) einen Schlüssel ausborgen. Handgroß und gewichtig ob der Vergangenheit, die er erschließt, passt er in die Tür zur Göttweiger Hofkapelle, die sich über der Tordurchfahrt den Blicken der Passanten entzieht. Eine schmale Treppe führt hinauf zur Steinigung und Enthauptung des heiligen Matthias im Vorraum, zum Marientod in der Kapelle und zu den Törichten und den Klugen Jungfrauen in den Fensternischen des Oratoriums. Die Bilderwelt, die die Wände zum Leben erweckt, ist zwar verblasst, ihre Wirkung aber unverändert stark. Wer die Tür mit dem schweren Riegel wieder versperrt hat, geht mit der Gewissheit, dass Krems auch unter der hübschen Oberfläche Schönes zu bieten hat.

Der Schlüssel zur Hofkapelle (c) Christina Rademacher Der Schlüssel zur Hofkapelle (c) Christina Rademacher



Hofkapelle des Stift Göttweig (c) Christina Rademacher Hofkapelle des Stift Göttweig (c) Christina Rademacher



Törichte Jungfrauen, verblasste Malereien in der Kapelle (c) Christina Rademacher Törichte Jungfrauen, verblasste Malereien in der Kapelle (c) Christina Rademacher

Dazu gehört auch die zeitgenössische Kunst hinter den Mauern des Karikaturmuseums und der Kunsthalle, die zeitgleich mit dem Bau der neuen Landesgalerie gerade erweitert wird. Die sogenannte Kunstmeile erstreckt sich bis zum kleinen forum frohner in den Räumen eines ja, genau ehemaligen Klosters, das in seinen Ausstellungen eine kritische Auseinandersetzung mit Österreich fördert und so dafür sorgt, dass es hier in der Wachau mit ihrer nahezu perfekten Symbiose aus Natur und Kultur nicht allzu kitschig wird.

Deix-Skulptur vor dem Karikaturmuseum (c) Christina Rademacher Deix-Skulptur vor dem Karikaturmuseum (c) Christina Rademacher

Apropos Natur: Wem nach soviel Kunst der Sinn nach frischer Luft steht, folgt am besten der Steiner Landstraße noch ein paar hundert Meter Richtung Westen, wobei die Gefahr groß ist, in einem der Cafés oder Geschäfte hängenzubleiben.

Wegweiser in Stein (c) Christina Rademacher Wegweiser in Stein (c) Christina Rademacher

Vor allem am Haus der Regionen, das Auserlesenes aus Österreich und dem Rest Europas anbietet, kann man eigentlich nicht vorbeigehen. Aber die Stiege hinter der gegenüber liegenden Kirche St. Nikolaus lässt sich mit der Aussicht auf eine Tafel Marillenschokolade ja auch viel leichter erklimmen. Vorbei an der Frauenbergkirche Stein, heute Gedenkstätte für die Gefallenen beider Weltkriege, geht es durch ein Tor in der alten Stadtmauer zur Steiner Kellergasse und damit zum Welterbesteig, einem Wanderweg, der in mehreren aussichtsreichen Etappen durch die Wachau führt.

Blick vom Welterbesteig auf Krems (c) Christina Rademacher Blick vom Höhereck auf Unterloiben (c) Christina Rademacher

Wer bislang Schiff und Fahrrad für die Verkehrsmittel der Wahl hielt, um das Donautal zwischen Krems und Melk zu entdecken, könnte jetzt eines Besseren belehrt werden, genießt man doch auf den folgenden Kilometern nicht nur einen wunderbaren Blick auf die Landschaft, sondern erfährt sie auch in ungeahnter Vielfalt: Vorbei an Rebstöcken, Pfirsichbäumen, Brombeer- und Hagebuttensträuchern führt der Weg auch immer wieder durch Waldstücke und schließlich zum Naturdenkmal Höhereck, wo gerade die mageren Böden Artenreichtum garantieren. Knapp 100 Falterarten flattern hier über Steinfedergras und 300 weitere Pflanzenarten.

Smaragseidechse (c) Christina Rademacher Smaragseidechse (c) Christina Rademacher

Während vor den Füßen Smaragdeidechsen über den Asphalt huschen und das Gras auf der anderen Seite des Wegs ein wenig grüner machen, erreicht man Dürnstein, wo das bislang liebliche Gelände alpin anmutet: Schroffe Felsnadeln formen eines der ältesten Klettergebiete Niederösterreichs. Wie der menschliche Versuch, sie nachzubilden, erhebt sich am höchsten Punkt die Burgruine Dürnstein in strategisch günstiger Position über dem Ort.

Im Vordergrund steht dagegen der wie mit blau-weißen Zuckerguss übergossene Kirchturm zu ihren Füßen, während Kreuzgang und Krypta des ehemaligen Stifts Dürnstein bescheiden im Hinter- bzw. Untergrund bleiben: Um sie bei einer Führung besichtigen zu können, muss man entweder an einem Sonn- oder Feiertag im Sommer herkommen oder sich mit mindestens 19 Gleichgesinnten anmelden. Wem das gelingt, sieht unter anderem, wie Antonio Galli da Bibiena, eigentlich Experte für spätbarocke Theaterbauten, seine architektonischen Erfahrungen auf das Heilige Grab angewendet hat: Mit seinem begehbarem Kapellenraum, der erhöht liegenden Bühne und den perspektivisch gestaffelten Kulissen sieht es selbst aus wie ein kleines Theater mit ausgeklügeltem Lichtdesign möglicherweise gibt es in Dürnstein den weltweit einzigen Kreuzgang, in dem bunte Kugeln das ganze Jahr lang ein Flair von Weihnachten ausstrahlen.

Donauterrasse des Stiftsturm Dürnstein (c) Christina Rademacher Donauterrasse des Stiftsturm Dürnstein (c) Christina Rademacher



Heiliges Grab im Kreuzgang von Stift Dürnstein (c) Christina Rademacher Heiliges Grab im Kreuzgang von Stift Dürnstein (c) Christina Rademacher

Derart inspiriert, bleibt nach der Rückkehr mit der Buslinie WL1 sowohl die weißen Donauschiffe als auch die goldfarbenen Niederflurzüge der Wachaubahn verkehren nur in der Sommersaison vielleicht noch Zeit, um in Krems einzukaufen. Mehr als bunte Kugeln bietet der Adventmarkt, der jedes Jahr von Ende September bis Heiligabend in das Erdgeschoss des ehemaligen Schlüsselamtshaus gleich neben dem Stadtmuseum einzieht.

Adventmarkt im ehemaligen Schlüsselamt (c) Christina Rademacher Adventmarkt im ehemaligen Schlüsselamt (c) Christina Rademacher



Lederleitner Filiale Krems (c) Christina Rademacher Lederleitner Filiale Krems (c) Christina Rademacher

Wer sein Heim zu jeder Jahreszeit dekorativ in Szene setzen möchte, kann auf dem Weg zum nächsten Zug Richtung Zuhause beim Lederleitner vorbeischauen. Und wenn bis zur Abfahrt immer noch Zeit bleibt, kann man sie in der Konditorei Raimitz am Bahnhofplatz verbringen, um dort die Dukatenbuchteln zu probieren; eine süße Sünde, schwerwiegend genug, um sich auf den letzten Metern zum Zug die Frage nach seiner Tragkraft zu stellen. Und um sich vorzunehmen, dass beim nächsten Besuch nur eines süß sein wird: der Kremser Senf.
 
 
 
 

Christina Rademacher
ist Expertin für (ent)spannende Streifzüge durch Wien und Niederösterreich. Dabei ist die Journalistin prinzipiell ohne Auto unterwegs, denn nachdenken und schreiben lässt sich nirgendwo besser als in der Bahn. Auf diese Weise sind schon einige Bücher entstanden, zum Beispiel „Vom Hinterhof in den Himmel: 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien“, „Auf den Spuren von Prunk & Pomp: Unterwegs zu den schönsten Schlössern in und um Wien“ und „Unterwegs zwischen Wien und Bratislava: Genussvoll durch Marchfeld und Donauauen“. Zuletzt erschienen: „Pilger für einen Tag: Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern“.  
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