22.01.2017

Ballglück in Wien


TRAVEL
Text — Christina Rademacher



Alles Walzer! Wer in Wien lebt oder dort während der Ballsaison zu Gast ist, findet sich auch mit zwei linken Beinen eher früher als später in Abendkleid oder Smoking unter einem Kronleuchter wieder. Eine rauschende Ballnacht ist hier kein Märchen, sondern gelebte Realität, durchaus auch mitten in der Woche, was die Arbeitsmoral nach Sonnenaufgang verständlicherweise schwächt. Trotzdem darf, soll, ja muss in Wien getanzt werden.

Man kann die Wiener Bälle als wohl schönste Kommunikationsplattform ansehen , sagt Sabine Jäger, Pressesprecherin des Kaffeesiederballs. Mit Wiener Kongress und Kaiserzeit haben sich Bälle fest im gesellschaftlichen Leben der Stadt verankert. Auch wenn es die Einheimischen im Alltag gelegentlich stört, dass die Zeit seit der k. u. k.-Monarchie in manchen Bereichen stehengeblieben ist, gehört es im Winter für viele selbstverständlich dazu, mindestens eine, gern auch zwei oder drei der traditionellen Tanzveranstaltungen zu besuchen. Die Wiener Traditionsbälle bilden einen Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens , meint Angela Rupprecht-Weidinger, Organisatorin des Ärzteballs. In den schönen Sälen der Hofburg, begleitet von Walzerklängen plaudert es sich auch mit beruflichen Partnern in entspannter Atmosphäre vortrefflich. Wo früher Intrigen gesponnen wurden, wird heute genetzwerkt, zwei Tätigkeiten, die mitunter nicht nur sprachlich eng beieinander liegen.

Kaffeesiederball kaffee16_k1_1123 Eröffnungspaare am Wiener Kaffeesiederball (c) Christian Husar

Fast jeder Berufsstand und jede Institution, ob nur lokal oder international tätig, ob weltlich oder geistlich, parteilich oder überparteilich (was in Österreich allerdings selten ist), veranstaltet einen eigenen Ball, wobei der Ort durchaus etwas über das Selbstverständnis aussagt: Ärzte, Apotheker und viele andere Akademiker, aber auch Zuckerbäcker, Kaffeesieder und Jäger feiern in der mondänen Hofburg; Polizei, Feuerwehr und die Tiroler auch die Länderbünde geben sich in Wien selbstverständlich die Ehre kommen im stadtbürgerlichen Rathaus zusammen. Die Pfarre am Stadtrand bittet ihre Schäfchen statt zur Messe in die Kirche ausnahmsweise zum Tanz ins meist besser besuchte ehemalige fürstliche Jagdschloss; die Wiener Schulen feiern jede für sich, paarweise wie beim Ball der Alt-Hietzinger im Parkhotel Schönbrunn und auch noch einmal alle zusammen beim Wiener Schulball im Rathaus.

beliebte Balllocation, die Wiener Hofburg (c) Christina Rademacher beliebte Balllocation, die Wiener Hofburg (c) Christina Rademacher

Mehr als 400 Bälle kommen auf diese Weise jedes Jahr zusammen, die meisten davon in der Hochsaison zwischen 11. November und Faschingsdienstag. Mit jährlich rund 5000 Gästen, davon etwa 30 Prozent von außerhalb, tanzt der Kaffeesiederball in der oberen Liga der großen und auch touristisch bedeutsamen Bälle in Wien. Die lange Tradition und die wahnsinnige Vielfalt machen den Ball so besonders , meint Sabine Jäger. 13 Bands und Orchester bringen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur und natürlich dem Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer in Bewegung.

Eröffnungszeremonie am Kaffeesiederball (c) Christian Husar Eröffnungszeremonie am Kaffeesiederball (c) Christian Husar

Auf ein langes Leben kann auch der Ärzteball zurückblicken, der 2017 zum 67. Mal im Ballkalender steht. Rund 3600 Gäste, davon etwa 800 aus dem Ausland, trommelt die Ärztekammer in der Hofburg zusammen. Der Ärzteball ist nicht nur auf Grund der unterschiedlichen Themen, sondern auch auf Grund des wunderschönen Blumenschmucks eine Besonderheit , sagt Angela Rupprecht-Weidinger. Wenn die Besucherinnen ab 3 Uhr den Ball verlassen, können sie einen Teil der Dekoration zum Strauß gebunden mit nach Hause nehmen.

aufwändige Dekorationen schmücken die Hofburg (c) Christian Husar aufwändige Dekorationen schmücken die Hofburg (c) Christian Husar

Mit selbstgebasteltem Schwofen, im Wiener Schmäh als L'amour-Hatscher bespöttelt, kommt man in der Heimat des Wiener Walzers mit seinen 60 Takten pro Minute nicht weit, weshalb sich auch Tanzschulen eifrig mitdrehen im Ballkarussell. Wenn die Saison im Jänner, wie der erste Monat des Jahres auf Österreichisch heißt, auf ihren Gipfel zusteuert, pressiert's allerdings schon. Vielleicht kann ein Crashkurs vier linke Beine zu einem balltauglichen Pas de deux vereinen? Um mäßig Begabte nicht zu frustrieren, eignet sich für den Anfang am besten der Foxtrott, ein gutmütiger Tanz für alle(s) Langsame(n) im Viervierteltakt. Aus der Reihe der glitzernden Pumps, polierten Lederschnürschuhe und schwarzen Ballerinas tanzt bei dieser ersten Lektion in einem Einkaufszentrum am Stadtrand nur ein Paar: Turnschuhe sieht der Dresscode nicht einmal beim Ball des Sports vor, der zur Rathausfraktion der Bälle gehört. Wiener Eltern darf es jedenfalls nicht wundern, wenn der Sprössling, der eben noch das Tragen eines Oberhemds aus welchem Anlass auch immer vehement abgelehnt hat, zwei Jahre später mit großer Begeisterung mehrmals die Woche die Tanzschule besucht. Quasi über Nacht sind weißes Hemd, Fliege und schwarzer Anzug keine Zumutung mehr, sondern gehören selbstverständlich no na ned zum Ballbesuch dazu. Der kann offenbar süchtig machen, scheint die Zahl der besuchten Bälle doch von Jahr zu Jahr exponentiell zu steigen. Vom stets zu knappen Teenager-Taschengeld lässt sich das mithilfe eines Tricks finanzieren: Wer zum so genannten Ballkomitee gehört, tanzt gratis. Und da in Wien selbst der kleinste Vorstadtball dem strengen Protokoll folgt und mit einer meist von einer Tanzschule ersonnenen Choreographie eröffnet wird, funktioniert diese Art der Kostenersparnis in der teuren Ballzeit tadellos, auch wenn natürlich nicht immer 180 Paare wie beim Opernball auf diese Weise zu begehrten Freikarten kommen. Das weiße Kleid, die weißen Schuhe und die langen weißen Handschuhe für die Tochter bezahlen ohnehin meist die Eltern.

Eingang für die Debütanten in die Hofburg (c) Christina Rademacher Eingang für die Debütanten in die Hofburg (c) Christina Rademacher

Ganz schön teuer, meinen Sie? Ach geh, ich bitt' Sie! Bälle haben für Wien eine ähnliche Bedeutung wie das Skifahren für ganz Österreich: Es sollen trotz hoher Kosten identitätsstiftende Veranstaltungen für jede und jeden sein. Auch wer sonst darum bemüht ist, seine Individualität zur Schau zu stellen, unterwirft sich in der Nacht der Nächte freiwillig jenem Zeremoniell, das den Wiener Bällen ihren unverwechselbaren Stil verleiht. So steif der Ablauf mit Kleiderordnung, Damenspende, Eröffnung durch das Ballkomitee, Rahmenprogramm und Mitternachtseinlage auch wirken mag: Spätestens die Quadrille lockert die Stimmung zuverlässig auf. Bei dem französischen Kontratanz werden die Schritte zwar angesagt, aber nur von einem Drittel der Tanzwilligen richtig, vom zweiten falsch und vom dritten wegen Plauderns gar nicht verstanden. Anders als im Straßenverkehr sind die Zusammenstöße, die sich daraus zwangsläufig ergeben, eine nette und vor allem lustige Form der Kontaktaufnahme. Wie aus vielen, von Walzer und Sekt schon schwindlig gedrehten Gästen eine vor guter Laune sprühende Gemeinschaft wird, ist ein Erlebnis, bei dem auch der größte Tanzmuffel dem Charme der Wiener Bälle erliegt. Compliement!
 
 
 
 

Christina Rademacher
ist Expertin für (ent)spannende Streifzüge durch Wien und Niederösterreich. Dabei ist die Journalistin prinzipiell ohne Auto unterwegs, denn nachdenken und schreiben lässt sich nirgendwo besser als in der Bahn. Auf diese Weise sind schon einige Bücher entstanden, zum Beispiel „Vom Hinterhof in den Himmel: 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien“, „Auf den Spuren von Prunk & Pomp: Unterwegs zu den schönsten Schlössern in und um Wien“ und „Unterwegs zwischen Wien und Bratislava: Genussvoll durch Marchfeld und Donauauen“. Zuletzt erschienen: „Pilger für einen Tag: Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern“.  
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