29.01.2017

Der turmige Turm von Ceský Krumlov


TRAVEL
Text — Anton Maurer



Ich weiß nicht, wie viele Male sich hier die Vltava schlängelt, bevor du durch die Stadt kommst. Du überquerst sie etwa fünfmal und jedes Mal wunderst du dich, dass sie so goldbraun ist und dass sie es so eilig hat. Diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern von Karl Capek, einem tschechischen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts, der den Nagel damit auf den Kopf trifft. Die Vltava, wie sie im Tschechischen heißt, ist die Moldau, und die Stadt, von der die Rede ist, heißt Ceský Krumlov. Die historisch korrekte deutsche Schreibweise ist Krummau. Der deutsche Name lässt den Ursprung erahnen: Bei Ceský Krumlov handelt es sich um die krumme Au . Um die Perle des Böhmerwaldes. Und um eine mittelalterliche Rarität: Die gesamte in einer Moldauschleife gelegene Altstadt wird auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geführt. Unsere Erwartungen sind hochgesteckt, als wir in Wien Spittelau in den Zug steigen.

Die Anreise (c) Anton Maurer Die Anreise (c) Anton Maurer

In Ceské Velenice und Budweis, das wir bereits von unserer letzten Reise kennen, steigen wir um, das obere Stockwerk unseres Zuges bietet schöne Ausblicke auf den Böhmerwald. In Ceský Krumlov entscheiden wir uns gegen den Bus und für einen kurzen Fußmarsch. Fünfzehn Minuten später sind wir in einer anderen Welt. Ceský Krumlov, das ist ein Gesamtkunstwerk. Bunte Giebelhäuser, hohe Brücken, enge, gepflasterte Gassen, in den Moldauwindungen, über den Moldauwindungen und um die Moldauwindungen herum. Der böhmische Hochadel hätte sich keine schönere Gegend aussuchen können. Ceský Krumlov, das ist eine dieser Städte, in denen man am besten verlorengeht. Das Auge entscheidet, wo es als nächstes hingeht, pittoreske Fleckchen und bildhübsche Aussichten findet man hier überall.

2 Blick über die Stadt Blick über die Stadt (c) Anton Maurer

Dass die Grillspezialitäten im Restaurant Krcma Marketa beim Schlossgarten unter Insidern als Geheimtipp gehandelt werden, wissen wir, wir entscheiden uns aber trotzdem für eines der vielen Restaurants am Nám?stí Svornosti (Platz der Einheit). Der sonnenbeschienene Platz mit den großzügigen Gastgärten vermittelt eine entspannte Atmosphäre, und die böhmischen Semmelknödel samt Gulasch munden hervorragend. Die gefüllten Erdäpfelknödel sowieso.

Die Erdäpfelknödel sind ein Gedicht (c) Anton Maurer Die Erdäpfelknödel sind ein Gedicht (c) Anton Maurer

So gestärkt fühlen wir uns bereit für einen Schloss-Spaziergang. Wir beginnen am Roten Tor, leicht zu finden und kaum zu übersehen an der Kreuzung von Zámek und Latrán. Beim Schloss von Ceský Krumlov handelt es sich um den nach der Prager Burg zweitgrößten historischen Bau in Tschechien. Zu erkennen ist das Schloss bereits aus der Ferne an seinem markanten Turm. Der Turm ist groß, er ist schön, er ist rosarot, er ist rund, er ist spitz, und je länger man ihn betrachtet, desto eigenartiger kommt er einem vor. Wie Karl Capek völlig zu Recht anmerkte: Der Turm ist einer der türmigsten Türme, die ich je gesehen habe. Ich würde sagen, dass Türme eine tschechische Spezialität sind.

Der vielleicht türmigste Turm Tschechiens (c) Anton Maurer Der vielleicht türmigste Turm Tschechiens (c) Anton Maurer

Neben dem Turm, der für einen geringen Obolus bestiegen werden kann, finden sich im Schloss zahlreiche gut erhaltene Säle aus Barock und Renaissance. Zu bewundern gibt es eine Rokokokapelle und wertvolle Kunstsammlungen. Im Burggraben werden heute Bären gehalten. Weltberühmt ist das barocke Schlosstheater im fünften Schlosshof. Die Bühne aus dem 17. Jahrhundert ist in ihrem Originalzustand erhalten, die Bühnenmaschinerie ist voll funktionsfähig. Für die Bedienung der hölzernen Bühnenmechanismen werden 35 Personen benötigt. Das Theater wird im Rahmen des Barockfestivals jährlich im September bespielt.

Das Barocktheater (c) Stadt Cesky Krumlov, Libor Svacek, box@fotosvacek.cz Das Barocktheater (c) Stadt Cesky Krumlov,Libor Svacek, box@fotosvacek.cz

Über die dreistöckige Mantelbrücke geht es weiter in den barocken Schlossgarten mit Lusthaus und Kaskadenbrunnen. Dann fällt uns ein, dass wir den Schlossturm noch nicht bestiegen haben. Auf dem Rückweg besteigen wir ihn dann also doch noch, den turmigen Turm von Ceský Krumlov . Nach 162 Stufen stehen wir oben, und Ceský Krumlov liegt uns zu Füßen. Wir stehen auf einem turmigen Turm und blicken auf eine Stadt, die irgendwie ziemlich städtisch ist. Und beschließen, noch bevor wir uns auf den Weg zum Bahnhof machen: Ceský Krumlov sieht uns wieder! Anreise: Für die Bahnfahrt von Wien nach Ceský Krumlov stehen zwei Routen zur Verfügung: Romantiker steigen am Franz-Josefs-Bahnhof, in Spittelau oder Heiligenstadt in einen Zug der Franz-Josefs-Bahn und wechseln im Grenzbahnhof Ceské Velenice zu einem Zug nach Ceské Budejovice (Budweis). Von hier sind es noch 45 Minuten Fahrt bis Ceský Krumlov. Für Kleingruppen empfiehlt sich auf dieser Strecke das Einfach-Raus-Ticket der ÖBB. Bis zu fünf Erwachsene reisen damit günstig nach Gmünd, optional auch mit Fahrrad. Für die zweite Teilstrecke wird vor Ort im Zug ein eigenes Ticket gelöst. Alternativ ist Ceský Krumlov über Linz und Budweis zu erreichen. Die Fahrzeit beträgt auf beiden Routen rund 4:20 Stunden. Eine Reise nach Ceský Krumlov lässt sich ideal mit einem Ausflug nach Budweis oder Prag verbinden.
 
 
 
 

Anton Maurer
Deutschlehrer, Blogger, leidenschaftlicher Zugfahrer und Weltreisender aus Baden bei Wien. Nützt die Bahn auch für mittellange Strecken wie Wien-Wladiwostok.
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