12.02.2017

Slow Travel im winterlichen Ötztal


TRAVEL
Text — Maria Kapeller



Wenn ein ganzes Tal einen eigenen Bahnhof mit Schnellzuganbindung hat, dann heißt das was. Und zwar: Ins Ötztal muss es einfach eine gute Anbindung geben. Weil: Seine raue Naturschönheit kann man nicht so ohne Weiteres links liegen lassen. Sogar Schnellzüge bleiben hier stehen. Deshalb steigt man schon nach gut 20 Minuten nach Innsbruck am Bahnhof Ötztal aus.

Ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt: Nachdem 1883 der Bahnhof Ötztal auf der Strecke der Arlbergbahn eröffnet wurde, entstand nach und nach eine kleine Wohnsiedlung rund um den Bahnhof. Aus der Häuseransammlung wurde das Dorf „Ötztal Bahnhof“, das heute 1.300 Einwohner hat und zur Imster Gemeinde Haiming gehört. Von hier aus reicht das mit 67 Kilometern längste Alpental Tirols bis ins Ski-Eldorado Sölden zurück. Im Talschluss befindet sich das nicht minder bekannte Obergurgl. Aber das Ötztal kann mehr als Halligalli und Après-Ski. Auch wem nach Ruhe und Slow Travel zumute ist, der wird hier fündig. Mich spuckt der Postbus nach 40 Minuten Fahrt in der Gemeinde Längenfeld aus. Ein gutes Basislager für alle, die mit Öffis unterwegs sind. Alles da, was das Winterherz begehrt: flache und sonnige Langlaufloipen, Winterwanderwege, Rodelbahnen und im Winter geöffnete Hütten. Außerdem Tirols einzige Therme, der Aqua Dome. Ein weiterer Pluspunkt: Die gute Bus- und Skibusanbindung in beide Richtungen des Tals.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA Blick auf Längenfeld (c) Maria Kapeller

Heute bringt mich Ski-Bus Nr. 45 noch ein Stück weiter bergwärts, in die Ortschaft Gries. Der Bus schraubt sich die 13 Kehren hinauf, bis er am Ortsende auf rund 1.600 Meter Seehöhe stehenbleibt. Der Begriff „Slow Tourism“ könnte hier erfunden worden sein. Nicht viel mehr als paar Gasthöfe und Pensionen, ein Ski-Verleih, ein Gemischtwarenladen und eine anfängerfreundliche Piste mit Schlepplift prägen das Ortsbild. Der markante Kirchturm ist von schneebedeckten Gipfeln umgeben. Im Gegensatz zur Skipiste ist die Langlaufloipe – für Klassisch und Skating präpariert – wenig anfängerfreundlich. Bergauf, bergab führt sie rund um den Ort und ins wildromantische Sulztal.

Gries mit Kirchturm, umgeben von Schneebedeckten Gipfeln (c) Maria Kapeller Gries mit Kirchturm, umgeben von Schneebedeckten Gipfeln (c) Maria Kapeller



Langlaufloipe in Gries (c) Maria Kapeller Langlaufloipe in Gries (c) Maria Kapeller

Apropos Sulztal: Ein winterlicher Ausflug dorthin ist zwar kein Geheimtipp mehr, aber eine heiße Empfehlung für alle Naturliebhaber. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg in Richtung Sulztalalm, die 1.900 Meter hoch liegt. Der Schnee glitzert in der Sonne und bedeckt Zaunpfähle wie Baumäste mit einer dicken, weißen Schicht. Anfangs geht es gemächlich dahin, nach einer schmalen Holzbrücke schlängelt sich die Straße steiler und steiler durch den Nadelwald. Manchmal kommen mit Rodler entgegen, ab und zu auch abenteuerlustige Skifahrer. Nach einer guten Stunde sind die umliegenden Gipfel zum Greifen nahe. Der Himmel zeigt sein schönste Blau. Vor mir breitet sich eine zugeschneite Bilderbuchalm aus. Der halb zugefrorene Fischbach gluckert vor sich hin, kleinere und größere Steine zieren die Landschaft.

Sulztalalm (c) Maria Kapeller Sulztalalm (c) Maria Kapeller

Vor der Hütte stehen der Hüttenwirt, sein Hirte und ein Freund des Hauses mit Schnurrbart und Tiroler Hut. „Welche Tiere habt ihr denn hier oben?“, frage ich mit Blick auf den Stall. „Schafe, Ziegen und 160 Rindviecher“, antwortet der Wirt. Und fügt mit einem schelmischen Grinsen hinzu: „Ein paar davon sitzen drinnen in der Stube.“ Gemeint ist eine Gruppe Einheimischer, die in gemütlicher Runde um den Tisch hockt und Witze reißt. Bei hausgemachtem Apfelkuchen und einem Häferl Preiselbeertee wärme ich mich auf und lausche den Schmähführern.

Aufwärmen bei Apfelkuchen und Tee (c) Maria Kapeller Aufwärmen bei Apfelkuchen und Tee (c) Maria Kapeller

„Bisch scho wieda dahin?“, fragt der Wirt in feinstem Tiroler Dialekt, als ich mich nach einer Leih-Rodel erkundige. „Nimms da ofach ausm Stall“, ruft mir die Wirtin hinterher. Die Abfahrt ist zu Beginn steil und mancherorts von Eisplatten gezeichnet, die meiste Zeit nutze ich die Füße als Bremse. Weiter unten ist der Schnee schön pulverig. Nach gut 20 Minuten ist die Gaudi auch schon wieder vorbei. Ich blicke zurück, die Hütte ist jetzt weit hinter Hügeln und Baumwipfeln versteckt. War das gerade echt? Oder hat mich jemand kurzerhand ins Winterwunderland gebeamt und gleich darauf wieder zurückgeholt?

Zurück gehts mit der Rodel (c) Maria Kapeller Zurück gehts mit der Rodel (c) Maria Kapeller

Mir kommt der Spruch „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“ von Goethe in den Sinn. Ich stimme ihm zu. Weitreichende Ausblicke auf die verschneite Tiroler Bergwelt sind aber auch ohne große Anstrengung möglich. Zum Beispiel, wenn man mit der Gondel von Ötz nach Hochötz fährt. Der Postbus hält exakt vor der Talstation der Acherkogelbahn, die einen in nur wenigen Minuten von 800 auf mehr als 2.000 Meter Seehöhe bringt. Das Panoramarestaurant erfüllt seinen Zweck, gibt aber einen herrlichen Blick auf das Inntal und die umliegenden Berge frei. Uriger ist die Kühtaile Alm, eine Blockhütte, die in rund einer Viertelstunde zu Fuß erreichbar ist.

Kühtaile Alm in Hochötz (c) Maria Kapeller Kühtaile Alm in Hochötz (c) Maria Kapeller

Nach dem vielen Draußensein sehnen sich Körper und Seele dann aber doch noch nach ein bisschen Wärme. Dafür ist die Therme Längenfeld, der Aqua Dome, genau der richtige Ort. Ob beim Entspannen im heiß dampfenden Wasser oder beim Schwitzen in der nach Bergkräutern duftenden Sauna - spätestens jetzt breitet sich ein warmes, wohliges Gefühl aus. Fazit: Das Ötztal bietet unzählige Möglichkeiten, auch abseits von Skipisten und Schirmbars sein persönliches Winterglück zu finden.

Der Aqua Dome, Tirols einzige Therme (c) Maria Kapeller Der Aqua Dome, Tirols einzige Therme (c) Maria Kapeller

Lesetipp: Der Ötztal-Blog Im Ötztal-Blog „Geschichten vom Höhepunkt Tirols“ geben Einheimische und Reisende Tipps zu Ausflügen, Lieblingsplätzen, spannenden Begegnungen, Sportmöglichkeiten und aktuellen Veranstaltungen.
 
 
 
 

Maria Kapeller
Reist am liebsten mit einem Stapel Zeitschriften im Rucksack durch die Welt. Bei langen Zugfahrten darf die Schlafmaske nie fehlen. Wenn die erstmal abgenommen ist, stürzt sich die Texterin und Journalistin voller Elan in jedes neue Abenteuer. Sie schreibt nicht nur für diverse Medien, sondern mit viel Leiden-schaft auch auf ihrem eigenen Blog kofferpacken.at.
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