05.03.2017

Eine Zugfahrt der anderen Art: Glück Auf im Bademantel.


ACTIVE
Text — Angelika Mandler-Saul



Zwei zuvorkommend freundliche Lokführer in der Badehose und ein gelbes Züglein, das unter Tag neben einer Figur der Heiligen Barbara wartet. 150 Fahrgäste in Schlapfen und mit weißem Leinentuch auf der Schulter sowie eine hochmotiviert wirkende Ärztin im Bikini mit Sandalen. Sie alle fahren gemeinsam Bahn. Allerdings mit einem Zug der etwas anderen Art, mit einer Stollenbahn. Und sie sind auch nicht unterwegs auf einer pittoresken Bergstrecke, sondern begeben sich 2 Kilometer ins Innere des dunklen und engen Paselstollen mit seinen verzweigten Nebenstollen.

Wir befinden uns in Böckstein, ganz hinten im Gasteinertal, morgens um 10 vor 8. Bis nach Bad Gastein kann man aus Schwarzach St. Veit kommend wunderbar mit dem Zug anreisen, ab Dorfgastein wird man zudem mit einem herrlichen Ausblick auf das gesamte Gasteiner Tal und die Ache belohnt wer in Fahrtrichtung links sitzt. Böckstein liegt aber noch etwas weiter Richtung Talschluss und damit Richtung Sportgastein.

Richtig hell ist es hier hinten im Tal noch nicht, aber im hochmodernen Stollenkurhaus des Gasteiner Heilstollens Radhausberg ist bereits mehr als emsiges, hochprofessionelles Treiben angesagt: Ein moderner Kurbetrieb in einem nach Feng Shui Prinzipien gestalteten Kurhaus. Genau dort, wo sich heute täglich Patienten in Bademänteln anstellen, um die Zugwaggone zu besteigen, fuhren im 2. Weltkrieg die Bergarbeiter in den Berg ein, um nach Gold zu suchen. Das Gold fanden sie nicht, aber Erleichterung bei ihren rheumatischen Beschwerden. Es ist die im Berg herrschende Mischung aus Hitze, Feuchtigkeit und Radon, die für diese Linderung verantwortlich war.

Das moderne Kurgebäude des Gasteiner Heilstollens (c) Angelika Mandler-Saul Das moderne Kurgebäude des Gasteiner Heilstollens (c) Angelika Mandler-Saul

Für die mir bevorstehende Bahnfahrt kann man nicht einfach so eine Bahnkarte lösen: Nur mit einer ärztlichen Verordnung oder für eine einmalige Schnupper-Einfahrt ist das Bitte einsteigen erlaubt. Die Stollenbahn des Gasteiner Heilstollens führt tief hinein in den stockdunklen, heißen und extrem feuchten Stollen des Radhausberges in Böckstein. Dennoch: Wir sind alle freiwillig hier, um im Inneren des ehemaligen Bergwerks zu schwitzen und zu gesunden. Radon-Strahlung als Heilmittel inklusive. Diese Zugfahrten sind hochbegehrte Therapieanwendungen, deren Heilwirkung seit den 1950er Jahren wissenschaftlich nachgewiesen ist. Bahnfahren einmal ganz anders.

Erst zum Bademantel, dann in den Stollen. (c) Angelika Mandler-Saul Erst zum Bademantel, dann in den Stollen. (c) Angelika Mandler-Saul

Mit Glück Auf begrüßt der badebehoste Lokführer unter der Heiligen Barbara am Stolleneingang jeden einzelnen und reicht mir ein noch trockenes Leinentuch. Das tut er für 150 Patienten pro Einfahrt und das bis zu dreimal am Tag. Immer freundlich sind die Lokführer hier - ob´s am heilenden Klima ihres Arbeitsplatzes oder an der überschaubaren Bahnstrecke liegt, man weiß es nicht. Klar ist allerdings, dass jeder Lokführer hier auch ausgebildeter Bergmann ist. Die Badehose und der Bademantel als Uniform tun dabei meinem Respekt keinen Abbruch.

Die Stollenbahn befördert die Patienten in den Therapiebereich des Paselstollens (c) Angelika Mandler-Saul Die Stollenbahn befördert die Patienten in den Therapiebereich des Paselstollens (c) Angelika Mandler-Saul



Der Einsteigebereich in den Stollenzug. Später wird es enger, dunkler und heißer. (c) Angelika Mandler-Saul Der Einsteigebereich in den Stollenzug. Später wird es enger, dunkler und heißer. (c) Angelika Mandler-Saul

Beim Einsteigen hat es am Stolleneingang noch annehmbar warme Temperaturen und das Züglein ist gerade frisch desinfiziert und noch trocken. Noch schwitzt keiner. Das ändert sich nach der Zug fährt ab Durchsage und einer 2 Kilometer langen Fahrt hinein in die dunklen engen Stollen allerdings rapide. Befremdlich wirken auf mich zunächst die Liegewagenpatienten, die - bis zum Halse zugedeckt - in eigenen Waggons mit Betten gleich hinter der Lok auf die Einfahrt warten und ein wenig an Thomas Mann´s Liegekuren im Zauberberg erinnern.

Unter den sitzenden Fahrgästen herrscht anfangs beredte, für mich persönlich zu dieser Morgenstunde fast zu ausgelassene Stimmung. In manchen Waggons lärmen gar schon frühmorgens betont wohlgelaunte Patienten und verlautbaren vermeintliche Kurabenteuer. Wir haben nichts am Leibe außer Badeanzug, Bademantel und Schlapfen und schlurfen den engen Tunnel am Züglein entlang, um uns in den viersitzigen Zugabteilen aufzuteilen.
20 Minuten später und 2 Kilometer tief im Radhausbergstollen sitze ich immer noch im Bähnlein, aber bereits schwitzend. Ab der sogenannten Bademantelstation wirds richtig heiß und im Sinne des Kurerfolgs und erst recht in meinem Sinne wird offiziell gepflegtes Schweigen verordnet.

Ein Teil des Heilstollens im Modell (c) Angelika Mandler-Saul Ein Teil des Heilstollens im Modell (c) Angelika Mandler-Saul

In gespenstischem Dunkel rufen die Lokführer die Stationen aus: Nicht Dorfgastein oder Bad Hofgastein, sondern die Liegestationen. Je nach Indikation, persönlichem Empfinden und (männlichem) Ehrgeiz wählt man zwischen kleinen Seitenstollen mit einer Hitze von 37.5 bis 41.5 Grad und das bei einer Luftfeuchtigkeit zwischen 70 und 100 Prozent. Alle, die wir uns im Dunkeln bereits tropfend auf die überraschend bequemen Holzpritschen aufteilen, laborieren wir an Rheuma, Morbus Bechterew, Psoriasis, Allergien oder chronischen Neuralgien. Das hier herrschende unterirdische Klima wirkt sich positiv auf diese Beschwerden aus.

Fotografieren bei 40 Grad und höchster Luftfeuchtigkeit. Liegestation im Stollen.(c) Angelika Mandler-Saul Fotografieren bei 40 Grad und höchster Luftfeuchtigkeit. Liegestation im Stollen.(c) Angelika Mandler-Saul

Der Bergstollen mit seinem Heilklima ist nämlich einzigartig auf der Welt. Nirgends sonst gibt es diese Kombination aus Hitze, Radon und Feuchtigkeit. Ach ja, das natürlich radioaktive Radon-222. Es wird über die Atemwege und die Haut aufgenommen und im Körper verteilt, wo es den Zellreparaturmechanismus anregt und entzündungshemmende Botenstoffe aktiviert. Das aufgenommene Radon ist übrigens nach etwa 30 Minuten wieder zur Hälfte abgebaut und nach wenigen Stunden im Körper nicht mehr nachweisbar.

Echte Heilstollen-Fans können übrigens endlos über ihre Heilungserfolge schwadronieren. Liegt vielleicht daran, dass bei dieser Therapie auch Endorphine freisetzt werden Als Pragmatikerin und Skeptikerin bin aber auch ich mittlerweilen von der Wirkung des Radons gemeinsam mit der Hitze und der Feuchtigkeit auf meinen Körper felsenfest überzeugt. Mit und ohne Endorphine.
 
 
 
 

Angelika Mandler-Saul
Als Reisebloggerin ist die begeisterte Weinviertlerin Angelika Mandler-Saul nicht nur in Österreich unterwegs. Auf ihrem Reiseblog WIEDERUNTERWEGS – Vom Weinviertel in die Welt – berichtet sie regelmäßig mit vielen Fotos von ihren Reisen, Kurztrips und Erlebnissen unterwegs – mit und ohne Hund. Die Schwerpunkte liegen dabei auf Natur, Bewegung, Gesundheit und Kultur sowie Reisen unternehmungslustige Leute ab 40.
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