19.03.2017

Die kurvige Frau Olmütz


TRAVEL
Text — Irene Hanappi



Wäre Olmütz eine Frau, sie hätte üppige Kurven und keine Komplexe. Ihre Formen würde sie nicht verhüllen, sondern in figurbetonte Tops und enge Röcke stecken. Wow! Was für eine Erscheinung! Mit Ausnahme von Prag hat keine tschechische Stadt so viele denkmalgeschützte Gebäude aus Romanik, Renaissance, Gotik und Barock.

In diesem Kontext strahlt moderne Architektur natürlich etwas ganz Besonderes aus. Der U-Point am Horní nám?stí etwa Wer vermutet da schon hinter klassischer Fassade einen klar strukturierten, lichtdurchfluteten Raum, gestaltet von den Preisträgern des Grand Prix für tschechische Architektur? Der Ort ist zugleich Info-Point für Studierende und Concept Store mit Produkten junger Kreativer wie Alex Monhart, der mit seinem minimalistischen Rucksack ein Must-have schuf, das er weltweit im Internet vertreibt. Aber auch handgeschöpftes Papier, Moleskine-Notizbücher, alte Stiche der Stadt Olmütz liegen hier in den Regalen neben Honig, Tee und Kaffee mit dem Logo der Palacky Universität.

(c) Irene Hanappi Concept Store am Horní nám?stí   (c) Irene Hanappi

Tritt man vor die Tür, fällt der Blick auf ein Bild zeitloser Eleganz. In der Mitte des Platzes die Pestsäule. Durch ihren Reichtum an Figuren und vor allem durch ihre Größe hebt sie sich von allen anderen Denkmälern dieser Art ab. Fünfunddreißig Meter ist sie hoch und seit dem Jahr 2000 UNESCO-Weltkulturerbe. Zu ihrer Einweihung am 9. September 1754 reiste die Kaiserin samt Gatten aus Wien an. Maria Theresia war die erste, die sich in der im Inneren verborgenen Kapelle zum Gebet niederkniete.

Die Pestsäule (c) Irene Hanappi Die Pestsäule (c) Irene Hanappi

Noch unter ihrer Regentschaft erfolgte 1777 die Erhebung zum Erzbistum. Die kirchlichen Würdenträger herrschten wie Fürsten und betätigten sich als Mäzene. Sie errichteten 26 Kirchen und Kapellen, darunter die Wenzelskathedrale mit dem höchsten Turm der Stadt, die Mauritiuskirche mit der größten Orgel (10 400 Pfeifen) und die Michaelskirche, ein Dreikuppelbau mit monumentalem Deckenfresko.

IMG_9627 die größte Orgel in der Mauritiuskirche (c) Irene Hanappi

Olmütz ist die Barockstadt schlechthin. Jeder Stein, jede Fassade, jeder plätschernde Brunnen atmet den Geist dieser Epoche, die Überschwänglichkeit mit Leichtigkeit zu verbinden wußte. Um eine Ahnung davon zu bekommen, genügt ein Blick auf die vergoldete Kutsche, mit der Bischof Ferdinand Julius Troyer von Troyerstein 1747 Einzug in Olmütz hielt. Sie ist heute das Prunkstück der Sammlung im Erzdiözesanmuseum.

IMG_9663 Die vergoldete Kutsche mit der Bischof Ferdinand Julius Troyer von Troyerstein 1747 in Olmütz einfuhr (c) Irene Hanappi

Immer wieder im Laufe der Geschichte war die Kleinstadt an der March Schauplatz großer Ereignisse. Einmal beherbergte sie sogar den gesamten Wiener Hof, der vor der Revolution 1848 hierher geflohen war. In der Residenz des Erzbischofs, die vom fürstlichen Ambiente her der Hofburg in nichts nachsteht, bestieg der junge Franz Josef den Kaiserthron. Ein Gemälde zeigt ihn, wie er die Krone von seinem Onkel Ferdinand V. entgegennimmt.

(c) Irene Hanappi Kunst an den Fassaden (c) Irene Hanappi

Damals wurde Olmütz wegen der Nähe zu Wien ausgewählt, aber auch aufgrund der Tatsache, dass es eine Garnisonstadt war und tausende Soldaten notfalls zur Verteidigung bereitstanden. Dass Feldmarschall Radetzky hier von 1829-1831 gewohnt hat, erfahren aufmerksame Besucher durch eine Tafel am Palais Edelmann vis à vis des Rathauses. Ein paar Schritte weiter am Mährischen Theater liest man an der Hauswand von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, der hier während eines Militärmanövers im Jahr 1886 stationiert war. Mit Ausnahme des Eiskaffees, der Zeitungen und der Fülle von Desserts habe er Olmütz nicht viel abgewinnen können, heißt es. Eingekehrt ist er im Café Hirsch , wo alle berühmten Wiener sich trafen. Auch Ludwig Wittgenstein, Adolf Loos und Gustav Mahler, der ja am Theater engagiert war. Sicher auch Gustav Klimt, als er auf Einladung von Otto Primavesi nach Olmütz kam um Frau und Tochter des Bankiers zu porträtieren. Die Gemälde hängen heute in New York, doch die Jugendstilvilla der Familie steht noch an ihrem Platz hoch über dem Park. Auch das Café Hirsch ist erhalten geblieben, allerdings heißt es jetzt Kavárna Opera und tischt seinen Gästen Pizza auf.

Kaffukultur (c) Irene Hanappi Kaffehauskultur (c) Irene Hanappi



Süßigkeiten in der Vitrine (c) Irene Hanappi Süßigkeiten in der Vitrine (c) Irene Hanappi



Kuchen (c) Irene Hanappi süße Verführung so weit das Auge reicht (c) Irene Hanappi

Üppiges wie anno dazumal gibt es bei Pavel Martinásek in der Ostru nická 24. In den Verkaufsvitrinen der Delikatessenhandlung stehen gut zwei Dutzend Schüsseln mit verschiedenen Mayonnaisesalaten, daneben stapeln sich riesige Portionen von Serviettenknödel, appetitliche Schinkentörtchen in Aspik liegen neben den berühmten Olmützer Quargeln, die entweder gebacken oder in Essig-Zwiebel-Marinade verkauft werden. Höhepunkt sind die berühmten Chlebí?ky, die belegten Brote, bei deren Anblick einem das Herz lacht.  

Belegte Brote als Delikatesse (c) Irene Hanappi Belegte Brote als Delikatesse (c) Irene Hanappi

Stolz ist Olmütz auch auf seine Uni die zweitälteste des Landes. Von den rund hunderttausend Bewohnern sind ein Fünftel Studenten. Sie geben dem Stadtbild etwas Entspanntes, queren in Gruppen den Horní nám?stí, stehen plaudernd an den Straßenbahnstationen, löffeln genüsslich die Schaumkrone von ihrem Capuccino oder trinken einen grünen Smoothie. Im Coffee Library zum Beispiel mit seinen fröhlich-gelben Ohrenfauteuils und den auf Fäden befestigten, in der Luft baumelnden Büchern. Hoch in Kurs stehen auch Schischa-Bars, von Räucherstäbchen umnebelte Teestuben, Jazzlokale und Bierstuben. Manche Pubs beschallen mit Lautsprechern ihre Fassaden und erzeugen so Partyfeeling mitten am Vormittag. Dazwischen erklingt immer irgendwo das Gebimmel der Straßenbahn.

Gemütlichkeit im Coffee Library (c) Irene Hanappi Gemütlichkeit im Coffee Library (c) Irene Hanappi



Coffee Library (c) Irene Hanappi Coffee Library (c) Irene Hanappi

Durch die Gassen der Innenstadt zu schlendern hat hohen Unterhaltungswert. Im Tatoo-Laden in der Ztracená ulice liegt ein Muskelprotz mit nacktem Oberkörper bäuchlings auf einer Liege und blickt durch die Fensterscheibe den Passanten ins Gesicht, während der Meister die Nadel führt. Daneben ein Dessous-Laden mit keck arrangierten Auslagen, dann ein Geschäft mit melancholisch dreiblickenden handgefertigten Puppen. Sie erinnern an die große Tradition der tschechischen Marionettenbühnen.

Auslagen in Innenstadt (c) Irene Hanappi Auslagen in Innenstadt (c) Irene Hanappi



Puppen die an die Marrionettenkunst erinnern (c) Irene Hanappi Puppen die an die Marrionettenkunst erinnern (c) Irene Hanappi

Und was bitte ist das? Eine Vitrine in der ulice Panská zeigt lebensgroße Strohskulpturen: Zwei Schafe und einen flötenspielenden Hirten. Sie tragen Preisschilder um den Hals: 3900 Kronen kosten die Tiere, 5900 der Mann. Satchmo nennt sich die Location und ob es nun ein Jazzlokal ist oder eine Kunstgalerie, muss beim nächsten Aufenthalt geklärt werden. Wiederkommen lohnt sich bei Olomouc in jedem Fall!  
 
 
 
 

Irene Hanappi
ist Reisejournalistin. Sie schreibt für „Die Presse“, „Der Feinschmecker“, „Der Standard“ uva. Sie hat Reiseführer zu Pressburg, Brünn, Prag und Linz (alle im Falter Verlag) verfasst.
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