30.04.2017

Bologna: Kulturhochburg trifft auf lässigen Studentenchic


TRAVEL
Text — Chiara Futter



Seit ich in München wohne, bin ich noch schneller in Bologna bei meiner Nonna als von Wien aus. Wenn ich tagsüber fahre und ein Sparschiene-Ticket 1. Klasse ergattere, lehne ich mich in den großzügigen Sitzen zurück, genehmige mir einen ersten Espresso, blättere in den Zeitungen und Magazinen, genieße die Ruhe und träum schon ein bisschen von der Piazza Santo Stefano. Noch entspannter lässt es sich im Nightjet über Nacht reisen, allerdings brauche ich dann aufgrund der frühen Ankunftszeit gleich am Bahnhof einen espresso doppio um in den Tag zu starten.

Lange bevor Wanda über Bologna sang, kam ich Jahrein und Jahraus in diese Stadt um meine italienische Verwandtschaft zu besuchen. Besonders zwei Charakteristika ziehen sich durch die ganze Stadt und machen sie somit einzigartig. Das erste sind die Arkaden, die sich insgesamt auf fast 40 Kilometer belaufen und somit jeden Regenschirm überflüssig machen. Neben den Arkaden prägen immer wieder freistehende Türme, die alle umliegenden Gebäude um einiges überragen, das Stadtbild. Diese sogenannten Geschlechtertürme dienten den wohlhabenden Familien als Rückzugort in Kriegen und bei Seuchen. Die bekanntesten zwei Türme wurden im 12. Jahrhundert gebaut, sie heißen Asinelli und Garisenda, und markieren das Stadtzentrum. Obwohl Bologna eine sehr wohlhabende Stadt ist, findet man durch das rege Studentenleben und historisch bedingte Gegenkulturen ein sehr vielseitiges Treiben. Bologna wird la rossa (Die Rote), la dotta (die Gelehrte) und la grassa (die Fette) genannt. La rossa einerseits wegen der roten Farbe der Ziegelhäuser, andererseits weil sie jahrzehntelang von der politisch Linken regiert wurde.

Die Farben von Bologna (c) Chiara Futter Die Farben von Bologna (c) Chiara Futter

La dotta weil sie die älteste Universität Europas beherbergt. Den Palazzo dell' Archiginnasio (Piazza Galvani 1), ein Teil dieser Universität, kann man heute noch betreten und die Wappen der Studenten an den Wänden und den Decken bestaunen. Besonders das anatomische Theater ist einen Besuch wert. Nun zu dem letzten Punkt: La Grassa. Dass die Italiener gut kochen und viel essen können ist weltbekannt, aber in Bologna bestätigt sich dieses Klischee. Die Spitze dieses Eisberges bildet der Markt: In den Straßen Via Calzolerie, Via Drapperie und Via Caprarie sammelt sich ein Sturm von italienischen Nonne (Großmütter), die noch immer ihren Einkauf am Markt erledigen. Die Gassen sind eng, die Menschen gehen langsam und die Gerüche verändern sich nach jedem Schritt. Als Kinder konnten wir stundenlang die Fische in der Pescheria Brunelli (Via Drapperie 8) beobachten die meisten leben noch und bewegen sich - was uns sehr viel Freude bereitete. BRUNELLI_pesca   In dem Negozio Del Vero Grano (Vicolo Ranocchi 4 B) findet man den besten Käse (fragen Sie nach Stracciatella- ja das ist ein Käse! Und was für ein Köstlicher! Oder nach einem Squacerone oder frischem Ricotta) und in der Polleria Ranocchi (Vicolo Ranocchi 4 C)  die beste Salsiccia passita, eine weiche Salami. Das Herzstück des Marktes, und mein absoluter Bolognafavorit, ist die Osteria del Sole. (Vicolo Ranocchi 1 D) Bei meinen Wiener Freunden wird er Der Heurigen da drüben genannt. Meine italienischen Cousins und mein Vater müssen kaum etwas sagen, wenn sie von DER Bar reden, es ist immer die Osteria del Sole. Der Trick dieser Bar ist, dass sie zwar eine reichlich große Auswahl an Weinen hat, aber kein Angebot an Speisen, denn diese dürfen die Gäste selber mitbringen. Also: holen Sie sich ein paar Spezialitäten vom Markt, während Sich Ihre Begleitung schon einmal einen Platz angelt (am besten im Innenhof) und eine Flasche Wein bestellt. Die Osteria besteht seit den Dreißigern und wurde -  so wie es aussieht - nicht ein einziges Mal verändert. DAS können die Bologneser!

Abends vor der Osteria dels Sole (c) Chiara Futter Abends vor der Osteria dels Sole (c) Chiara Futter

Ein anderes Kultlokal der Stadt - wenn auch ganz anders -  ist Zanarini (Piazza Galvani 1). Falls Sie einmal etwas mehr Geld ausgeben wollen, oder die Bologneser treffen wollen, die dies tun, müssen Sie bei Zanarini vorbeischauen. Der Aperitif ist zweifellos teuer ist, aber bekommen sie zu ihrem Getränk eine Auswahl an feinen Brötchen und können sich auch noch etwas zum Essen von der Bar holen. Jeder Österreicher würde dies als Abendessen abstempeln, die Italiener aber nicht. Einen Aperol Spritz und ein Mini- Brötchen, erst dann geht man zum wahren Abendessen. Falls es warm genug ist, sitzt man draußen an den Tischen, falls nicht, steht man an der Bar und beobachtet die Kellner bei der Arbeit.   Auch das Café  Bottega Portici due torri  (Piazza di Porta Ravegnana 2) dürfen Sie nicht versäumen. Es befindet sich direkt neben den berühmten Türmen, Garisenda und Asinelli. Obwohl die Außenfassade nicht sehr schön ist, genießt man von der Terrasse einen herrlichen Ausblick auf das hektische Treiben der Innenstadt.

Bottega Portici (c) www.bottegaportici.it Bottega Portici (c) www.bottegaportici.it

Noch ein Geheimtipp: La Pasticceria Laganà (Via Santo Stefano 12). Nach der Kirche am Sonntag holen sich die Italiener paste , Mini- Mehlspeisen, und nehmen diese als Nachspeise nach Hause mit. Ich muss zugeben, dass ich nicht immer auf die Sonntagsmesse warte, und eigentlich fast täglich zu Laganà gehe. Wenn Sie sich nicht entscheiden können (und das kann Ihnen bei der Auswahl leicht passieren) nehmen sie die Meringue. Vertrauen Sie mir! Shoppen in Bologna ist besonders toll, weil es ganz viele kleine, individuelle und kreative Geschäfte gibt. Zwei Läden mag ich ganz besonders: Interiorverliebte werden auf jeden Fall bei  Borgo delle Tovaglie (Via Farini 10) fündig: Der Laden ist etwas schwer zu finden, denn das Geschäft hat keine Auslage und beginnt erst im hinteren Teil des Hauses. Dort kommt man wie in eine eigene Wohnung, man folgt einem Raum nach dem nächsten, steigt über Treppen und hat das Gefühl bei einem guten Freund zuhause gelandet zu sein. Mein zweiter Favorit ist Scout (Piazza dell Otto Agosto 29 B). Fashionbegeisterte sind dort bestens beraten. Die Mode ist sehr sportlich gehalten und allein das  Geschäft ist besonders sehenswert, da es mehrere Häuser einnimmt, inklusive einem Innenhof. Seien sie nicht verzweifelt falls Sie sich verirren- das passiert mir auch immer wieder. Toll finde ich auch, dass es bei Scout keine Einkaufssackerl gibt, sondern nur Stoffsäckchen. Und da ist eines schöner als das andere und bei meinen Wiener und Münchner Freunden heiß begehrt. Aber diese Sackerl haben einen noch viel größeren Vorteil: Mit so einem Stoffsackerl von Scout werden Sie nicht gleich als Tourist erkannt.

Die berühmten Arkadengänge von Bologna ... (c) Chiara Futter Die berühmten Arkadengänge von Bologna ... (c) Chiara Futter



... sind bei Nacht wunderschön beleuchtet (c) Chiara Futter ... sind bei Nacht wunderschön beleuchtet (c) Chiara Futter

Falls sie einen Überblick über Bologna gewinnen wollten, steigen Sie auf den Turm Asinelli aber Vorsicht! Sie müssen schwindelfrei sein. Und gehen Sie ja nicht als Student zwischen den beiden Türmen Asinelli und Garisenda hindurch, das bringt Pech (wie so vieles im abergläubischen Bologna... aber das ist eine andere Geschichte). Und wenn Ihnen nach etwas grün zumute ist und sie einmal aus der Stadt hinaus wollen, besuchen Sie San Luca. Diese Kirche steht sich auf einem der colle , einem der Hügel neben der Stadt. Der Weg dorthin führt durch einen wunderschönen langen Bogengang (natürlich können Sie auch einen Bus benutzen). Aber glauben Sie mir, Sie werden gar nicht aus der Stadt weg wollen, denken Sie nur an die Osteria del Sole, Lagana und Scout. Und spätestens wenn der Intercity auf dem Heimweg Bologna Centrale verlässt, werden Sie sich schwören bald wieder zu kommen. Glauben Sie es mir.  
 
 
 
 

Chiara Futter
Die Autorin ist gebürtige Wienerin mit italienischen Wurzeln, ist zweisprachig aufgewachsen und pendelt mittlerweile zwischen Wien, München und Bologna. Während der Schulzeit verbrachte sie ein Semester in Bologna bei ihrer Nonna um ihr italienisch zu verbessern.
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