25.06.2017

Sommertage in Sopot: Weniger ist Meer


TRAVEL
Text — Christina Rademacher



Zum Wintersport an die Ostsee? Wer am Wiener Hauptbahnhof in den Intercity Richtung Gdynia steigt, träumt nicht von schneeweißen Pisten, sondern vom blauen Meer. Dass es an der ?ysa Góra genannten Anhöhe hinter dem polnischen Seebad Sopot einen Skilift gibt, interessiert Sommerreisende herzlich wenig, erst recht, wenn sie aus Österreich kommen, liegt doch die Bergstation des Lifts nur rund 300 Meter entfernt von der Talstation und lässt sich daher zu Fuß in wenigen Minuten erklimmen, ohne dass auch nur ein Schweißtropfen rinnt. Mit Ausnahme der zünftigen Hütte an der Talstation also nichts für Alpenländler. Obwohl: Nach dem Urlaub könnte man das anders sehen. Doch noch wollen wir Meer.

Nach rund zehn entspannenden Fahrstunden die polnische Bahn ist bekannt für ihre Pünktlichkeit und vermutlich auch für ihr strenges Personal angekommen in Sopot, der letzten Station vor Gdynia, riecht die Luft allerdings nicht salzig, sondern süß. Gofry heißen die Waffeln, die an den Verkaufsständen auf dem Weg vom Bahnhof zum Strand angeboten werden. Bevor der frisch gebackene Teig auf dem Pappteller landet, wird er unter einer dicken Winterhaube aus Schlagobers oder einer braunen Sommerhaut aus Nutella versteckt. Ein paar Heidel- und Himbeeren darüber gestreut, und schon entsteht der Eindruck, dass die Kalorienbombe wengistens auch reich an Vitaminen ist. Aber eine gesunde Lebensweise steht bei den Gästen Sopots ohnehin nicht unbedingt an erster Stelle. Wer den Waffeln widersteht, schleckt das Lody genannte Softeis. In den winzigen, scheinbar rund um die Uhr geöffneten und stets gut besuchten Tante-Emma-Läden, von denen es eigentlich in jeder Straße einen gibt, werden die Dinge des täglichen Bedarfs angeboten: Brot, Nudeln, Wurst, Käse, Chips, Bier und Wodka. Wobei das Regal für die flüssigen Grundnahrungsmittel fast immer den meisten Raum beansprucht.

Steilküste zwischen Sopot und Gdynia (c) Christina Rademacher

Sopots Ruf für polnisches Dolce Vita mit Tradition verteidigt an vorderster Front das mächtige Grandhotel direkt am Strand. Gleich daneben, aber ebenso außerhalb der Reichweite der meisten Gäste steht das Sheraton-Hotel. Doch wer in einer der Villen im Bäderstil etwas abseits des touristischen Herzens der Stadt untergekommen ist, wird die Vorteile bald zu schätzen wissen, denn die Sommernächte in Sopot werden von vielen Gästen auf der Straße oder am Strand, jedenfalls nicht im Bett verbracht. Wenn dann noch das Wochenende durch einen Feiertag verlängert wird, ist in Sopots Zentrum kaum noch ein Pflasterstein zu sehen. Unzählige Touristenfüße reiben die Holzplanken der angeblich längsten (und nicht nur beim Open-Air-Kino eintrittspflichtigen) Seebrücke Europas blank, und die nach den Helden von Monte Cassino benannte Amüsiermeile gleicht in klaren, warmen Nächten einem 24-Stunden-Rummelplatz.        

Strand bei Sopot mit Danzig im Hintergrund (c) Christina Rademacher

Erst früh am Morgen beenden die Kellner der Nachtbar im Sheraton ihre Schicht mit einer Runde Rugby vor der Hintertür. Während oben am Bahnhof die unermüdlich verkehrende S-Bahn der Dreistadt die ersten Pendler ausspuckt, betrachten unten am Strand gerade gefundene und wenige Stunden später schon wieder verlorene Freunde bei einer allerletzten Flasche Wodka den Sonnenaufgang.

Sonnenaufgang über der Seebrücke (c) Christina Rademacher

Schlafen lässt sich schließlich wunderbar tagsüber, weich gebettet auf den feinsandigen Strand, der sich als kilometerlanges weißes Band fast durchgängig vom Ende der breiten Seepromenade in Gdynia bis zu den Hafenanlagen Danzigs zieht. Wer die Augen offen halten kann, spaziert am Strand entlang oder betrachtet hinter seinem Windschutz müßig die Ausflugsschiffe auf ihren immer gleichen Wegen durch die Ostsee und die Frachtschiffe, die wie Perlen am Horizont aufgereiht auf Einfahrt in den Hafen warten. Unter die Wasseroberfläche taucht man am besten im Aquarium von Gdynia. Wer Dorsch- oder Seezungenfilet verspeisen möchte, kann es zum Beispiel an der Theke der Bar Przysta? am südöstlichen Ende von Sopot bestellen und auf der Dachterrasse mit Blick auf die Halbinsel Hel genießen. In Polen eigentlich immer dazu gehört eine Zupa , in der Bar Przysta? natürlich eine Fischsuppe oder aber - wie fast in jedem Restaurant im Angebot ein Barszcz , die polnische Borschtsch-Variante mit vergorenen Roten Rüben, wahlweise ohne oder mit Teigtaschen. Mit den grüngelben Kuttern am Strand und dem skurrilen Minimeeresmuseum nebenan erscheint Sopot zumindest ein paar Suppenlöffel lang wie das kleine Fischerdorf, das es einmal war.

Dorschfilet in der Bar Przystan (c) Christina Rademacher

Dass in der Danziger Buch nicht nur geurlaubt und gefeiert, sondern auch gearbeitet und gewohnt wird, zeigen die großen Häfen und Werften der angrenzenden Städte Gdynia und Gdansk/Danzig ebenso wie die Plattenbau-Siedlungen an vielen Stellen der Trojmiasto (Dreistadt). Von den Aussichtswarten Kolibiki zwischen Sopot und Gdynia und Pacho?ek zwischen Sopot und Danzig, die man auf stets gut markierten Waldwegen erreicht, zeigt sich, wie weit der kommunistische Wohnbau seine Arme ins Hinterland gestreckt hat.

Fischkutter nach der Arbeit (c) Christina Rademacher

Auch wenn die Absicht, ausgerechnet in diesem dicht besiedelten Gebiet Natur entdecken zu wollen, auf den ersten Blick so wenig plausibel erscheint, wie als Österreicher zum Skilaufen nach Sopot zu fahren, verbirgt sich hinter Ständen und Stränden, Promenaden und Plattenbauten, Häfen und Werften überraschend viel Flora und Fauna. Wer die Amüsiermeile Monte Cassino hinter sich lässt und immer geradeaus Richtung Westen geht, stößt gleich hinter einer urigen Blockhütte auf den Trójmiejski Park Krajobrazowy, einen Landschaftspark, der der Dreistadt wie ein dichter Pelz im Nacken liegt. Die einzigen Läuse, die in ihm herumkrabbeln, sind ein paar Pilzsammler, Wildschweine, Radfahrer, Wanderer und kleine braune Frösche, die bei feuchter Witterung immer wieder die Pfade kreuzen. Unterbrochen werden die ausgedehnten Wälder höchstens einmal von einer gepflegten Kleingartenanlage, in der sich die Apfelbäume biegen.

Wildschwein im Trójmiejski Park Krajobrazowy (c) Christina Rademacher

Es gibt sie also doch, die Stille in Sopots summendem Sommer. Vielleicht kommen wir nächstes Mal im Frühling, im Herbst oder gleich im Winter hierher. Nicht unbedingt zum Skifahren, sondern weil wir neugierig sind, was die Dreistadt ohne die vielen Gäste mit Appetit auf Lody, Gofry und Wodka zu bieten hat. Weniger oder doch Meer?
 
 
 
 

Christina Rademacher
ist Expertin für (ent)spannende Streifzüge durch Wien und Niederösterreich. Dabei ist die Journalistin prinzipiell ohne Auto unterwegs, denn nachdenken und schreiben lässt sich nirgendwo besser als in der Bahn. Auf diese Weise sind schon einige Bücher entstanden, zum Beispiel „Vom Hinterhof in den Himmel: 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien“, „Auf den Spuren von Prunk & Pomp: Unterwegs zu den schönsten Schlössern in und um Wien“ und „Unterwegs zwischen Wien und Bratislava: Genussvoll durch Marchfeld und Donauauen“. Zuletzt erschienen: „Pilger für einen Tag: Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern“.  
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