30.07.2017

Innichen Dolce vita in den Bergen


TRAVEL
Text — Irene Hanappi



Die Eiswürfeln klimpern im Glas, es ist elf Uhr vormittags, auf der Terrasse der Jora-Hütte sind die Sonnenschirme aufgespannt und im Radio läuft ein Beitrag zum Thema „Durchatmen”. „Rund 300 Millionen Liter Luft benötigen wir im Laufe unseres Lebens,” verkündet eine wohlmeinende Stimme. An die sonnengewärmte Hauswand gelehnt, höre ich mit einem Ohr zu, während der Blick immer wieder die imposante Bergkette streift.  „Gut tut unserer Lunge natürlich viel frische, saubere, sauerstoffreiche Luft,” plaudert die Stimme aus dem Äther weiter.   Johanna, die Wirtin, trägt den Brotkorb an den Tisch. Die Roggencracker sind hausgemacht, erzählt sie. Die Burrata kommt aus Apulien, aber das Fleisch für das Beef tartare stammt aus dem Pustertal, von den Sprinzen, einer Rinderrasse, die als die besten der k.u.k. Monarchie galt, dann fast am Aussterben war und nun wieder gezüchtet wird. Extrem feinfaserig und zart schmeckt der erste Bissen! Der Wildsalat dazu ist handgepflückt und besteht aus dem, was nebenan im Kräutergarten gedeiht und rund ums Haus so wächst: Studentenblume, Kapuzinerkresse, Löwenzahn, Minze und Guter Heinrich... Der ganze Duft der Wiesen – kommt mir vor –  verbreitet sich mit einem Mal über dem Gaumen. Beef Tartar vom Sprinzen – eine alte Pustertaler Rindersorte © Irene Hanappi „Das Beste für die Lunge” dringt nun wieder die Stimme aus dem Radio durch, ”ist ein kontinuierliches Ausdauertraining, nicht Leistungssport, sondern einfach nur sich Zeit-nehmen für Bewegung im Freien...” Ob das Hantieren mit Messer und Gabel auch dazuzählt?   Hier heroben auf 1317m,  wollen wir es einmal annehmen. Beim Mountain Dining zwei Mal die Woche pilgern die Urlauber aus dem Ort herauf zu Markus Holzer, den sie alle von seiner Kochshow auf Rai Uno kennen. Viele haben seine Pastagerichte nachgekocht – die  Holzkohle-Tagliolini mit Wildspinat etwa oder die Bärlauch-Cavatelli, die so gut zum Fisch passen.   Viele wundern sich, dass ein Nicht-Italiener bei der Herstellung von Teig so viel Expertise besitzt. „Als Südtiroler, egal, ob deutsch, italienisch, ladinisch oder zugewandert, sind wir regelrecht verpflichtet, Brücken zu schlagen”, meint Markus gut gelaunt. TV Koch Markus Holzer, der Pasta Spezialist Das Wandergebiet rund um die Hütte gehört zum Naturpark „Drei Zinnen”. Seit 2009 bildet er einen Teil des UNESCO Welterbes der Dolomiten.   Ich atme einmal tief durch, fülle meine Wasserflasche und folge der Markierung „Zum Wildbad”, das vor hundert Jahren der Name eines berühmten Kurhotels war.   Noch als Ruine beeindruckt der luxuriöse Bau mitten im Wald. Von der Hitze des Julitages ist hier nichts zu spüren: im Schatten der alten Linde fühlt sich die Luft kühl an, in der Sonne angenehm warm. Man hört nur den Bach rauschen. Wie gut man hier wohl geschlafen haben muss, damals! Die Ruine des Wildbades Innichen © Irene Hanappi Das Grand Hotel Wildbad wird als Uroma aller Wellnesshotels in die Geschichte eingehen. Schautafeln dokumentieren seine Entwicklung. Eine historische Ansichtskarte zeigt es in seiner Blütezeit. Wanderer stehen vor dem Zaun und machen Fotos mit ihren Smartphones. Ein, zwei schneereiche Winter und dann ist es um diese Alpen-Diva geschehen. Sie wird wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.   Der 1854 von einem ungarischen Arzt eröffnete Bau wies bemerkenswerte Ausmaße auf. Es gab einen Ballsaal, Räume für Thermal- und Dampfbäder und Hallen für Trinkkuren, die gegen Magenbeschwerden verordnet wurden. Ab 1880 war das Wildbad Treffpunkt der Aristokratie. Kaiser Friedrich III von Preußen und der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand zählten zu den Gästen.   In unmittelbarer Nähe entspringen fünf Mineralwasserquellen. Sie heißen: „Lavaredo”, „Kaiserwasser”, „Schwefelquelle”, „Eisenquelle” und „Candida”. Die ersten vier sind als Mineralwasser anerkannt. Das „Kaiserwasser” existiert immer noch als Marke  – ein regionales Produkt wie der „Hoila”, der Apfelcidre oder der Golden-Gel, ein „Verwandter” des  Gorganzola.   Unten im Dorf ist Markttag. Es duftet nach Speck und frisch gebackenem Brot. „He, Bambini, calma!” hört man eine Mutter rufen, die Wanderoutfits an einem der Stände betrachtet.   Wochenmarkt auf dem Pflegplatz vor der St. Michaelskirche © Irene Hanappi   Speck wird nicht ins italienische übersetzt, das versteht jeder hier © Irene Hanappi Lange bevor die Kurgäste kamen, waren es die Händler, die auf ihrem Weg von Venedig nach Salzburg in Innichen Halt machten,  dann die Pilger, die das Außerkirchl – eine Nachbildung der Grabeskirche in Jerusalem – aufsuchten und später, nach der Erstbesteigung der Großen Zinne im Jahr 1869, die Bergtouristen. Die berühmten Drei Zinnen sieht man von den Nachbarorten Sexten und Toblach aus. Der Ehrfurcht gebietende Berg, der in Innichen alles überragt, heißt Haunold.   Das Haunoldmassiv wacht über Innichen © Irene Hanappi   Rund um dieses steinerne Wahrzeichen rankt sich eine Sage. Die Sage vom Riesen Haunold, der geholfen hat die Kirche unten im Tal zu bauen. Er schleppte riesige Felsbrocken hinunter und bekam als Gegenleistung dafür jeden Tag ein Kalb. Irgendwann war es den Innichnern zu viel und sie machten ihm den Garaus. In der Vorhalle der Kirche des Heiligen Candidus hängt eine seiner Rippen – eine schaurige Trophäe, die in Wirklichkeit von einem Dynosaurier stammen soll. Die Fußgängerzone und die beiden Kirchen – die barocke St. Michaelskirche und die romanische Stiftkirche du den Heiligen Candidus und Korbinian © Irene Hanappi „Die romanische Kirche war für die besseren Leute, die barocke St. Michaelskirche für die anderen”, erzählt Hanna Erharter, die Tourismusdirektorin. Ihr Büro befindet sich in einem verwinkelten Altbau mit Fenstern auf den Pflegplatz. Ehemals wurde hier im geheimen Deutsch unterrichtet, erwähnt sie kurz und geht dann zu einem anderen Thema über: Die Verkehrsberuhigung. Ziel sei es, durch Parkplätze und -garagen die Autos am Ortsrand abzufangen. Vor zwei Jahren wurde im Ortsteil Vierschach ein Bahnhof eröffnet. Skifahrer fahren vier Kilometer jetzt mit dem Zug und gelangen dann über eine neu erbaute Brücke direkt zur Talstation des Helm-Lifts.       Die Anbindung an die Südbahn hat im 19. Jahrhundert geholfen Innichen bekannt zu machen. Auch heute ist es noch so, dass die meisten Hotels vom Bahnhof zu Fuß erreichbar sind. Die 2002 vom Architekturbüro „Alles wird gut” errichtete Fußgängerzone verbindet Neuankömmlinge direkt mit dem Zentrum, zu dem neben den drei Kirchen und den alteingesessenen Gasthöfen auch ein Marktplatz, eine kleine Freilichtbühne, eine Bibliothek, und eine Theaterwerkstatt gehören. Und natürlich zahlreiche elegante Boutiquen, denen Innichen seinen Beinamen „Cittadina”, kleines Städtchen, verdankt. Neubauten auf der grünen Wiese sind per Landesgesetz von der Provinz Bozen untersagt. Wer in einem Supermarkt einkaufen will, fährt nach Sillian in Österreich.   Abendstimmung in der Fußgängerzone © Irene Hanappi   Rund dreitausend Einwohner zählt der Ort und noch einmal so viel Gästebetten stehen zur Verfügung. Nach der stressigen Sommersaison droht vielen im Tourismus Tätigen der Hangover. Damit es nicht dazu kommt, werden in der Fußgängerzone die Holzroste, die im Sommer von Straßencafe?s besetzt waren, entfernt und durch Blumenbeete ersetzt, einzelne Teile der Strecke können mit Wasser geflutet werden, wodurch Freira?ume mit Wellnessfaktor entstehen. So gelingt es auch den Einheimischen ihren Ort zu genießen und einmal so richtig durchzuatmen.  
 
 
 
 

Irene Hanappi
ist Reisejournalistin. Sie schreibt für „Die Presse“, „Der Feinschmecker“, „Der Standard“ uva. Sie hat Reiseführer zu Pressburg, Brünn, Prag und Linz (alle im Falter Verlag) verfasst.
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