05.04.2015

Im roten Pfeil nach St. Petersburg


TRAVEL
Text — Peter Rosei



Es war gegen Ende des November, bei Tauwetter, als sich um neun Uhr morgens ein Zug der Petersburger-Warschauer-Bahn in voller Fahrt Petersburg näherte. Das Wetter war so feucht und neblig, dass das Tageslicht kaum zur Geltung kam; man konnte rechts und links von der Bahn aus den Fenstern der Wagen nur auf zehn Schritt mit Mühe etwas erkennen. Unter den Passagieren waren einige, die aus dem Ausland zurückkehrten;

am meisten gefüllt waren aber die Abteile dritter Klasse, und zwar fast ausschließlich mit kleinen Geschäftsleuten, die aus nicht sehr weiter Entfernung kamen. Alle waren, wie das so zu sein pflegt, müde; allen waren während der Nacht die Augenlider schwer geworden, alle fröstelten, alle Gesichter waren gelblich, von derselben Farbe wie der Nebel. F. M. Dostojewski Als er in Petersburg ausstieg, fühlte er sich trotz der schlaflosen Nacht belebt und erfrischt, als hätte er ein kaltes Bad genommen. Er blieb vor seinem Wagen stehen und wartete Annas Erscheinen ab. Ich werde sie noch einmal sehen, sagte er unwillkürlich lächelnd zu sich selbst, ich werde ihren Gang, ihr Gesicht sehen, sie wird etwas sagen, wird den Kopf nach mir wenden, mich anblicken, möglichweise mich anlächeln. L. N. Tolstoi Ich war, wie man sieht, von meiner Lektüre her bestens auf eine Bahnreise in Russland vorbereitet. Meine erste Fahrt ging von Moskau nach Sankt Petersburg, damals noch Leningrad. Dass dann das Fenster im Abteil klemmte und bloß mit zusammengeknüllten Zeitungen zugestopft war, störte mich nicht. Es sollte eine Nachtfahrt werden. Die Schaffnerin machte mir mit mütterlicher Fürsorge tatsächlich mein Bett, stellte mir heißen Tee her. Mein Nachbar schnarchte laut, und als wir in Petersburg ankamen, hatte ich kaum ein Auge zugetan. Der Zug hieß Krasnaja Strela, was so viel wie Roter Pfeil heißt. Anstatt zu schlafen, träumte ich von den Strelitzen, vom Zaren Boris, von der Stadt Tobolsk, weitab in Sibirien, die er begründet hat, von den Kirchen dort, hoch oben am Hügel, dem Gold der vielarmigen  Kreuze, das vor dem blauen Himmel erstrahlt. Palace Square Night by Ivengo(RUS) Wenn ich Ihnen für Petersburg etwas anraten soll: Besuchen Sie ein Konzert in der Philharmonie, schauen Sie sich die Leonardos in der Eremitage an, gehen sie in eine der Kneipen am Litejnyj oder an der Mochowaya, steigen sie die unvermeidlichen drei, vier Stufen zum Souterrain hinunter, bestellen Sie sich einen Krug Bier und dann denken Sie über Ihr Leben nach.

Sankt Petersburg Philharmonie (c) Yoshi Canopus Sankt Petersburg Philharmonie (c) Yoshi Canopus

Ein anderes Mal fahre ich wieder von Moskau nach Petersburg, da gibt es irgendein Unglück, der Zug hat große Verspätung. (An sich ist die russische Eisenbahn sehr pünktlich.) Bald kreist, um die Zeit ein wenig totzuschlagen, die Wodka-Flasche im Abteil, und als ich endlich in Petersburg ankomme, bin ich sehr gut aufgelegt: Wie auch nicht? Es ist drei Uhr in der Früh, leere, hallende Straßen und magere, irgendwie jungfernhaft zurückhaltende Sternchen stehen am blassgrünen Himmel. Was soll ich Ihnen noch empfehlen? Fahren Sie doch nach Komarowo hinaus, nach Repino meinetwegen, ergehen Sie sich am Ufer, am Strand des Meeres: Blau und Blau die Fernen über den waldreichen Kaps und Halbinseln Kareliens.

Komarovo bereg (c) Kondratyev Komarovo bereg (c) Kondratyev

Eine andere Route, die ich oft befahren habe: Von Sankt Petersburg nach Nischni Nowgorod. Das geht, wie ich mich erinnere, sechzehn oder gar achtzehn Stunden. Wie schön ist es doch, in ein Land hineinzufahren, das man nicht kennt, noch nie gesehen hat! So sollte man immer leben. Ich zeichne jetzt einen seeartig aufgestauten Fluss zwischen braungrünen, glatten Ufern her. Boote sind auf dem Fluss, der eigentlich gar nicht fließt weshalb sage ich dann: Fluss? Weil die Zeit stetig vergeht? Ich, im Zug, an mein Abteilfenster gebannt, sause vorbei, indes draußen, auf dem Fluss da, die Fischer in ihren Booten sitzen und Angeln ins Wasser halten, Weidenschöpfe tauchen mächtig auf, Föhren und Föhren, Fichten: Wo ist jetzt der Fluss geblieben, wo die Boote, die Fischer: Wo ist das alles nur geblieben? Puschkin spazierte die Pestel Straße im Morgenmantel hinunter, um sich Äpfel aus dem Sommergarten zu holen. Er geht über die Brücke am Michaelsschloss, am Schwanenkanal entlang da ist er schon fast im Sommergarten. Und da die Rede jetzt schon einmal auf Puschkin gekommen ist: Mit ihm wär s schön, sich einmal zu unterhalten, er war einer von der Mozartschen Sorte, einer, mit dem einem nie langweilig werden kann, einer was sage ich: Einer von denen, die das Leben, so schwer es gelegentlich auch sein mag, leicht wie eine Feder machen können, was sage ich, leicht wie ein Federchen!
 
 
 
 

Peter Rosei
wurde 1946 in Wien geboren. 1968 promovierte er zum Doktor der Rechtswissenschaften. Seit 1972 lebt er als freier Schriftsteller in Wien. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. Franz-Kafka- Preis, Anton-Wildgans-Preis und das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Zuletzt erschienen: "Die Globalisten" (2014).
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