12.04.2015

TI AMO Verona


TRAVEL
Text — Liane Seitz



Meinen ersten Berührungspunkt mit Verona hatte ich während meines Schauspielstudiums 18 Jahr, blondes Haar und mein Einstiegsdialog in der Klasse war die berühmte, mit Klischees behaftete Balkonszene aus Shakespeares Romeo & Julia. Tja, einerseits war ich natürlich voller Enthusiasmus, da ich am Beginn meines METHOD-ACTING-Studiums 1*) stand und wohl jede erdenkliche Rolle gespielt hätte, andererseits war es als Teenager schon ein bisschen peinlich, ausgerechnet als erste Rolle die Julia zu spielen und mit einem gleichaltrigen Kollegen eine Liebesszene zum Besten zu geben. Es muss mir offenbar ganz gut gelungen sein, da sich im Zuge der Erarbeitung des Dialogs mein Romeo Hals über Kopf in die Julia, also in mich, verliebt hatte.

Im Gegenzug zum Original verschmähte ich ihn, was wiederum zur Folge hatte, dass er das Schauspielstudium prompt an den Nagel hing, Filmcutter wurde und ich gemäß der Stanislavski-Methode und der Empfehlung meiner Schauspiellehrerin 2*) an den Ort des Geschehens nach Verona reiste, um mehr über die Hintergründe der Rolle, das Umfeld und die Historie zu erfahren. Die meisten, die auf Romeos & Julias Spuren nach Verona reisen, sind zunächst enttäuscht: Der Balkon ist ziemlich runtergekommen, nicht historisch belegt und nicht größer als ein Klopfbalkon. Zudem ist die Hausfassade mittlerweile gänzlich mit Graffiti verschmiert und vollgepierct mit Schlössern Aber fernab von dieser oberflächlichen Tourismusattraktion war es Liebe auf den ersten Blick Es war ein Sommertag und die wunderbar unregelmäßig speckig glänzenden Bodenplatten waren von der Sonne aufgeheizt, als plötzlich ein Platzregen noch mehr Bewegung in die belebte Piazza Erbe brachte. Mit dem großen Traum, Schauspielerin zu werden im Kopf und einem Gelato in der Hand, ließ ich die ersten Tropfen ohne Schutz auf mich einprasseln. Es war einer dieser kleinen Momente, in denen man das wahre lebendige Leben spürt und beschließt, einer großen Zukunft entgegenzublicken. An den eigentümlichen Geruch, den so ein Wassersegen auf dem heißen Steinboden verursacht, kann ich mich heute noch mit einem Nasenlächeln ganz genau erinnern ... so riecht der Sommer, die Sehnsucht, das dolce vita.

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Auch mit meinem Ehemann reiste ich in den darauffolgenden Jahren immer wieder nach Verona. Und nachdem wir über die Jahre alle touristischen Attraktionen, wie z. B. den obligaten Opernbesuch in der Arena, absolviert hatten, waren wir meistens nur noch ganz auf Shopping eingestellt. Schließlich eignen sich die vielen Läden wunderbar für einen erfolgreichen Einkaufsbummel, der stets mit zwei Prosecchi am Piazza Erbe erschöpft, aber glücklich endet.

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Als mein Sohn Vincent gerade mal drei Monate alt war, zog es uns wieder nach Verona. Diesmal mit Kinderwagerl und Wickeltasche bewaffnet, versuchten wir uns nach dem Schlafrhythmus unseres Juniors zu richten. So galt es, jenes straffe Zeitfenster von maximal einer Stunde im Eiltempo für Power-Shopping, Essen und Trinken zu nutzen. Als Vincent nach seiner Nahrungsaufnahme umgehend den gesamten Inhalt des Flascherls in einem großen Schwall mitten im Restaurant auf mein schwarzes Sommerkleid spuckte, erfuhr ich, wie kinderlieb die Italiener wirklich sind. Alle Frauen waren sofort zur Stelle, säuberten Mutter & Kind und luden den Vater währenddessen auf einen Grappa per Papa ein ... Besonders für Familien mit kleinen Kindern empfiehlt sich eine entspannte Anreise per Autoreisezug. Verona ist über die Südstrecke mit dem Nachtzug, komfortabel im Schlafwagen, zu erreichen. Abfahrt 19:17 Wien, Zustieg z.B. in Leoben 21:40,  Klagenfurt 23:35, Villach  00:03 Uhr und Ankunft in Verona um 6:40. Das Auto kann bis obenhin voll geräumt werden und im Zug kann man es sich so richtig gut gehen lassen. Wieder ein Grund mehr um öfters in meine Lieblingsstadt zu jetten ... In besonders schöner Erinnerung habe ich auch eine schriftstellerische Liaison, die in Verona ihren Anfang nahm Nach der Piazza dei Signori und dem Denkmal Dantes in Verona benannt, formierte sich ebendort PIAZZA DANTE, eine Screen-Writing-Gemeinschaft 3*) mit meinem bekannten und lieben Freund Thomas Kratky, die uns neben der wohl glücklichsten Arbeitsphase meines Lebens immerhin einen Auftrag der renommierten Filmproduktion Lisa Film bescherte. Verona, amore mio ja, ich liebe diese Stadt. Sie war Beginn, Zwischenstation und Wendepunkt für meinen Lebensweg und bis heute fühle ich mich magisch zu der kleinen, nahe dem Gardasee gelegenen, italienischen Kleinstadt hingezogen.

Panorama della città di Verona da Castel San Pietro - (c) Jacopo Prisco Panorama della città di Verona da Castel San Pietro - (c) Jacopo Prisco

1*) Als Method Acting bezeichnete Lee Strasberg seine auf der Lehre von Konstantin Stanislavski beruhende Methode, die Schauspielerei zu erlernen. Es handelt sich hierbei um ein aus acting method (engl. Schauspielmethode) gebildetes Kunstwort, das eine US-amerikanische Variante des Naturalismus im Schauspiel bezeichnet. Der Schauspieler arbeitet dabei mit Erinnerungen an eigene Erlebnisse und mit Entspannungstechniken. 2*)Das Method-Acting-System nach Stanislavski wurde damals unter der strengen Führung von Schauspiellehrerin Prof. Lola Braxton in der Wiener Sonnenfelsgasse gelehrt. 3*) Thomas Kratky (alias DANTE) war damals in L. A. und schrieb, wenn bei uns in Europa Nacht war und ich (alias PIAZZA) antwortete quasi am Morgen danach. So kreierten wir im schriftstellerischen Ping-Pong -Verfahren Charaktere, erdichteten Dialoge und führten die Handlungsstränge des anderen weiter.
 
 
 
 

Liane Seitz
ist die Gründerin von THE FASHION SQUAD, freie Autorin und leidenschaftliche Reisende. Hier holt sich die ambitionierte Mode-Expertin immer wieder Inspirationen für ihre Projekte.
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