19.04.2015

Bei den Störchen in den March-Thaya-Auen


ACTIVE
Text — Andrea Johanides



Der Rucksack ist gepackt, die Wanderschuhe sind geschnürt und die Wettervorhersage verspricht blauen Himmel und Sonnenschein: ein perfekter Tag für einen Ausflug in die March-Thaya Auen. Als Geschäftsführerin des WWF kenne ich diese Region gut; seit mehr als 40 Jahren ist der WWF in den Auen im Osten Niederösterreichs tätig. Also mache ich mich auf zum Wiener Hauptbahnhof und nehme den nächsten Regionalzug nach Marchegg.

Der Bahnhof liegt etwas außerhalb des historischen Stadtkerns und gut drei Kilometer vom Schloss und dem WWF Auenreservat entfernt eine kleine Herausforderung also, die ich gerne annehme. Wer Muße hat, bewältigt den Weg durch die Ackerlandschaft entlang des Dammes zu Fuß. Wochentags fährt auch ein Pendlerbus, der einen in das Stadtzentrum bringt. Ich entscheide mich für das Rad, leihe mir vor dem Bahnhof ein sogenanntes Nextbike aus und radle los. Übrigens: Für alle ÖBB Vorteilscard Besitzer ist die erste Stunde gratis! Mein Weg führt mich ins Storchenhaus am Schlossgelände. In zehn Minuten beginnt eine Führung. Marion, eine Mitarbeiterin des Storchenhauses, zeigt einer Gruppe junger Naturfans die Storchenkamera, mit der man das Geschehen in den Storchennestern mittels Videoübertragung live mitverfolgen kann. Das Storchenhaus als Ausgangspunkt für einen Ausflug in die March-Thaya Auen kann ich übrigens sehr empfehlen: Seine beiden Mitarbeiterinnen kennen das Gebiet wie ihre Westentasche und wissen auch immer, was es gerade wo zu entdecken gibt. Nun kann die Führung beginnen. Wir spazieren durch den Schlosspark und erfahren allerlei Fakten und Wissenswertes über den eindrucksvollen Storch. Hier in der Marchegger Au befindet sich die größte baumbrütende Weißstorchkolonie Mitteleuropas. Von Ende März bis Ende August findet man bis zu 60 Weißstorchbrutpaare, die hier die warme Jahreszeit verbringen. Im Mai schlüpfen die Jungen. Auf unserer Tour kommen wir den Vögeln ganz nahe: Sie brüten auf den Bäumen des Parks, den wir durchqueren, und auf dem Dach des Schlosses. Tiefer in der Au, auf der Schlosswiese, beobachten wir sie dann bei der Nahrungssuche; sie fressen Frösche, Käfer oder auch Schlangen. Das Grande Finale der Tour findet schließlich auf der tollen Aussichtsplattform statt, die uns fast auf Augenhöhe mit den Tieren in den Baumkronen bringt.

Vier Jungstörche-im-Nest (c) Marion-Schindlauer.jpg Vier Jungstörche-im-Nest (c) Marion-Schindlauer.jpg

Bei der Maierhofbrücke verabschiede ich mich von der Gruppe und mache mich auf eigene Faust auf den Weg. Der Biber -Wanderweg, den ich einschlage, ist der längste der drei beschilderten Wege und kann in etwa drei Stunden zurückgelegt werden. Er führt mich tief in die Auen und präsentiert eine unglaubliche Formen- und Artenvielfalt: Feuchtwiesen grenzen direkt an Trockenrasen, Weidendickichte reichen bis an die schattigen Ufer, mächtige Eichen säumen den Weg. Roter Schnabel, ausgestreckter Hals, schwarze Flügel, heller Bauch: ein Blick durch das Fernglas lässt mich gleich erkennen, dass da am Himmel ein Schwarzstorch über mir kreist. Nach einem etwa 45-minütigen, gemütlichem Spaziergang erreiche ich die Maritzhütte. Kurz nachdem ich es mir am Rastplatz am Wasser gemütlich gemacht habe, höre ich den hellen Ruf des Eisvogels. Mit dem Fernglas entdecke ich den geschickten Fischjäger mit blitzblauem Gefieder an einem übers Wasser ragenden Ast.

Schwarzstorch © F.Hahn 4nature.jpg Schwarzstorch © F.Hahn 4nature.jpg

Weiter des Weges wandere ich über bunte Blumenwiesen. Am Wegesrand entdecke ich die Ganzblatt-Waldrebe - auch für Botaniker ist das Naturschutzgebiet eine wahre Fundgrube. Das Pflücken der Pflanzen ist im ganzen Gebiet nicht erlaubt. Ein Stückchen weiter erreiche ich dann den Umkehrpunkt des Wanderweges mit seinem schattigen Rastplatz. Das Gras ist nach dem Hochwasser im Frühjahr unglaublich rasch gewachsen. Bald werden die Landwirte mit der ersten Heuernte beginnen. Entlang des Hochwasserschutzdammes, der die Au von den angrenzenden Feldern trennt, geht es zurück. In den Altarmen und Teichen halte ich nach Biberfamilien Ausschau. Ihre Spuren - angenagte Bäume - sind weithin zu sehen, die Tiere selbst kann ich aber heute nicht entdecken. Sie sieht man nur mit viel Glück in der Dämmerung.

Biber (c) D. Miletich 4nature.jpg Biber (c) D. Miletich 4nature.jpg

Der Wanderweg schließt seine Runde beim Storchenhaus, das übrigens auch der ideale Ort ist, um sich mit regionalen Produkten zu Ab-Hof-Preisen einzudecken. Bevor ich mich auf den Weg nach Hause mache, kaufe ich noch eingelegtes Feldgemüse, Honig und eine frische Flasche Bio-Apfelsaft. Für alle, die nach einer Wanderung oder vor der Heimfahrt noch einen Happen essen möchten, empfehle ich einen Besuch des Landgasthaus Nagl-Hager oder des Schlosswirt.

Hochwasser-Marchau-©-B.Krobath_4nature.jpg Hochwasser-Marchau-©-B.Krobath_4nature.jpg

Die March-Thaya-Auen sind ein einzigartiges Naturerbe. Sie beheimaten mehr als 500 gefährdete Tierarten wie den Seeadler, den Biber oder den Eisvogel. Die überschwemmten Auwälder erfüllen auch wichtige Funktionen für uns Menschen: Sie verbessern den Hochwasserschutz, filtern Schadstoffe aus dem Fluss und reichern das Trinkwasser an. Zu den Besonderheiten gehört die größte baumbrütende Weißstorchkolonie Mitteleuropas in Marchegg, wo direkt im Anschluss an das Schloss seit über 120 Jahren Weißstörche brüten.
 
 
 
 

Andrea Johanides
ist Geschäftsführerin des WWF Österreich. Der Verein World Wide Fund For Nature (WWF) ist eine der größten und profiliertesten Naturschutzorganisationen der Welt. In Österreich arbeiten rund 70 MitarbeiterInnen an nationalen und  internationalen Projekten zur Bewahrung der biologischen Vielfalt und zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks.
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