26.04.2015

Korsika per Motorrad - beam me up, Scotty!


TRAVEL
Text — Karl Wessely



Der Weg ist nicht immer das Ziel. Schon gar nicht, wenn das Ziel relativ weit entfernt ist, der Weg teilweise uninteressant ist und man als Biker nur eine gute Woche Zeit für seine Tour zur Verfügung hat. Korsika ist schön und ein Paradies für Biker, die Autobahn von Udine nach Livorno ist es nicht ...

Sich auf eine Motorradtour zu begeben, bedeutet grundsätzlich zu reisen. Ich kenne niemanden, der sich auf sein Motorrad setzt, um 1.000 Kilometer zu einem Urlaubsziel zurückzulegen, dort sein Bike abstellt und nach vierzehn Tagen wieder mit dem Motorrad nach Hause fährt. Das ist eine absurde Vorstellung. Ganz im Gegenteil: Biker überlegen eher, wie sie den beschwerlichen Weg zu spannenden Gefilden abkürzen können. Wenn man sich doch beamen könnte… In unserem Falle funktioniert das fast. Man besteigt den Autoreisezug im Wiener Hauptbahnhof mittwochs oder freitags gegen 20:00 Uhr und verlässt ihn am nächsten Tag nach einem erfrischenden Intermezzo im Schlafwagen um 08:50 Uhr wieder. Nun muss man nur mehr mit dem Bike auf die Fähre hinauf und Korsika, die Schöne, ist ante portas. Das alles zu einem Preis, der vollkostenkalkuliert auf der Straße kaum zu haben ist. Napoleon soll gesagt haben, dass er Korsika mit verbundenen Augen am Geruch erkennen könne und Mireille Mathieu hat in ihrem Korsika-Schlager die „Melodie“ Korsikas, die sie nie vergessen werde, besungen. So sehr sich diese auf Korsika bezogenen Informationsquellen zeitlich und auch substantiell unterscheiden, für den Biker sind sie vom Inhalt her durchaus bedeutungsvoll. Geruch und Klang, das sind zwei Begriffe, die eng mit dem Motorradfahren verbunden sind. Gerüche, weil man beim Biken viel intensivere Sinnes-Wahrnehmungen hat als im Auto – und das Thema Klang versteht sich beim Biken von selbst.

Mit dem Bike durch Korsika - (c) Karl Wessely Mit dem Bike durch Korsika - (c) Karl Wessely

Motorradfahren auf Korsika ist ein ganzheitliches Erlebnis. Der Asphalt ist besonders rau und griffig (weshalb der aufgezogene Reifensatz noch gut in Form sein sollte!), und ja, Korsika verströmt an allen Ecken und Enden sein besonderes Duftportfolio. Dazu kommen noch traumhafte Küstenstraßen, die rund um die Insel und in das gebirgige Landesinnere führen und laufend traumhafte Ausblicke zur Küste freigeben. Ich habe kaum eine Region erlebt, die so abwechslungsreich und vielfältig ist wie Korsika. Im Norden ragt das Cap Corse wie ein Zeigefinger nach oben. Obwohl die Strecke um Cap Corse nur rund 40 Kilometer lang ist, kann man sich dort gut einen halben Tag mit dem Motorrad vergnügen. Besonders beeindruckt haben mich der schwarze Strand bei Nonza und die Adrenalinschübe, die jedes Mal auftreten, wenn sich ein Autobus um eine der engen Kurven schiebt. Am südlichen Ende der Insel befindet sich die Stadt Bonifacio; sie ist wirklich eine Attraktion. Der Hafen von Bonifacio mit dem Kalksteinplateau und der darauf angesiedelten Altstadt ist wohl einer der eindrucksvollsten im gesamten Mittelmeerraum. Das Plateau ist auf der Südseite so stark ausgewaschen, dass die Häuser darauf fast wie auf einem Balkon stehen und den Eindruck erwecken, sie könnten jeden Augenblick nach vorne ins Wasser kippen.

Calvi - (c) Karl Wessely Calvi - (c) Karl Wessely

Am stärksten beeindruckt hat mich die Fahrt durch die Calanche, eine bizarre Landschaft aus rotem Stein, durch die man sich in 400 Meter Höhe schlängelt und die Ausblicke auf die Westküste freigibt, die man – verschärft durch ordentliche Schräglagen –  gut und gerne in die Sammlung seiner besonderen Motorradmomente aufnimmt. Überhaupt hat die Westküste mich mehr beeindruckt als die Ostküste. Dort findet man die Hauptstadt Ajaccio als Geburtsstadt Napoleons sowie die Städte Sartene und Calvi, die ebenfalls einen Besuch lohnen. Korsika ist kein klassisches Urlaubsziel wie es etwa die norditalienische Küste ist. Ich kann mich an keinen Ort erinnern, an dem ich unbedingt hätte eine Woche verbringen wollen (ausgenommen vielleicht  den 1959 in Calvi gegründeten  „Störrischen Esel“, einen Club mit einem ganz besonderen Flair, der vor allem als Ausgangsort für diverse Touren gilt).

Genoese-Bridge-(c) - Myrabella Genoese-Bridge-(c) - Myrabella

Korsika ist vielmehr eine besondere Destination zum Reisen. Das macht einen Unterschied. Urlauber und Reisende haben unterschiedliche Intentionen. Wer Urlaub macht, weiß meist bereits daheim, was ihn erwartet. Er hat sein Ziel über Kataloge und Fotos ausgesucht und verlässt sich auf möglichst viele positive Internet-Bewertungen seiner Vor-Urlauber. Erich Fromm, der populäre Philosoph und Psychoanalytiker, hätte den Urlauber wohl zu den Haben-Menschen gezählt, zu jenem Typus Mensch, die die Verfügbarkeit über die Dinge dem reinen Sein-Lassen vorzieht. Der Reisende, nach Fromm wohl eher ein Seins-Mensch, ist ganz anders gestrickt. Wer reist, hat eine andere Grundhaltung,  ist offen für alles Neue und dementsprechend auch neu-gierig. Dem Reisen wohnt die Bewegung inne, auch die seelische. Goethe hat durch seine Italien-Reise eine Entwicklung erfahren, die sein Werk maßgeblich geprägt hat. Kaum vorstellbar, dass ein noch so entspannender Club-Urlaub Ähnliches in ihm ausgelöst hätte. Und wenn man sich dann doch noch einige Tage länger Zeit nehmen will, kann man die Fähre zurück nach Nizza nehmen und über die Alpen nach Feldkirch fahren. Von dort geht dann wieder ein Autoreisezug nach Wien.
 
 
 
 

Karl Wessely
ist Germanist und Historiker. Er hat in den späten Achtzigern als Journalist bei der APA begonnen, ist danach zu Siemens  gewechselt und 2006 bei Esterhazy gelandet. Er ist Geschäftsführer des Schlosses Esterházy und der Arenaria GmbH, die heuer vom 8. Juli bis 15. August TOSCA in der Regie von Robert Dornhelm im Römersteinbruch St. Margarethen zur Aufführung bringt.
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