06.10.2017

Best of Brno-Nightlife


TRAVEL
Text — Irene Hanappi



In einer Stadt mit 35.000 Studenten gehen abends so schnell nicht die Lichter aus. Brünn sieht sich selbst als Cocktail Capital oder Dance-Mekka des Landes und schon bei einem Kurzbesuch wird schnell klar, dass damit noch längst nicht alles gesagt ist. Zwei Dutzend Bühnen machen jeden Abend Programm. Sämtliche Genres Theater, Film, Konzert und Tanzperformances sind vertreten. Allein die Liste der Music Clubs mit DJ & Live Acts füllt mehrere Seiten der Programmzeitschrift.

Für viele gibt es keinen schöneren Start in den Abend, als an der Balustrade entlang der ehemaligen Basteien zu lehnen und die im Rucksack mitgebrachte Bierdose zu knacken und dann im Licht der untergehenden Sonne auf die Stadt zu schauen. Der Bahnhofsplatz liegt einem da zu Füßen und bei genauerem Hinsehen erkennt man das geflügelte Rad am Dach des Gebäudes. Es sollte 1839, als die erste Dampflock von Wien kommend hier eintraf, das Tempo der neuen Zeit versinnbildlichen. Dieses Tempo ist auch heute wieder spürbar. Schon ein Tag in Brünn genügt um festzustellen: Hier bewegt sich was. Ein gutes Beispiel ist die Barszene, die es in dieser Form vor fünf Jahren noch nicht gab oder der Coffeehouse-Boom, der das gute alte Kaffeehaus als Art-Café oder City-Lab wieder auferstehen lässt. Und dann ist da noch die Cukrárna, die Konditorei, die mit neuen verführerischen Kreationen aufwartet. In welche Kategorie die Teehäuser mit ihren weichen Pölstern und dem Duft nach Räucherstäbchen gehören, muss erst noch eruiert werden...

Croissant und Espresso im Café Mezzanin (c) Irene Hanappi

Ob man nun gemeinsam auf ein Bier geht, sich an eine Bar lehnt oder im Kaffeehaus ein Schokotörtchen teilt das entscheidet allein der Moment. Fest steht jedenfalls, wenn es heißt, Gehen wir auf ein Bier , dann sagt man im Tschechischen Jit na jedno , was so viel bedeutet wie Gehen wir auf eins? , in Wirklichkeit sind es aber mindestens drei ... Und noch etwas: Ein Bier ist in jedem Fall ein Krügel, ein Seidel (0,3 l) ist selbst bei Damen ein No-Go. Die lange Brauereitradition seit 1325! darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Südmähren ein traditionelles Weinland ist. Wenn Weinausschank oder Weinkeller früher eher einer Spirituosenhandlung glichen, wo Papa sich den Vorrat für daheim in mitgebrachte Behälter abfüllen ließ, so sind die heutigen Vinarias schicke In-Lokale, die ihren Gästen das Tor zur Weinwelt Mährens öffnen. Immer öfter verschwimmen die Grenzen zwischen den "Genres" und in der Kavarna oder Pivnica gibt es auch etwas zu essen, genauso wie man in den meisten Restaurants einfach nur einen Kaffee oder ein Bier bestellen kann, ohne schief angesehen zu werden. Non-Stop-Service kommt bei allen gut an. Und so etablieren sich immer mehr Lokale, die am Vormittag Kaffee, am Nachmittag Suppen, am Abend Cocktails und in den frühen Morgenstunden Absacker servieren. Was dem Spirit dieser Stadt und wohl auch dem tschechischen Humor entspricht, ist, dass zum Drink oder zum kleinen Happen gleich auch ein Gag mitgeliefert oder eine Geschichte erzählt wird.

Wohnzimmeratmosphäre im La Bouchée (c) Irene Hanappi

La Bouchée etwa inszeniert Wohnzimmeratmosphäre mit einem Regal voll alter auch deutschsprachiger Bücher. In der Schauküche agiert eine junge Crew, die sich auf moderne tschechische Bistro-Küche verlegt hat. Ein paar Gassen weiter befindet sich das Beisl Hostinec U Bláhovky , dort wird Tradition mit einem Schuss Ironie inszeniert. Neben der Schank steht ein Einsiedeglas, in dem Kulinarik-Klassiker dahindümpeln: Rollmöpse mit sauren Zwiebeln und Nakládaný Hermelín , der mit Gewürzen und Knoblauch marinierte tschechische Camembert. Sie werden den Gästen am Teller serviert und existieren auch als Kunst-Installation im Regal. Kunst, genauer gesagt Filmvorführungen und Theater-Performances, gibt es auch im Café Falk , einem Intellektuellencafé mit unverwechselbarem Retro-Charme.

Retrocharme im Wirtshaus Blahovky (c) Jakub Viktora



Cafe falk - Ein Hauch von Boheme (c) Irene Hanappi

Wegen der Story, die mitgeliefert wird, steht Lokál u Caipla auf der Beliebtheitsskala der Locals ganz oben. Es ist die Geschichte von Alois Caipla, der um 1900 ein Lokal eröffnete, das zu einer regelrechten Institution wurde. Es büßte nie seine Beliebtheit ein, selbst in Zeiten des Krieges und später im realen Sozialismus. Heute schätzen die Hipster es wegen der Rund-um-die-Uhr-Verpflegung mit hausgemachten Burgern und erstklassigem Pils. Die Kritzeleien an den Wänden sind Kunstwerke lokaler Größen, deren Witze so man sie versteht urkomisch sind. Die Suche nach dem optimalen Biererlebnis führt weiter durch das Viertel rund um den Jakobsplatz. Vý?ep Na Stojáka , kurz Stojanka

  , (dt. Stehausschank ), wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, ist aber meist gesteckt voll und sehr beliebt. Das Bier stammt aus tschechischen Mikrobrauereien und ist im Stil der 1920er Jahre gebraut.

Jakobsplatz - Mittelpunkt der Szene (c) Irene Hanappi

Ein paar Gassen weiter lauert die Grüne Katze (tschech. Zelená Ko?ka ). Auch hier knüpft man an alte Traditionen an und entwickelt sie weiter mit Spezialitäten wie fermentiertes Ale, India Pale Ale und Craft-Bier aus kleinen unabhängigen Brauereien, die in der richtigen Temperatur und mit glattem, kompaktem Schaum an die Tische gebracht werden. Wer sich im Bermudadreieck rund um den Jakobsplatz bewegt, steht früher oder später auch vor der Bar, die nicht existiert . Die Bar, ktery neexistuje so der tschechische Name machte schon lange, bevor sie eröffnete, von sich reden. Der Signatur-Drink hier nennt sich bezeichnenderweise Extravagantní und besteht aus London Dry Gin, weißem Portwein, Zuckersirup, Jasmintee und Mango-Avocado-Mix.

Bar, ktery neexistuje - extravagante Cocktails für die In-Crowd (c) Irene Hanappi

Kavarna Rotor Bar reimt sich auf wandelbar und diese Cosy Location passt sich tatsächlich den Erfordernissen des Tages an: Kaffee am Morgen, am Nachmittag ungestörtes Treffen mit einem Geschäftspartner, am Abend nettes Tête-à-Tête bei einem Cocktail oder einem Glas Wein, Whisky oder Rum. In der Shot Bar ist durch das breite Angebot an Vintage Rum, Whisky, Gin, Absinth und Branntwein die ganze Welt vertreten. Die Barkeeper beherrschen alle traditionellen Rezepte, kreieren aber auch so gewünscht etwas Neues, etwas noch nie Dagewesenes. Übrigens: Naz draví sagt man, wenn man sich zuprostet und das heißt Zum Wohl .

Rotor Bar - zu jeder Tageszeit beliebt (c) Irene Hanappi

Von Irene Hanappi ist soeben im Falterverlag die aktualisierte Ausgabe von CITY WALKS BRÜNN erschienen. Dieser Reiseführer ist der ideale Begleiter für die Erkundung der mährischen Metropole und zweitgrößten Stadt der Tschechischen Republik. Die Autorin Irene Hanappi hat sieben Routen zusammengestellt, die  Lust machen sollen, die Stadt im Gehen für sich zu erobern.    
 
 
 
 

Irene Hanappi
ist Reisejournalistin. Sie schreibt für „Die Presse“, „Der Feinschmecker“, „Der Standard“ uva. Sie hat Reiseführer zu Pressburg, Brünn, Prag und Linz (alle im Falter Verlag) verfasst.
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