10.05.2015

Transsibirische Flora


TRAVEL
Text — Holger Blumör



Die Türen verriegelten sich hinter uns, ein Pfiff ertönte und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Mein Spezi und ich sahen einander an: war es wirklich das, was wir uns einst bei der Reisebuchung vorgestellt hatten? Wir verließen Moskau und damit die letzte, uns noch bekannte Zivilisation. Triste Vorstädte, einsame Gehöfte und immer mehr Mischwälder und Birken zogen an uns vorbei, während wir uns neugierig die Nasen an der schmutzigen Fensterscheibe platt drückten.

Das war er also, der zaristische Zauber der transsibirischen Eisenbahn. Schon meinten wir, das alte Lied der Taiga zu hören, erkannten in den unendlichen Weiten die russische Seele, zählten die lieblichen Birken und ließen uns von der Schwermütigkeit russischer Melancholie verzaubern. Auf diese Weise vergingen die ersten zwei Stunden, dann wurde uns fad. Ein Blick zu Uhr: noch fünf Tage bis Irkutsk. Nun ja, das war dann doch etwas weiter als mit der U6 nach Siebenhirten.  Normalerweise steigt man mit einem Mobilitätsbedürfnis in einen Zug und möchte tunlichst irgendwo ankommen. Dieser Vorstellung sollte man sich in der Transsib entledigen. Der Weg ist das Ziel. Man kam einfach nirgendwo an. Zwar hielt der Zug alle sechs Stunden in einer von der Gigantomanie russischer Bauweisen beherrschten Stadt, doch nach Jekaterinburg, nach Omsk und Tomsk und Momsk und Pomsk, da hatte man deren Namen ohnehin noch nie gehört und falls doch, sofort wieder vergessen. Es lohnte auch nicht, einen Namen zu behalten, man käme ohnehin nie wieder hierher. Auch die Bahnsteige boten bei den kurzen Aufenthalten ein stets gleiches Bild: zahnlose Mütterchen verkauften Undefinierbares, manchmal Obst, viel Krimskrams, irgendwas glitschig Fischiges aus der Garküche, aber meistens war es süß oder notdürftig verpackt oder beides. Fremde Kulturen und fremde Speisen sind prinzipiell ok - es muss dann aber auch nicht sein. Jedenfalls nicht ständig. Nach einigen Stunden hüngerte mich jedenfalls nach einem Hamburger mit Pommes und ner großen Coke aber im birkenschwangeren Nirgendwo war das natürlich völlig abwegig.  

Putzender Fahrgast - (c) Holger Blumör Putzender Fahrgast - (c) Holger Blumör

Zum Glück gab's ja den Speisewagen, Hort der kontrollierten Nahrungsaufnahme, polyglotter Laufsteg und Treffpunkt der Kulturen. Auf ihm lagen all unsere Hoffnungen, denn neben der Sättigungsfunktion schien er auch dreimal täglich eine willkommene Abwechslung der ansonsten monotonen Reise. Bereits im Vorfeld vernahmen wir Reisegeschichten anderer, welche sich weitsichtig gleich zu Beginn mit rollenden Rubeln die Zuneigung und Liebe des Personals erkauft hatten, um anschließend Abend für Abend wüsteste Orgien im Speisewagen zu zelebrieren. Denen wollten wir es jetzt gleich tun. Man teilte uns eine Essenszeit zu und befahl, wann wir uns einzufinden hätten. Wer hingegen zu spät käme, ginge hungrig zu Bett und auf den Verzehr von Mitgebrachtem stände acht Jahre Gulag, so oder so ähnlich übersetzten wir radebrechend die strengen russischen Anweisungen. Natürlich waren wir pünktlichst vor Ort.  Das Innere des Speisesalons bot ein schwülstiges Bild: schwere Teppiche, samtene Vorhänge, aufwändige Luster und kunstvoll geschwungene Kronleuchter, deren Montage der letzte Zar noch persönlich angeordnet hatte. Auch das gesamte Interieur stammte vermutlich noch aus dieser Zeit. Der Wagon selbst wurde unter der Oberaufsicht einer Dame namens Valentina gemanagt. Geschäftig wuselte sie von Tisch zu Tisch, wies Plätze zu, teilte die Essensrationen aus und holte die Teller nach rund zehn Minuten wieder ab, egal wie weit die Nahrungsaufnahme fortgeschritten war.  Mätzchen schienen hier völlig fehl am Platz: setzen, Essen fassen, Maul halten - und Abmarsch, denn die nächsten warteten schon, davai davai. Wer unvorsichtigerweise mal zwischendrin den Hintern wegnahm, verlor auf der Stelle den Sitz. Sonderwünsche wurden nicht gern gesehen und wir hatten Valentina im Verdacht, dass sie uns bei Widerworten mit dem gleichen Feudel über den Mund führe, mit welchem sie auch Tisch, Gläser, Besteck und Boden wischte. Transsibirische Eisenbahn - (c) Holger Blumör Bereits am ersten Tag fielen die in der Vorratskammer des Speisewagens angebrachten Kühlaggregate aus - und sie sollten bis zum Ende der Reise auch nicht mehr anspringen. Dies hatte zur Folge, dass sich der süßliche Verwesungsgeruch der gebunkerten Nahrung so langsam über den gesamten Wagon und die angrenzenden Abteile ausbreitete. Es stank wirklich schlimm, quasi schon bei unserem allerersten Besuch. Und es wäre sicherlich nicht auszuhalten gewesen, wenn Valentina nicht jedes servierte Essen mit einer ordentlichen Portion Fliederduft aus der Dose besprüht hätte. Genau das tat sie aber. Waren alle Teller an einem Tisch serviert, griff sie behände in die Bluse, holte ein klobiges Spray heraus und verteilte das Blumenaroma großzügig einmal quer über die dargebotenen Speisen. Roch es vor der Behandlung noch nach verwestem Fleisch, so roch es anschließend nach verwesendem Fleisch in einem frühlingshaft blühenden Fliederbusch. Hurra. Wir mieden den Speisewagon, wir ignorierten Fliederduft-Valjuscha, wir verweigerten jede weiter Art von Salonnahrung und beschlossen stattdessen, bis zum Ende der Fahrt nur noch abteilsitzend zu trinken. Noch ehe sie ansatzweise begonnen hatten, waren die rauschigen Orgien auch schon wieder perdu - und die Fahrt verlängerte sich gefühlt um weitere drei Tage zusätzlich. Statt also den olfaktorisch denkwürdigen Speisewagen noch länger aufzusuchen, lächelten wir unsere robust-kompakte Schlafwagenschaffnerin von Stund an in Grund und Boden. Sie war die letzte verbliebene Nahrungsquelle, kochte Kaffee, gewährte das Rauchen zwischen den Wagons und hatte gewöhnlich notdürftig verpackte Süßigkeiten, Tee, Vodka und russische Zigaretten in ihrem Bauchladen. Darauf wollten wir keinesfalls verzichten. Unser Lächeln war daher auch gnadenlos und unnachgiebig. Bitte, irgendwann musste das Biest unserem Charme einfach erliegen.  

Straßenbahn Irkutsk - (c) Holger Blumör Straßenbahn Irkutsk - (c) Holger Blumör

Nein, eine Illusion, natürlich erlag sie ihm keineswegs, aber als wir nach fünf langen Tagen Kampflächeln den Zug in Irkutsk verließen - ausgeledert, ausgemergelt, aufgedunsen, vom Alkohol entstellt, hungrig und mit gebrochenem Willen - da behandelte sie uns nicht mehr länger als lästige Insekten. Wir waren aufgestiegen in die Gruppe der höheren Säuger und Wirbeltiere, während sie uns zum Abschied wortlos die Dokumente und Entlassungspapiere überreichte. Auf dem Bahnsteig sahen wir Valentina neue Fliederduftvorräte kaufen; wir hingegen wandten uns der Stadt zu und sehnten uns nach genießbarem Essen: weder süß, noch nach Blumen duftend, noch verwest. So bescheiden waren unsere Wünsche und so genügsam hatte uns die Fahrt in der Transsib gemacht.  
 
 
 
 

Holger Blumör
begann 1980 bei der Deutschen Bahn und wechselte 2001 zu den ÖBB in den Immobilienbereich. Seit 2012 leitet er das ÖBB-Kundenservice in der Personenverkehr AG,  wo er sich unter anderem auch mit den Beschwerden der Bahnreisenden befasst.
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