17.05.2015

Expeditionen der Seele


TRAVEL
Text — Alexander Goebel



Emotionale Expeditionen ins Ich, die still nach außen, aber innerlich bewegend sind. Sie brauchen gewisse zeitliche, räumliche und emotionale Voraussetzungen, um jene wertvollen Erkenntnisse entwickeln können, die unser Leben besser machen.

Zu Fuss: der Jakobsweg das Mallorca der Sinnsuchenden. Nach wie vor werden alle Etappen brav auf einem Papier-Ausweis abgestempelt, ein Relikt aus der Zeit des Ablasshandels. Keine App, kein Q&R-Code, keine Erleuchtungsgarantie. Du hast zwei Optionen: meditieren oder absolvieren. In jedem Fall gehst du. Lang. Das kann sehr meditativ und ertragreich sein, aber du brauchst Zeit. Viel Zeit. Im Auto: Bis Google oder Apple ihre selbstfahrenden Roboter-Mobile flächendeckend in unseren Alltag integriert haben, müssen wir beim Autofahren weiterhin unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst richten, auf den Verkehr um uns herum und auf unsere Bordinformationen. Dazu kommt, dass viele von uns noch ständig überwachen müssen, ob sich auch alle anderen an die Regeln halten. Das verbraucht enorme Ressourcen, es bleibt keine Kapazität für emotionale Inventur, unfallfrei ist da schon sehr gut. Im Flugzeug: Man kann sich wirklich verlieren zwischen Mond und New York City, wenn das Selbst sich das Schweben zunutze macht. Aber ehrlich: Wer hockt schon im Lotussitz auf 23 H und denkt über sich nach? Wer kann die Lebensmittel- Attacken, das Onboard-Entertainment und die Leute um sich herum ignorieren? Wir sind Passagiere und auf ein gebücktes Raumvolumen beschränkt. Aufstehen, strecken, drei Schritte gehen, mehr als Trombose-Prävention ist nicht drin. Fliegen ist wie Autofahren: Sitzzwang. Außer in der Privatmaschine, da hast du deinen Personal Trainer dabei und läufst mal eben 10 Kilometer auf einem Band, während du mit 800 Stundenkilometern dahin fliegst. Einstein lächelt. In Stadt-Öffis. U-Bahn, Straßenbahn und Bus sind zur Sinnsuche schon deshalb wenig geeignet, weil ihre Strecken zu kurz sind, um in der Zeit ein synaptisches Gerüst zum Selbst zu entwickeln. Kaum kommst du gedanklich zu einer interessanten Knotenstelle, einer unerwarteten Verbindung, dem Beginn einer Erkenntnis, bist du auch schon bei deiner Station angekommen und musst sofort funktionieren. Das Gatter wird geöffnet und es treibt dich mit allen anderen Schafen hinaus. Trip over Erkenntnis muss warten.

Blick aus dem Fenster (c) ÖBB Harald Eisenberger Blick aus dem Fenster (c) ÖBB Harald Eisenberger

Ich-Reisen brauchen störungsfreie Zeit in angenehmer Umgebung. Sichtkontakt zur Natur hilft sehr. Es ist dieser Blick aus dem Fenster des fahrenden Zuges, der mich ruhig werden lässt. Landschaften, Menschen, Gemeinschaften ziehen an mir vorbei, ich sehe kurze Momente aus ihrem Leben und denke sie mir weiter. Darüber komme ich unwillkürlich zu meinen eigenen Momenten, meinem eigenen Leben, ein organischer Übergang, unmerklich und ohne Anstrengung. Expeditionen der Seele verlangen Zeit, Ruhe und Rhythmus. Nach langem Gehen endlich da zu sein, ist euphorisch. Du bist froh, es geschafft, eine Aufgabe gelöst und etwas bewiesen zu haben. Der Triumph nach einem langen Fußweg hat oftmals die Aura von Hillary/Tenzing, vielleicht weil wir gerade einen unserer eigenen, inneren Achttausender bestiegen haben. Und es ist immer ein Projekt. Keinesfalls kann man danach sofort Termine wahrnehmen, allein die körperliche Verfassung ließe das nicht zu. Abfahrt aus der Parklücke oder Garage und sofort beginnt Mad Max, jeder gegen jeden und alle für sich. Dazu die mobile Kommunikation, das Zweit-Büro auf Rädern, die Zeit muss genutzt werden. Zwar sind Hände und Füße mit Aufgaben belegt, aber wir können noch per Stimme arbeiten, also rufen wir in eingebaute Mikrofone, kommentieren Antworten und geben Anweisungen. Nicht gerade ideal zur persönlichen Entfaltung. Airports - Paläste der Sicherheitshysterie, der verzweifelte Versuch, alles menschlich Schlechte zu bedenken. Beim Abflug wirst du ohne Schuhe, Gürtel und Würde durchleuchtet, abgegriffen und verschoben. Deine Identität liegt in einer Plastikwanne, und wehe, du weißt nicht, was du an und mit dir tragen darfst. Bei der Landung, kaum sind die Räder am Boden, erklingt der Chor der Sicherheitsgurte und die Menschen greifen mechanisch nach ihren Habseligkeiten. Dann warten sie. Dann gehen sie ein paar Schritte. Dann warten sie wieder. Dann kommen sie zum Gepäckband und warten wieder. Ein Bahnhof ist die emotionale Übergangszone von Straße zu Schiene, vom Menschen, der kontrolliert, zum Menschen, der sinniert. Die Reisenden sind emotional auf diese Veränderung vorzubereiten, bei Abfahrt und bei Ankunft. Der durchgehende Bewegungs-Flow in dieser Übergangszone ist bis auf weiteres noch von keinen Security-Maßnahmen unterbrochen und sorgt für entsprechende Dynamik beim Abfahren und Ankommen. Reisen ohne Kampf gegen andere Verkehrsteilnehmer, ohne körperliche oder mentale Herausforderung, mit fließenden Übergängen bei Abfahrt und Ankunft und unterwegs kann ein Dialog mit dir selbst entstehen, der dich enorm weiter bringt. Und ja, natürlich kannst du sofort danach Termine wahrnehmen. Das Gesamterlebnis Zug ist schwer zu schlagen, weil du nicht nur von A nach B fährst, sondern gleichzeitig auch eine Reisen nach innen unternehmen kannst. Und die sind bekanntlich die wichtigsten.
 
 
 
 

Alexander Goebel
ist Schauspieler, Musicaldarsteller, Komiker, Theaterregisseur, Hörfunkmoderator und stets expandierender Künstler. Im Februar ist sein neues Buch „Gute Gefühle machen Sinn“ erschienen. Derzeit steht er mit seinem neuen Programm „cool“ auf der Bühne.
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