24.05.2015

Murnau und der Blaue Reiter


TRAVEL
Text — Karl-Johann Hartig



Es war immer schon die Malerei des späten 19. Jahrhunderts, die meine Frau und mich begeistert hat. Dieser Umbruch in der Kunst, der alles Althergebrachte durcheinander geworfen hat. Von den Impressionisten bis zur abstrakten Malerei alles ist damals nahezu gleichzeitig und in kurzer Zeit entstanden. Und es gab Orte, die diese Maler immer wieder magisch angezogen haben und an denen sie und andere Künstler gemeinsam Zeit verbracht haben...

Wir haben einige dieser Orte besucht: Barbizon bei Paris, nach dem eine ganze Schule der Malerei benannt ist, Collioure, das an den Ausläufern der französischen Pyrenäen ins Mittelmeer gelegen ist und wo Impressionisten und Expressionisten die gleiche Landschaft auf Bildern verewigt haben. Diese Bilder haben wir in den Bistros von Collioure und im Museum in Ceret bewundert. Auch in Murnau am Staffelsee im oberbayerischen Alpenvorland im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist so eine Künstlerkolonie tätig gewesen, Mitglieder der Gruppe Der Blaue Reiter , einer 1911 gegründeten Abspaltung der Neuen Künstlervereinigung München. An einem strahlenden Frühlingstag sind wir aufgebrochen, selbstverständlich mit der Bahn, denn es war die Eisenbahn, die damals den Künstlern ermöglicht hat, mitsamt ihren gesamten Utensilien in diese Orte zu reisen. Zunächst ging es mit dem Railjet in 3:53 Stunden bequem nach München, während der Fahrt haben wir uns schon auf Murnau und das Besichtigungsprogramm einstimmen und den einen oder anderen Reise- oder Kunstführer studieren können. München verließen wir gleich wieder mit der Werdenfelser Bahn der DB Regio. Wir fuhren entlang den noblen Villen am Starnberger See und erreichten in knapp einer Stunde das 70 km entfernte Murnau. Die oberbayrischen Alpen sind zum Greifen nahe. Vom Ort blickt man auf die Gipfel und Grate der Ammergauer Alpen im Südwesten, des Wettersteingebirges mit Zugspitze und Alpspitze im Süden sowie des Estergebirges mit dem markanten Kistenkar und der Walchenseeberge im Südosten. Der Staffelsee grenzt direkt an den westlichen Ortsrand. Im Süden schließt sich mit dem Murnauer Moos eines der größten Moorgebiete Deutschlands an. Der Markt Murnau wurde im 12. Jahrhundert rund um eine Staufer-Burg gegründet.

Blick auf Murnau Blick auf Murnau

In Murnau, wo Wassily Kandinsky und seine Lebensgefährtin Gabriele Münter seit 1909 wohnten, sowie im benachbarten Sindelsdorf, wo Franz und Maria Marc sowie Heinrich Campendonk ihren Wohnsitz hatten, fanden im Herbst 1911 entscheidende Teile der Vorarbeit und redaktionelle Besprechungen für die Gründung des Blauen Reiter statt. Das Haus von Gabriele Münter, das die Einheimischen Russenhaus nannten, entwickelte sich schnell zu einem Treffpunkt der Künstler. August Macke, Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Alexej Jawlensky, Alfred Kubin, Paul Klee und Hanns Bolz fühlten sich dem Blauen Reiter eng verbunden und stellten wiederholt gemeinsam aus. Auch Komponisten wie Arnold Schönberg, der auch Maler war, gehörten dem Blauen Reiter an. Die Mitglieder vereinte ihr Interesse an mittelalterlicher und primitiver Kunst und an den zeitgenössischen Bewegungen des Fauvismus und Kubismus. Zu den herausragenden kulturellen Attraktionen Murnaus zählt das 1999 renovierte Münter-Haus, das Gabriele Münter 1909 kaufte und in das sie mit Kandinsky einzog. Nach der Trennung von Kandinsky 1914 bewohnte sie es mit ihrem Lebensgefährten Johannes Eichner bis zu ihrem Tode im Jahr 1962.

Haus Muenter in Murnau (c) Heide Bauer Haus Muenter in Murnau (c) Heide Bauer

Die beiden Künstlerpaare Gabriele Münter/Wassily Kandinsky und Marianne von Werefkin/Alexej Jawlensky hielten sich 1908 zum ersten Mal in Murnau auf. Ihre Bilder, die sie bis 1914 von dem Ort und seiner Landschaft malten, machten Murnau einem internationalen Kunstpublikum in der ganzen Welt bekannt. Diese Zeitspanne vor dem Ersten Weltkrieg nennt die Kunstgeschichte Murnauer Zeit . Sie ist unmittelbar mit diesen vier Künstlern verbunden und kennzeichnet in der Malerei stilistisch die Entwicklung vom Expressionismus hin zur Abstrakten Kunst.   Unser Entschluss, Murnau im Frühling zu besuchen und uns von den Blickwinkeln der gemalten Bilder von Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und ihren Malerkollegen inspirieren zu lassen, hatte sich mehr als gelohnt. Ein weiterer Höhepunkt unseres Besuchs in Murnau war das Schloss, das aus der Staufer Burg des 12. Jahrhunderts entstanden ist. Es beherbergt das Schlossmuseum mit seiner Kunstsammlung und einer Ausstellung über die Murnauer Tage Ödön von Horvaths. Im Sommer 1920 lernten Ödön von Horváth und seine Familie Murnau kennen. Der Fremdenverkehrsort gefiel ihnen so gut, dass sie hier mehrmals die Sommerfrische verbrachten und sich im August 1924 ein Landhaus errichten ließen. Der sprach- und weltgewandte Diplomatensohn erlebte in Murnau mit seinen kaum 3000 Einwohnern Land und Leute hautnah. Hier fand er die Stoffe für seine Theaterstücke "Zur schönen Aussicht" (1927), "Die Bergbahn (1929), "Italienische Nacht" (1931), für seine "Sportmärchen" (1924) und den Roman "Jugend ohne Gott" (1937). Nach einigen Spannungen mit ortsansässigen Nationalsozialisten musste er im Februar 1933 Murnau fluchtartig verlassen. Im Dezember 1933 verkauften seine Eltern das Landhaus. Die Dauerausstellung im Schlossmuseum zeigt die deutlichen Spuren der Murnauer Zeit in seinem Werk. Das Herzstück der Kunstsammlung des Museums bildet die umfangreiche Sammlung von Werken Gabriele Münters mit über 80 Gemälden, Zeichnungen und Grafiken aus der Zeit von 1902 bis kurz vor Ihrem Tod 1962. Alle Werkphasen Gabriele Münters sind im Schlossmuseum vertreten. Neben ihren Gemälden und Grafiken zeigen die Sammlungen "Neue Künstlervereinigung München und "Der Blaue Reiter zahlreiche Werke von Wassily Kandinsky, Franz Marc, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin, Alexander Kanoldt, Heinrich Campendonk und Adolf Erbslöh, aber auch von Max Beckmann und anderen Künstlern.

Wassily Kandinsky: Murnau mit Kirche I, 1910, Öl auf Pappe, 64,7 x 50,2 cm. Lenbachhaus München Wassily Kandinsky: Murnau mit Kirche I, 1910, Öl auf Pappe, 64,7 x 50,2 cm. Lenbachhaus München

Auf der Heimreise, bevor es mit dem Railjet wieder nach Wien zurückging, konnten wir dann noch in München in der nahe dem Hauptbahnhof gelegenen und neu renovierten Städtischen Galerie Lenbachhaus viele Werke der Künstler des Blauen Reiters und der Künstlervereinigung Die Brücke ansehen und unsere Kunstreise vervollständigen.
 
 
 
 

Karl-Johann Hartig
war Gesamtprojektleiter für den Hauptbahnhof Wien und davor 10 Jahre lang  Leiter der obersten Eisenbahnbehörde im BMVIT. Seit Anfang 2015 in Pension, kann sich der promovierte Chemiker seiner Liebe für Film, Oper und Theater voll widmen, ohne arbeitsbedingte Termine berücksichtigen zu müssen. Diese Freiheit wird er sicherlich genießen.
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