31.05.2015

Dolce Vita alla ticinese


TRAVEL
Text — Evelyn Rois und Bruno Stubenrauch



Im Idealfall fährt der Zug bei Schneetreiben oder zumindest heftigem Regen in den Tunnel ein und verlässt ihn neun Minuten und 15 Kilometer später bei wolkenlosem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Dann weiß man, dass man alles richtig gemacht hat - im Gegensatz zum Rest der werktätigen Massen, die nördlich der Alpen ihr kaltes Dasein fristen müssen, während man selbst gerade die Leventina hinab und einer sonnigen Auszeit entgegen rauscht.

Durch den Gotthardtunnel fährt man nämlich - zumindest von Norden her - prinzipiell immer in den Urlaub. Schon beim Tunnelausgang in Airolo empfangen einen die ersten Palmen, angesichts der doch ziemlich alpinen Lage zwischen hohen Felswänden sind sie eher struppig und etwas verloren, doch der Ton ist unmissverständlich: Das Tessin ist Sonne, Süden, Dolce Vita. Einige Kehrtunnels später wird es dann subtropisch. Am Ufer des Lago Maggiore entlang fährt der Zug zwischen Magnolien, Bougainvillea und Kamelien in Locarno ein. Schöne Bürgerhäuser in bunten Pastellfarben, exklusive Boutiquen, auf Hochglanz polierte teure Autos, Luxushotels und gepflegte Gärten. Der Caffè an der schönen, mit Flusskieseln gepflasterten Piazza Grande hat eine duftende Crema und selbstverständlich liegt an der Bar neben Schweizer Zeitungen auch die Gazzetta dello Sport auf. Locarno ist die Schweiz von ihrer schönsten Schokoladenseite, garniert mit einem Sahnehäubchen Italianità. In Ascona, auf der anderen Seite des Maggiadeltas, das wie ein riesiger Teller in den Lago Maggiore hineinragt, flanieren ältere Ehepaare und Familien mit Kindern an der breiten Promenade. Bunte Sesseln reihen sich vor den Cafés aneinander, der Blick geht über den azurblauen, von hohen Bergen mit verschneiten Spitzen gerahmten See nach Süden Richtung Italien. Auf der riesigen Wasserfläche kreuzen fette Motorjachten und die Ausflugsboote der Navigazione Laghi.

Locarno Waterfront (c) Diriye Amey Locarno Waterfront (c) Diriye Amey

Sehr mondän und ein wenig brav das alles ein schaumgebremstes Italien light für deutsche Rentner, ohne Motorinos und Verkehrschaos, dafür mit einen Hundesalon für Pudel und Chihuahua. Kaum zu glauben, dass hier vor hundert Jahren sämtliche alternativen Gesellschaftsentwürfe des 20. Jahrhunderts von Freikörperkultur bis zur Emanzipation der Frau wie in einem Versuchslabor durchgespielt wurden. Wer tummelte sich da nicht alles an der heute so beschaulichen Promenade: Hermann Hesse, Carl Gustav Jung, Mary Wigman, Hugo Ball, Emmy Hennings, Friedrich Glauser Anarchisten, Schriftsteller, Dadaisten, Weltverbesserer. Auf dem Monte Verità Berg der Wahrheit - getauften Hügel über Ascona trafen sich die großen Geister, es gab eine Licht-und-Luft-Kuranstalt mit streng vegetarischer Kost und nach Geschlechtern getrennten Luftbädern. Ende der 1920er wurde daraus ein Luxushotel, später zerfiel das Anwesen und die letzten Getreuen fanden sich bald eingekreist von einem Meer von Villen und Ferienhäusern der Neureichen des deutschen Nachkriegs-Wirtschaftswunders. Längst ist der Monte Verità nur noch eine Fussnote und außer wenigen Geschichts-Interessierten steigt niemand mehr die vielen steilen Stufen von der Uferpromenade zu den Schauplätzen dieses sozialen Experiments hinauf. Selbst die Zeiten, als Opel seinen neuen Mittelklassewagen nach dem hübschen Städtchen am Lago Maggiore benannte und das Schweizer Sonntagsjournal zum Thema Ascona Maler, Mädchen, Millionen titelte, scheinen heute unendlich weit weg.

Ascona (c) BMK Wikimedia Ascona (c) BMK Wikimedia

Um dem Tessin wirklich auf die Spur zu kommen, muss man sich in die Täler begeben. Weiter also mit der Centovallibahn. Nach urbanem, in den Untergrund von Locarno verlegtem Beginn, zuckelt das Bähnli für den kleinen, weiß-blauen Triebwagen ist der oft überstrapazierte Schweizer Diminutiv tatsächlich sehr treffend durch malerische, leicht verschlafene Örtchen mit verwinkelten Dorfkernen aus schönen Granitsteinhäusern. Mit quietschenden Rädern geht es über das atemberaubend hohe Isorno-Viadukt nach Intragna und weiter in unzähligen Kurven, über Brücken und durch Tunnel das Tal hinauf. Steil fallen die Hänge in tiefe Schluchten ab. Kleine Dörfer kleben an den Hängen, über die dicht bewaldeten Hügel sind unzählige kleine Weiler mit schiefergedeckten Häuschen verteilt - jedes noch so kleine, halbwegs ebene Fleckchen Land wurde hier früher bewirtschaftet. Die Gegend hat etwas Kühnes, Wildes und ist dennoch gleichzeitig südländisch sanft. In den ausgedehnten Kastanienhainen wachsen Feigenbäume, Bambus und Palmen, die Luft ist erfüllt vom Geruch der wilden Kräuter. Ein Ort, an dem man sich vielleicht freier und beflügelter fühlt als anderswo, auch wenn der Landstrich zu seinen Bewohnern nicht immer freundlich war und das Tessin bis ins 20. Jahrhundert als eine der ärmsten Gegenden der Schweiz galt.

Centovallibahn (c) Adrian Michael

Während einst in Ascona die Stars und Starletts dem Dolce Vita alla ticinese frönten, suchten die Schriftsteller die kreative Stille zwischen den endlosen Wäldern und rauschenden Flüssen in den Schluchten. Max Frisch, Alfred Andersch, Patricia Highsmith, Golo Mann auch hier ist die beeindruckende Liste lang. Ein kunstaffiner Ort und eine Projektionsfläche für soziale Utopien und alternative Gesellschaftsentwürfe ist das Tessin bis heute geblieben. Nicht wenige der steilen, früher als Sommerweiden für die Ziegen und Schafe genutzten Monti, die sich bis weit hinauf in alle Seitentäler ziehen und oft nur nach mehrstündigen Fussmärschen erreichbar sind, werden von Aussteigern bewohnt, die hier das Leben ohne Konsum und Komfort, mit Gemüse aus dem eigenen Garten und Strom vom Solarpaneel auf dem ausgebauten Ziegenstall proben. Man muss aber nicht gleich der Zivilisation abschwören, um den kräftigen Puls des Tessins zu spüren. Es reicht auch, in einem der schönen Granitbecken der wilden Flüsse zu baden, ein wenig auf den alten Saumpfaden durch die Kastanienwälder zu wandern, auf eine Jause mit Salami und Ziegenkäse von einer der Tessiner Almen einzukehren und dazu ein Glas Merlot zu trinken oder vielleicht - ausgestreckt in einer duftigen Wiese - eines der vielen Bücher zu lesen, die hier geschrieben wurden. Wenn im Sommer 2016 der Gotthard Basistunnel eröffnet wird, ist das Tessin dann ohne einen Meter Steigung in knapp zwei Stunden von Zürich erreichbar. Viel Zeit bleibt also nicht mehr, die Reise über die unzähligen Brücken und durch die vielen Kehrtunnels auf der schönen, historischen Zugstrecke zu absolvieren. Große Erwartungen hängen an der 57 Kilometer lange neue Röhre unter den Alpen. Mit dem Vollbetrieb im Dezember 2016 führen die Schweizerischen Bundesbahnen den Halbstundentakt ein, in Locarno und Ascona werden bereits Wohnungen für die neuen Pendler gebaut, die dann täglich nach Zürich oder Luzern in die Arbeit fahren sollen. Dem Nimbus des Tessins als Eldorado der Freigeister wird das trotzdem keinen Abbruch tun. Auf den Monti werden weiterhin die Aussteiger das einfache Leben suchen, in den Gärten der Villen in Ascona die Magnolien getrimmt und irgendwo schreibt vielleicht jemand einen Roman: über den erstaunlichen Einfluss eines kleinen Landstriches am Lago Maggiore auf das Geistesleben des 20. Jahrhunderts etwa oder über zwei Fremde im Zug. Aber das wäre dann eine andere Geschichte. www.ticinarte.ch ist ein spannendes Internet-Kompendium über die Kunst- und Kulturschaffenden, Geschichte, Geschichten und kulturellen Orte dieses erstaunlichen Landstriches.
 
 
 
 

Evelyn Rois und Bruno Stubenrauch
sind über die Fotografie zum Journalismus gekommen und veröffentlichen seit Ende der 1990er-Jahre gemeinsam Reportagen und Portraits mit Schwerpunkt Reise, Kultur und Kulinarik in zahlreichen österreichischen und internationalen Medien wie Skylines, Traveller‘s World, The Wall Street Journal oder Die Zeit.
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