07.06.2015

Mit der Achterbahn durch die Bündner Alpen


TRAVEL
Text — Christina Rademacher



Zugegeben, es gibt Dinge, die man während eines Urlaubs in der Schweiz nicht machen kann. Mit der Familie in einem Gasthaus essen zu gehen verschlingt gefühlt ein Monatsgehalt. Günstiger ist ein Picknick im Freien, wo nur die Würstchen zu bezahlen sind. Die Natur ist selbst in der Schweiz umsonst, ebenso wie das Holz an den unzähligen Feuerstellen.

Der ÖBB-railjet bringt uns nach Sargans, wo wir in den SBB-Intercity nach Chur umsteigen. Von dort klettert die Rhätische Bahn die Bündner Alpen hinauf. Burgen tupfen das Tal des Rheins, der neben und manchmal auch unter uns in die Gegenrichtung rauscht. Wie bei einem Diavortrag wird s zwischendurch immer wieder dunkel, wenn der Zug in den nächsten Tunnel eintaucht. Die kleine rote Lok ist eine Bergsteigerin, deren Ausdauer man sich bei den Wanderungen der kommenden Tage noch wünschen wird. Wäre der Zug ein Schiff, würde er in bedrohliche Schräglage geraten, wenn kurz vor dem Bahnhof Filisur alle Passagiere nach Steuerbord gehen, die Fenster hinunter schieben und die Fotoapparate auf den 65 Meter hohen Landwasser-Viadukt anlegen. In einem eleganten Bogen schwingt er sich über den Fluss und schiebt den Zug wie eine Zunge in den Schlund einer senkrecht abfallenden Felswand, die sich einen Waggon nach dem anderen einverleibt. Wir packen ein, was vom Reiseproviant übrig blieb, und freuen uns über ein Schild mit dem einprägsamen rhätoromanisch-schweizerischen Doppelnamen Stugl-Stuls, das ein einsames Haus aus dunklem Holz einmal als Bahnstation auswies. Heute lässt es selbst ein Schweizer Zug links liegen. Nächster Halt prossima fermeda   Bergün-Bravuogn.

Bequemer als wandern, aber auch sehr naturnah ist eine Fahrt mit den Aussichtswagen © Christina Rademacher Bequemer als wandern, aber auch sehr naturnah ist eine Fahrt mit den Aussichtswagen © Christina Rademacher

Wie der Schauplatz einer Vorabendserie ruht das Dorf zwischen hohen Bergen im Tal der Albula. Heidi und Peter treffen wir auf dem Weg ins Feriendorf zwar nicht, aber die beiden Kaninchen in dem Gehege vor einem Engadinerhaus scheinen mindestens ebenso eng miteinander befreundet zu sein: Immer wenn wir an ihnen vorbeikommen, liegen sie eng aneinander gekuschelt Seite an Seite. Möglicherweise ist ihnen auch einfach nur kalt. Sommerfrische ist hier oben ein zeitgemäßer Begriff. Wer sie im Reka-Feriendorf verbringen möchte, muss früh buchen. Die Schweizer Reisekasse, wie die Reka eigentlich heißt, bietet die gut ausgestatteten Wohnungen zu einem Preis an, den auch Nicht-Schweizer bezahlen können. Zu den vier Häusern am Ortsrand gesellen sich eine Feuerstelle, jeweils zwei Fußballtore und Spielplätze, einige Minigolfbahnen und ein roter Waggon der Rhätischen Bahn, der still steht, aber keineswegs leise ist, wurde er doch zum Spielzimmer umgebaut. Die Belohnung nach einem Wandertag schaut so aus, dass die Kinder dort aus Holzklötzen eine Miniatur-Schweiz aufbauen Eisenbahn natürlich inklusive ,  während sich die Eltern auf einer von vielen Reisenden gemütlich durchgesessenen Vierersitzgruppe durch das Bündner Tagblatt blättern. Bei schönem Wetter macht nur die Kleinbahn dieser beschaulichen Stunde Konkurrenz. Wenn die Glocke bimmelt, ist Abfahrt am Bahnhof Bergün-Reka. Weil der Radius der Kleinbahn überschaubar und der Wochenpass der Rhätischen Bahn im Sommer für Reka-Gäste gratis ist, steigen wir am Morgen nach unserer Ankunft in den nächsten roten Zug hinauf ins Engadin. In den zahlreichen Tunnels, die sich biegen und verrenken, mitunter gar zu Spiralen wenden, behält wahrscheinlich noch nicht einmal der Lokführer die Orientierung. Vor und zurück fährt der Zug, kreuz und quer spannen sich die Brücken über die Albula, um auf rund 6 Kilometern Luftlinie 400 Meter Höhenunterschied zum Bahnhof Preda zu überwinden. Wer dort aussteigt, kann auf dem Bahnwanderweg zurück nach Bergün gehen und dabei die Schmalspurstrecke bestaunen, bei deren Bau etliche Arbeiter ihr Leben verloren. Heute fügt sie sich so unschuldig in die Gebirgslandschaft ein, als sei sie mit ihr entstanden. Ab und zu fährt ein roter Modellbahnzug über einen Viadukt und verschwindet in einem Berg. Unmöglich zu sagen, wo er wieder herauskommt.

Zum schönsten Flecken der Schweiz gewählt: Lai da Palpuogna © Christina Rademacher Zum schönsten Flecken der Schweiz gewählt: Lai da Palpuogna © Christina Rademacher

Ebenfalls in Preda steigen wir aus, als wir zum Lai da Palpuogna wandern wollen, einem türkisblauen See, der bei einer Umfrage des nationalen Fernsehens zum schönsten Flecken der Schweiz gewählt wurde und regungslos wie auf einem Kalenderbild zwischen Arven, Lärchen und Feuerstellen ruht. Direkt am Wasser grillieren lassen sich Würstchen auch auf der Halbinsel im Silser See, wo neben dem Grill genug Holz bereit liegt, um den Inhalt aller Familienpreis-Packungen aus allen Dorfläden Graubündens zu verbraten. Kalt bleiben die Würstel auf der Wanderung von der Bergstation Muottas Muragl zur Alp Languard. Fast eben führt der Panoramaweg auf 2400 Metern Höhe dahin und bietet damit auch allen Wanderern, die gern festen Boden unter den Füßen haben, einen himmlischen Ausblick auf das Engadin und die schneebedeckten Gipfel der Berninagruppe. Am Ziel schwingt uns ein Sessellift mit einer beeindruckend scharfen Linkskurve hinunter nach Pontresina, wo die kleine Rote auch einen großen Bahnhof hat.

So sieht das Engadin vom Panoramaweg zwischen Muottas Muragl und Alp Languard aus © Christina Rademacher So sieht das Engadin vom Panoramaweg zwischen Muottas Muragl und Alp Languard aus © Christina Rademacher

Unberührt von Schienen, Seilbahnen und Feuerstellen ist nur der Schweizerische Nationalpark. Allerdings quert eine Straße diesen ältesten Nationalpark der Alpen. Seine Gründung vor rund 100 Jahren gehört ebenso wie der Bau von Albula- und Berninabahn zu jenen Projekten, die damals mit Misstrauen betrachtet wurden und heute Pioniertat genannt werden. Nachdem wir aus dem Bus gestiegen und ein paar Meter durch den Arvenwald bergan geklettert sind, hören wir statt der Motorräder nur noch das Krächzen der jungen Tannenhäher. Murmeltiere und Bartgeier sind leider nicht zu sehen, glücklicherweise auch keiner der Braunbären, die ab und zu Graubünden durchstreifen. Noch sind sie seltene Gäste. Oder verstecken sie sich einfach gut?

Kletterpartie mit Bahnanschluss: Von Curtinatsch durch das Val Minor zum Ospizio Bernina © Christina Rademacher Kletterpartie mit Bahnanschluss: Von Curtinatsch durch das Val Minor zum Ospizio Bernina © Christina Rademacher

Die Heidelbeeren jedenfalls, die wir am nächsten Tag bei einer Wanderung von Celerina nach St. Moritz finden, macht uns kein Bär streitig. Unermüdlich zupfen die gerade noch so müden Kinder die dunklen Perlen von den Sträuchern und füllen damit Mägen und leer gegessene Jausenboxen. Sollte Meister Petz doch einmal hier vorbeikommen, wird er trotzdem noch genug zum Naschen finden. Zum Trost für unseren bevorstehenden Abschied aus Land der blauen Beeren, der roten Züge und der 108 Feuerstellen überlegen wir uns, in welches Gasthaus wir daheim zuerst gehen wollen und sind uns einig, dass wir eines dort mit Sicherheit nicht essen werden: gegrillte Würstchen.
 
 
 
 

Christina Rademacher
ist Expertin für (ent)spannende Streifzüge durch Wien und Niederösterreich. Dabei ist die Journalistin prinzipiell ohne Auto unterwegs, denn nachdenken und schreiben lässt sich nirgendwo besser als in der Bahn. Auf diese Weise sind schon einige Bücher entstanden, zum Beispiel „Vom Hinterhof in den Himmel: 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien“, „Auf den Spuren von Prunk & Pomp: Unterwegs zu den schönsten Schlössern in und um Wien“ und „Unterwegs zwischen Wien und Bratislava: Genussvoll durch Marchfeld und Donauauen“. Zuletzt erschienen: „Pilger für einen Tag: Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern“.  
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