28.11.2017

Berlin rockt!


TRAVEL
Text — Susanne Wolf



Eine Reise in die Vergangenheit und zurück: Mit zwei Teenagern unterwegs in der deutschen Metropole.

Berlin am frühen Morgen: Zu einer Zeit, zu der wir normalerweise frühstücken, trifft der Zug aus Wien überpünktlich ein - bei wolkenverhangenem Himmel und Regen. Mutter und Tochter schütteln die noch müden Glieder, spritzen kaltes Wasser ins Gesicht und machen sich auf den Weg. Unsere Freunde empfangen uns in Lichterfelde, einem Außenbezirk der Stadt - Amelie und Lena begrüßen einander überschwänglich. Viel Grün, schmucke Häuschen und Vorstadtcharakter - doch zum Chillen ist keine Zeit, Berlin wartet.

Erinnerungen an die Mauer



Der ehemalige Grenzübergang ist heute ein beliebter Touristen-Hotspot. (c) Susanne Wolf

Unser erster Weg führt uns zum Checkpoint Charlie, dem wohl bekanntesten Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin. Wie die Stimmung damals war, zeigt die Ausstellung im dazugehörigen Museum: Fluchtgeschichten werden hier anschaulich beschrieben, besonders fasziniert sind unsere jugendlichen Begleiterinnen von den zu Fluchtwagen umgebauten Autos. Mit ihren 13 Jahren können sie nur erahnen, wie Menschen sich fühlten, die durch die Mauer von Familie und Freunden getrennt waren. Unsere Freundin, die 17 Jahre lang in Berlin lebte, bevor sie nach Wien zog, teilt ihre Erinnerungen mit uns: An die Verwandtenbesuche im Osten, die nie erwidert wurden, da die Ausreisebestimmungen streng waren. An den Zwangsumtausch in DDR-Mark an der Grenze, mit dem das Regime sich bereicherte, und an zugemauerte Geisterbahnhöfe, die man auf der Fahrt in den Osten passierte. Nach der Reise in die Vergangenheit geht es weiter in das pulsierende Kreuzberg, wo sich in der Bergmannstraße hippe Läden an gemütliche Cafés reihen. Das Überangebot an Vintage-Läden lässt das Teenagerherz höher schlagen und so verbringen wir geraume Zeit damit, in alten Kleidern zu stöbern.

Alt und Neu

Der zweite Tag verspricht, etwas freundlicher zu werden, die Sonne kämpft sich bereits am Morgen durch die Wolken. Wir machen eine Tour durch Berlin-Mitte und starten bei den Hackeschen Höfen. Auch hier begeistert der Mix aus Shops und prachtvoll restaurierten Häusern, diese ganz spezielle Mischung aus Alt und Neu, der man in Berlin so oft begegnet.



Die Hackeschen Höfe wurden 1993 saniert und stehen heute unter Denkmalschutz. (c) Susanne Wolf

Ganz in der Nähe, ein wenig versteckt in einem Innenhof, befindet sich Clärchens Ballhaus, ein Tanzlokal mit verschrobenem Charme. Ein rotes Plüschsofa im Stiegenhaus weist den Weg zum Tanzsaal, der tagsüber ein Restaurant ist. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sich der Raum abends in einen schummrigen Tanzsaal verwandelt, fast meint man, die Musik zum „Schwoof“ aus alten Grammophonen krächzen und die alten Holzdielen unter den sich wiegenden Tänzern knarren zu hören.



Im legendären Tanzlokal in Berlin Mitte treffen sich die Berliner gerne zum „Schwoof“. (c) Susanne Wolf



Die rote, plüschige Couch weist den Weg zum Tanzsaal, der tagsüber ein Restaurant ist. (c) Susanne Wolf


Dem Alex - so nennen die Berliner ihren Fernsehturm - winken wir aus der Ferne zu, bevor wir weiterfahren Richtung Bundestag. Für die Besichtigung der Kuppel im Reichstagsgebäude hat unsere Freundin uns vorsorglich angemeldet und so reihen wir uns in die wartende Menschenschlange ein.



Das geschichtsträchtige Reichstagsgebäude ist heute Sitz des deutschen Bundestages. (c) Susanne Wolf



Die Konstruktion der Reichstagskuppel beeindruckt mit raffinierten Spiegeleffekten. (c) Susanne Wolf

Pünktlich zur vorgegebenen Zeit werden wir in das Regierungsgebäude eingelassen. Die Abwicklung ist straff durchorganisiert, die Mitarbeiter sind freundlich und nach kurzer Zeit erklimmen wir den Spiralenweg rund um die futuristische Konstruktion innerhalb der Glaskuppel. Auch hier gelingt die Synthese von Alt und Neu wunderbar, der Ausblick auf den Sonnenuntergang über den Dächern Berlins lohnt den Aufstieg.



Blick über die Spree auf das neue Regierungsviertel und die Reichstagskuppel. (c) Susanne Wolf

Bevor es dunkel wird, legen wir im Laufschritt die kurze Strecke zum „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ zurück. Als wir beim Holocaust-Mahnmal ankommen, dämmert es bereits und umso eindringlicher wirken die massigen Betonklötze auf uns. Vorsichtig bewegen wir uns durch die schmalen Gänge, immer darauf bedacht, einander nicht zu verlieren.



Die Stelen des Holocaust-Mahnmales zeigen düster gen Himmel. (c) Susanne Wolf

Schon bald entdecken die Mädchen, dass man zwischen den Stelen vorzüglich Verstecken spielen kann – und sie sind nicht die Einzigen. Rund um uns huschen junge Menschen vorbei, Selfies werden gemacht. Darf das denn sein, diese Aufgekratztheit an einem Ort des Erinnerns? Es scheint, als ob der Architekt es darauf angelegt hätte, die Grenze zwischen Besinnlichkeit und Verspieltheit aufzuheben.

36 brennt, 61 pennt


Den letzten Tag verbringen wir wieder in Kreuzberg, diesmal im nicht ganz so schicken Ostteil im früheren Grenzgebiet. In Kreuzberg 36, wie es nach der ehemaligen Postleitzahl genannt wird, wirkt alles ein bisschen schäbiger als im trendigen Kreuzberg 61. „36 brennt, 61 pennt“, heißt es im Berliner Volksmund, das Viertel wird auch als „Brennpunktbezirk“ bezeichnet.



Die Bergmannstraße in Kreuzberg ist eine multikulturelle Flaniermeile mit Gründerzeit-Charme. (c) Susanne Wolf

Die Arbeitslosigkeit ist hoch, dementsprechend günstig sind die Lokale. Das Viertel ist geprägt von der Alternativszene und von vorwiegend türkischen Migranten. Doch auch viele Studenten leben hier und sie machen die Gegend zu einem beliebten Ausgehviertel der Berliner.



Berlin rühmt sich, mehr Brücken zu haben als Venedig – die Oberbaumbrücke ist die schönste. (c) Susanne Wolf

Ein Spaziergang über die Oberbaumbrücke, vorbei an Resten der Berliner Mauer, bildet den Abschluss des Tages. Die Fahrt zurück nach Wien zeigt: Reservieren zahlt sich aus, der Zug ist bis auf wenige Plätze voll besetzt. Auf dem Weg Richtung Heimat begleitet uns wieder der Regen.

 
 
 
 

Susanne Wolf

Susanne Wolf ist freie Autorin mit einer Vorliebe für Ideen, die unsere Welt ein Stück besser machen: Bei ihrer Arbeit widmet sie sich Umwelt- und Klimathemen und macht sich dabei auf die Suche nach möglichen Lösungsansätzen. Das wirkt sich auch auf ihr Reiseverhalten aus: innerhalb Europas ist die Autorin bevorzugt mit der Bahn unterwegs. Weitere Informationen unter www.susanne-wolf.com. Autorinnenfoto: Elke Bitter

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