21.06.2015

Der Spaziergang über den Platz der Gehenkten


TRAVEL
Text — Christian Seiler



Wenn der Railjet den Westbahnhof verlässt, sehe ich zuerst die Baustelle, wo die ehemaligen Elin-Werke abgerissen wurden und den Sportplatz des Gymnasiums, wo ich als Bub probiert habe, die 60 Meter unter zehn Sekunden zu laufen.

Ich sehe auch, wo, ungefähr dort drüben, meine Großmutter gewohnt hat und wie kurz eigentlich der Weg hinauf zur Ober St. Veiter Kirche ist, für den ich immer ein paar Minuten zu lange gebraucht habe, dann kommt schon die Mauer des Lainzer Tiergartens ins Blickfeld und auf der anderen Seite die Überlaufbecken des Wienflusses, und spätestens dann bin ich klarerweise in Marokko. Also schreibe ich: Der Djemaa el Fna ist der berühmteste Platz von Marrakesch, und das ist bestimmt noch eine Untertreibung. Der ,Platz der Gehenkten ist ein geschichtliches und ein literarisches Denkmal, ein emblematischer Ort Afrikas, dem Elias Canetti sein schönstes Buch, ,Die Stimmen von Marrakesch , gewidmet hat und Hubert Fichte einen hinreissenden Versuch in Stakkatodichtung namens ,Der Platz der Gehenkten . Fängt okay an. Die Erste Klasse des Railjets ist mein temporäres Büro. Ein paar Tage, bevor ich wieder nach München fahre, wo meine literarische Agentin ihr Büro hat und die meisten meiner Bücher verlegt werden, reserviere ich im Internet den Platz, den ich am meisten liebe: Er befindet sich im hintersten Waggon des Zuges, in dem auch die Businessclass untergebracht ist. Das Ruheabteil der Ersten Klasse ist leicht zu erkennen am durchgestrichenen Mobiltelefon, das schematisch über den Türen angebracht ist, sowie an den durchgestrichenen Kopfhörern, damit der Restlärm einer Metallica-Liveplatte sich nicht störend auf die Restpassagiere auswirken kann, und schließlich am Zeigefinger vor den gespitzten Lippen, der uns anweist, leise zu sein: So lässt es sich gut arbeiten. Westbahngleisanlage Ich reserviere in diesem Abteil den Fensterplatz in Fahrtrichtung am großen Tisch. Dort steht dann mein Laptop, und wenn ich über dessen Bildschirm zum Fenster hinaus starre, sehe ich plötzlich nicht mehr die Wände des Wienerwaldtunnels, der die Reise nach St.Pölten fast schon beängstigend abkürzt, sondern den berühmtesten Platz Afrikas und seine regulären Bewohner, ich höre das kehlige Werben der Wasserverkäufer um Kunden und ich kann gar nicht anders, als augenblicklich aufzuschreiben, was in den nächsten Momenten passiert oder wenigstens passieren könnte: Du kannst dir einen Affen auf die Schulter setzen lassen oder einer Kobra in die Augen schauen. Du siehst Musikanten, die sich in Hypnose shaken und Berberinnen, die dir ein schönes oder auch ein hässliches Muster auf die Hand tätowieren, du kannst dir Zähne ziehen lassen oder das Horoskop stellen, du bekommst Amulette, die sicherstellen, dass du in Zukunft sechsmal pro Tag vögeln möchtest und auch kannst, und wenn du jetzt nicht genau weißt, wie du das deiner Liebsten mitteilen sollst, findest du auch den Schreiber, der, sobald er die wichtigsten Eckdaten weiß, einen geschliffenen Liebesbrief in deinem Namen verfasst: Du musst nicht mehr traurig sein, Schatz, komme morgen, Bussi, Ahmed.

Marrakesch Oilivenverkäufer (c) Photo Anton Zelenov Marrakesch Oilivenverkäufer (c) Photo Anton Zelenov

Entschuldigung? Mit großen Augen blicke ich den Mann an, der mich gerade mit etwas lauterer Stimme als nötig angesprochen hat. Ahmed? Nein, der Schaffner. Liebesbrief? Vorteilscard. Schon gut, und ja, gern ein Mineralwasser. Und einen Tee mit marrokanischer Minze. Gibt es nicht? Machen Sie Scherze? Dann eben einen Cappuccino, ich lasse mit mir reden. St. Pölten, jetzt schon. Das richtige Stichwort für Hunger, ich weiß auch nicht warum. Also schreibe ich mir das Essen, das ich jetzt gerne hätte, einfach auf. In der Früh ist die Djemaa el Fna leer, aber schon am frühen Nachmittag finden sich die Montagetrupps ein, die aus dem Nichts eine Stadt aus Garküchenständen aufbauen. Bald liegt ein blauer Rauch über dem Platz der Gehenkten, und eine Mischung unterschiedlichster Gerüche verbreitet sich von den Feuerstellen über die Menschen, die sich gerade den Weg zu den jeweiligen Sensationen bahnten. Ich schaue mich in der Ersten Klasse um, aber niemand scheint sich am blauen Rauch und den immer intensiver werdenden Gerüchen zu stören. Mein Nachbar liest Die Presse, gegenüber fummelt wer am Handy herum, völlig geräuschlos, wie ich zufrieden zur Kenntnis nehme. Also umkreise ich die geometrisch angeordneten Garküchenstände mit einem gemischten Gefühl aus Faszination und Ekel. Eine Zeile zum Beispiel gehört den Fleischköchen, deren Spezialität es ist, Ziegenköpfe zuzubereiten. Die Exemplare sind ausgestellt wie auf dem Cover des Rolling Stones-Albums Goats head soup , nur dass dessen Titelbild seinerzeit der Zensur zum Opfer fiel. Hier stehen die Köpfe stolz Spalier. Die Gehirne liegen in einer eigenen Schale, so wie auch die Zungen, und wenn du Augen möchtest, nur zu. Für Sie auch etwas? , fragt die freundliche Kellnerin von Henry , die gerade ihre Sandwiches an meine Mitreisenden verteilt. Ich denke noch nach , antworte ich wahrheitsgemäß, weil ich mich nämlich nicht entscheiden kann. Ich mag Innereien, auch Lamm- und Kalbshirn verschmähe ich nicht, wenn sie aus der Küche eines Koches kommen, dessen Geschmack ich vertraue und der hygienische Maßstäbe anlegt, mit denen ich mich, sagen wir, identifizieren kann. Ein in Marrakesch domizilierter Freund hat mir für die kulinarische Benützung der Djemaa el Fna die einfache Regel mitgegeben: nichts Rohes, und auch nichts Halbgares. Also kein Hirn und auch keine Augen. Alles, was ein paar Stunden gekocht wurde, empfiehlt er hingegen. Es klingt zwar abgedroschen", sagte er mir, aber du schaust am besten, an welchem Stand die meisten Marokkaner essen. Ich schaue mich um. Die Marokkaner können sich nicht entscheiden: keiner einziger da. Ich schaue aus dem Fenster. Amstetten.   Dann vergesse ich die mir sonst eigene Höflichkeit und quetsche mich zwischen eine alte Berberin und einen jungen Marokkaner mit Lionel Messi-T-Shirt, die sich gerade an dem, was Stand eins zu bieten hatte, gütlich tun: der tiefroten Suppe namens Harira, die im Ramadan traditionell mit süssem Gebäck verzehrt wird. Das Gebäck heisst Chebakia. Es wird aus Mehlteig, Sesam, Nüssen, Mandeln, allerhand Gewürzen und einer überproportionalen Menge Honig zubereitet und im Fett herausgebacken. Das dritte Gericht, das auf der Karte steht, ist ein Schälchen mit Datteln. Suppe, Gebäck und Datteln kosten je 3 Dirham, etwa 40 Cent pro Portion.   Viersechzig , sagt die Kellnerin, die das Wasser und den Kaffee auf meinen Tisch stellt, und sie lächelt mich ein bisschen unsicher an, weil sie in meinen Augen eine unbestimmte Abwesenheit entdeckt und ganz bestimmt auch einen Ausdruck von Hunger und Gier. Ich zahle, sie hält sich nicht länger als nötig in meiner Nähe auf, worauf ich beginne, die Harira zu decodieren, die ich vor mir auf dem behelfsmäßigen Tisch stehen sehe: Sie besteht aus Tomatenbrühe und Kichererbsen mit einer feinen Portion Minze und Zitrone. Ich koste. Sie schmeckt interessant, tief und eigenwillig, und wäre das Gericht bei Yotam Ottolenghi in London auf den Tisch gekommen, hätte ich dessen Genie gelobt, sich interessante Kombinationen auszudenken oder an den richtigen Orten inspirieren zu lassen Stand 1 ist so ein Ort, keine Frage, und die Mischung aus kräftiger Gemüsesuppe und frischer, süßen Chebakia ist eine Idee, die man weiterverfolgen sollte. Salzburg, Hauptbahnhof. Personalwechsel. Ich klappe den Laptop zu. Was für eine köstliche Fahrt. Höchste Zeit, in München beim Wallner bei der Großmarkthalle anzurufen und einen Tisch fürs Weisswurstessen zu bestellen.

Münchna Weißwuascht mit Brezn und siassm Semf (c) Rainer Z. Münchna Weißwuascht mit Brezn und siassm Semf (c) Rainer Z.

 
 
 
 

Christian Seiler
ist Kolumnist und Autor. Zu seinen Büchern gehören die Biographie von André Heller („Feuerkopf“, C.Bertelsmann) und Philipp Lahm („Der feine Unterschied“, Kunstmann Verlag). Der frühere Chefredakteur von Profil und Du schreibt regelmäßig über Essen, Trinken und Reisen. Er lebt mit seiner Familie in Wien.
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