28.06.2015

London Victoria - Die Königin der Bahnhöfe


TRAVEL
Text — Klaus Nüchtern



Wie die meisten Menschen meiner Generation bin ich als Kind mitten in der Nacht aufgeweckt, ins Auto gesetzt und nach Jesolo, ein andermal nach Caorle gefahren worden, nie aber nach Bibione. Der Urlaub von Millionen von Österreichern führte damals in Städte, deren Namen einerseits verheißungsvoll poetisch, andererseits wie heilandslästerliche Flüche oder die Klage über den Verlust nicht ganz unwesentlicher Körperteile klangen.

An die Fahrten selbst habe ich keine Erinnerungen. Dem Horror des automobilisierten Massentourismus, bei dem sich die Reisenden fühlen wie scheintote Sardinen auf dem defekten Förderband einer Fischkonservenfabrik, begegnete ich in den 70er-Jahren, in denen wir, eine Familie, die einen PKW bis zum letzten zugelassenen Platz zu füllen vermochte, Urlaub am Bauernhof in einem Kaff namens Gatschen im steirischen Ennstal zu machen pflegten. Wir haben Gatschen geliebt. Die Autofahrten dorthin weniger. Sie führte entlang der so genannten, ihrer Gefährlichkeit wegen mit gruseligen Totenkopf-Schildern gespickten Gastarbeiterstrecke durch Orte, die in meiner Dort-möchte-ich-nicht-begraben-sein-Liste ziemlich weit oben stehen: Orte wie Wimpassing, Kindberg, Leoben oder Trieben. Und wenn in Schladming ein Skirennen stattfand, konnte es sein, dass man sich erst weit nach Mitternacht bis nach Gatschen durchgestaut hatte. Was ich damit sagen will: Die Bahnreise ist erst relativ spät in mein Leben getreten, dafür mit Pathos und Aplomb. Die mittlere und späte Phase meiner unfeierlich lang anhaltenden Spätpubertät habe ich Sommer für Sommer in diversen europäischen Zügen verbracht, das Ende der jeweiligen Reise stets in solchen der damals noch staatlichen britischen Bahnen. Denn die Final Destination dieser Reisen war stets London, das uns damals als Epizentrum der Zivilisation, als Paradise regained galt. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, obgleich ich jederzeit zugeben würde, dass ich in Hinblick auf London bis zum Abwinken sentimental bin und die Ineinssetzung von Paradies und Zivilisation ideengeschichtlich komplett unhaltbar ist. Tatsächlich entsprach der Zustand, in dem man die Abteile, die nach dem Qualm selbstgewuzelter Zigaretten und ungewaschenen Socken rochen, schwerst übernachtig verließ, ziemlich präzise dem Titel dieses Reiseblogs: Man war knülle, streichfähig, gerädert eben: rail-axed. Die  Umstände unseres Unterwegsseins durften also durchaus als prekär bezeichnet werden, aber was verschlug s? Desto schlimmer für die Wirklichkeit! Denn natürlich war das alles fuckin unbelievably gorgeous. Britische Züge waren irgendwie auf eine andere Art schäbig; die Fahrkarten in unserem Falle: die Interrail-Tickets wurden von ganzkörpertätowierten Schaffnern gestempelt, die davor noch in einem Maori-Freilichtmuseum gearbeitet hatten; es gab Pappbecher mit Tee aus Teeplantagen und Milch von Kühen und es gab Victoria Station.

Victoria Station London (c) Danrok-Wikipedia Victoria Station London (c) Danrok-Wikipedia

Zu all diesen Dingen gewinnt man irgendwann das Verhältnis einer nostalgisch verklärten Selbstverständlichkeit, damals aber war das tatsächlich neu, aufregend und ungewohnt. Als mein Interrail-Buddy, der im Vergleich zu mir ein weitgereister und welterfahrener Mann war, angesichts des Umstandes, dass unser Zug zu einem, wie s schien, finalen Halt gelangt war, seinen latzbehosten Klassenkameraden, also mich, fragte, ob wir denn schon in Victoria seien und damit sein landeskundliches Fachwissen souverän unter Beweis stellte, blickte ich aus dem Abteil und antwortete allen Ernstes: Nein, erst in Woolworth. Victoria Station. Wie das schon klingt, wie es assoniert und wie es swingt! Metrisch auf den ersten Blick ein Daktylus mit Auftakt, auf den ein Trochäus folgt, offenbart der Rhythmus, wird er er erst gelooped, sein wahres Wesen, die Essenz jeder Bahnfahrt: Es ist nichts anderes als der Gesang der Räder auf den Schienen. Streicht man alle Buchstaben die sowohl in Victoria als auch in Station vorkommen, lassen sich mit dem übriggebliebenen Material so herrliche Worte wie Cvrinst , Rtvsnic oder Ticvnsr bilden. Machen Sie das mal mit Attnang-Puchheim und Hallwang-Elixhausen und sie kriegen Llmeswctlaxpt oder Lwmtspextllac , Buchstabenungetüme, die klingen wie chronische Darmerkrankungen auf Walisisch. Gewiss, die Terminus Snack Bar auf dem Vorplatz, wo es Anfang der 80er-Jahre die jedenfalls für uns besten Sandwiches und den besten Coleslaw der Welt gab, ist nicht mehr, und auch der Shoppingmallisierung, die wie sonst nichts außer dem Mobiltelefon zum weltweiten Niedergang des Eisenbahnwesens beigetragen hat, konnte sie nur ein stückweit widerstehen. Und dennoch bleibt Victoria die Königin, die Königin der Herzen. Würde man den Geruch von Victoria in Dosen verpacken, ich wüsste zumindest einen Käufer. God save the Queen!
 
 
 
 

Klaus Nüchtern
wuchs in Wien auf, wo er Anglistik und Germanistik studierte. Seit 1990 ist er Kulturredakteur bei der Wochenzeitung Falter; seine Kolumnen „Nüchtern betrachtet“ liegen gesammelt in 5 Bänden vor. 2011 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik.
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