26.03.2018

Rossmann on tour #1: Beim Bahnhof ums Eck in Hallein


SLOW FOOD
Autor — Eva Rossmann



Beisln beim Bahnhof ums Eck. Plätze, an denen Menschen, die unterwegs sind, Ruhe finden. Und etwas zu essen und zu trinken. Ich mag sie und ich stelle mir oft vor, wie viele Menschen schon hier waren, gegessen, getrunken haben und wohin sie weiter gereist sind. Viele dieser Lokale existieren nicht mehr, andere gibt es noch. Und es gibt legendäre Geschichten über sie. Wie die vom ehemaligen Bahnhofswirtshaus in Gänserndorf. Dort wusste man, wer wann Halt macht. Da waren die Wein-Achtl schon eingeschenkt, wenn der Zug angekommen ist. Die Männer sind ausgestiegen, haben, wie man hier sagt "einmal getrunken", danach sind sie wieder eingestiegen und der Zug ist weitergefahren.


Ich mache mich auf die Suche nach Lokalen in der Nähe von Bahnhöfen. Es müssen keine Gourmettempel sein, auch keine Rund-um-die-Uhr-Tschocherln für auf unterschiedliche Weise Gestrandete. Aber sie sollen "etwas haben": Persönlichkeit. Flair. Platz, um angenehm Pause zu machen. Das alles ist natürlich sehr individuell, also sagen wir es ehrlich: Sie müssen mir gefallen.


So wie das Gasthaus Hager in Hallein. Es ist keine dreihundert Meter vom Bahnhof entfernt. Familie Weißenbacher hat es mit Liebe und Geschmack renoviert, es hat Tradition und ist trotzdem weder kitschig noch muffig. Genauso wie ihr Essen. Leberwurst und Blutwurst von der lokalen Fleischerei. Beim Lindlbauer, das Haus stammt aus dem Jahr 1600, wird noch selbst abgestochen und verarbeitet (und: zum Bahnhof sind´s hundert Meter). Was wir sonst noch gegessen haben? Selbst gemachte Rindsuppe mit köstlichen Kaspressknödeln, aber auch dreierlei - perfekt gebratene - einheimische Fischfilets mit knackigem Gemüse. Am Nachbartisch des holzgetäfelten Raumes saßen elf Frauen, denen niemand gastronomischen Fake liefern kann: Bäuerinnen aus der Umgebung, die hier offensichtlich gern zusammenkommen, essen, trinken und reden. Bis es spät wird.



Suppe mit Kaspressknödel im Topf. (c) Eva Rossmann



Blunzn und Leberwurst aus Hallein. (c) Eva Rossmann

Apropos später: Hier sieht einen der Wirt nicht schief an, wenn man nach Neun noch etwas zu essen haben möchte. Man bekommt die Karte, geziert von Sprüchen des alten Martin Hager, und auch noch ein feine Flasche Welschriesling vom Skoff aus der Südsteiermark. Nur keine Hektik, man darf langsam trinken und genießen. Bis Mitternacht, wenn es denn sein soll.



Der alte Martin Hager und seine Sprüche. (c) Eva Rossmann

Hallein ist eine Stadt mit viel Geschichte, das sieht man nicht nur an den liebevoll renovierten mittelalterlichen Gebäuden mit ihren meterdicken Mauern. Hier spielen Kulinarik, Verkehrswege und Reisen in besonderer Weise zusammen. Denn hier wurde Salz abgebaut. Hallein bedeutet so viel wie "kleine Salzpfanne". Schon die Kelten haben erste Siedlungen gegründet und Handel betrieben. Im großzügig gestalteten Keltenmuseum, auch bloß ein paar Minuten zu Fuß vom Bahnhof, kann man mehr darüber erfahren. Das Gebäude, gleich gegenüber der Pernerinsel mit dem großen Sudhaus (Freundinnen der Salzburger Festspiele ist es inzwischen als Spielstätte insbesondere für experimentelles Theater und Konzerte zeitgenössischer Musik ein Begriff), wurde schon im Jahr 1654 als "Pfleg" erbaut, um das Salinenwesen zentral zu verwalten. Wunderschöne Bronzeskulpturen haben die Kelten kreiert, wie moderne Statuetten sehen sie aus, die Realität auf das Wesentliche reduziert. Und man lernt, was bleibt, wenn viele Jahrhunderte später Gräber gefunden werden: Neben ein paar Knochen vor allem der Schmuck und die Waffen.



Was bleibt - vor allem Schmuck. (c) Eva Rossmann



Was bleibt - der Schmuck im Grab. (c) Eva Rossmann

Dem Salz aus dem Dürrnberg bei Hallein hat Salzburg seinen Namen und viel von seinem Reichtum zu verdanken. Es gab eine Zeit, wo die Fürsterzbischöfe die Hälfte, manchmal auch Zwei Drittel der Einnahmen aus diesem Salzabbau bezogen. Das Salz wurde über die Salzach verschifft, viele Pferde zogen es auch flussaufwärts. Den Halleiner Schiffersleuten, den Bergknappen und ihren Familien, ihnen blieb vom Salz in erster Linie die Arbeit. Man musste dankbar sein, ein kleines Lehen dazuzubekommen. Ob sie stolz darauf wären, wie prächtig Salzburg noch heute für Menschen aus aller Welt glänzt? In den Fürstenzimmern der früheren "Pfleg" gibt es immerhin Wandbilder, die über ihren Alltag erzählen. Den Vortrieb der Stollen, die Befeuerung der Sudpfannen, die Erzeugung der Salzfässer. Comic-Vorläufer aus dem 18. Jahrhundert.



Salz in Szene gesetzt. (c) Eva Rossmann


Geschichte, die bis in unsere Gegenwart reicht, schrieb auch einer, der nun in Hallein begraben liegt: Franz Xaver Gruber. Er hat "Stille Nacht, heilige Nacht" komponiert und wer mehr darüber wissen will, kann das Museum neben seinem Grab besuchen.



Beim Grab von Franz Xaver Gruber Komponist von Stille Nacht. (c) Eva Rossmann


Das Salz der Erde - für jeden ist es wohl etwas anderes. Für mich hat es damit zu tun, unterwegs sein zu können. Neues kennen zu lernen. Und entspannt zu genießen.

 

 
 
 

Eva Rossmann

1962 in Graz geboren; lebt im Weinviertel. Verfassungsjuristin, Journalistin, Autorin, Köchin, ORF-Moderatorin. Sachbücher, Drehbücher, Kochbuch „Mira kocht“, Weinviertel-Verführer „Auf ins Weinviertel“.
In ihren Kriminalromanen rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnischstämmige Putzfrau und Freundin Vesna Krajner geht es um aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Seit ihrem Krimi Ausgekocht auch Köchin in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“. 2017 erschien ihr Roman „PATRIOTEN“ (Folio) über Europa am Scheideweg zwischen Nationalismen und weltoffener Gemeinschaft.
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Österreichischer Buchliebling 2009. Großer Josef Krainer Preis für Literatur 2013. Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur der Stadt Wien 2014.

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