19.07.2015

Vom einen Ende zum anderen


TRAVEL
Text — Charles E. Ritterband



Die Seele, so schrieb Arthur Schnitzler, sei ein weites Land . Und Österreich, so möchte ich als Schweizer nüchtern hinzufügen, ist ein bemerkenswert langes bzw. breites Land, in Anbetracht seiner von der Schweiz doch nicht so sehr verschiedenen Größe

Seit meiner Kindheit, die ich in meiner Geburtsstadt Zürich und in den Schulferien regelmäßig meinen Großeltern dem (mir damals noch fast unendlich fern erscheinenden Wien) verbrachte, war für mich der Schienenstrang entlang Zürichsee, Walensee, und dann durchs prachtvolle Gebirge, den Arlberg. Zuvor noch das Faszinosum Sargans: Dass der Zug nun mit einem Mal rückwärts fuhr, und doch unbeirrbar auf sein fernes Ziel zu weil er hier in Sargans eine Spitzkehre gemacht hatte und die Lokomotive am Zugsende angekoppelt wurde, das ab jetzt die Zugspitze war. Dann kam die Grenze. Von Schengen und freiem Personenverkehr konnte damals noch niemand ahnen, dafür gab es, aufregend für den kleinen Bub aus Zürich, Pass- und Zollkontrollen im Zug, bei denen die Abteiltüre mit professioneller Unerbittlichkeit aufgeschoben wurde und die uniformierte Obrigkeit sich in ihrer ganzen Mächtigkeit vor den auf ihren Sitzplätzen nunmehr seltsam geschrumpften, plötzlich irgendwie nervös gewordenen Reisenden aufbaute, die jetzt alle völlig unnötigerweise ein kollektiv schlechtes Gewissen zu haben schienen. Das Mittagessen im Speisewagen war das krönende Erlebnis. Währenddessen holperte der Zug über schwindelerregende Brücken, durchs kaiserliche Innsbruck, das schon die imperiale, für den republikanischen Schweizer so exotische Atmosphäre erahnen ließ, später über die Salzach, wo sich für Sekunden vor der Einfahrt im Hauptbahnhof der atemberaubende Blick auf die Stadt inklusive Festung Hohensalzburg bot. Dann wurde die Landschaft flacher, östlicher, man war der Enge der Berge entronnen und später, viel später, abends, rollte der Zug im Westbahnhof ein, wo einen die aufgeregten Grosseltern am Bahnsteig erwarteten.

Feste Hohe Salzburg (c) Philipp Horak Feste Hohe Salzburg (c) Philipp Horak

Besonders aufregend war es, diese Strecke im Schlafwagen zurückzulegen. Bereits der blaue, edle Waggon auf dem Perron im altehrwürdigen Hauptbahnhof Zürich, das ausgeklügelte, elegante Schlafabteil, die vornehm uniformierten Schlafwagenbediensteten signalisierten immer den Beginn eines großen Abenteuers für den kleinen Jungen. Nachts wachte man auf, stundenlang hielt der Zug am Arlberg auf der eingleisigen Strecke, er hielt an kleinen Bahnhöfen, auf denen es noch, ein unvergesslicher Duft, nach Kohlefeuer roch, denn damals gab es in Österreich, im Gegensatz zur Schweiz, vereinzelte Dampflokomotiven. Und ich glaube mich gar zu erinnern an die scharfen Kontrollen der Alliierten, der amerikanischen und sowjetischen Grenzwächter, die durch den Zug kamen und den Reisenden gehörig Respekt einflößten. Aber vielleicht hat der spätere Österreich-Korrespondent diese Erinnerung nachträglich konstruiert. Nicht erfunden sind jedoch die noch vereinzelt in Wien sichtbaren Bombenruinen, die Einschusslöcher auf vielen Hausfassaden und eine graue, bedrückende Atmosphäre, die den kleinen Jungen aus dem vom schrecklichen Krieg verschonten Zürich zugleich faszinierte und ängstigte. Später erhielt dieser Transfer zwischen den Welten einen magischen Namen: Transalpin. Ein komfortabler, schneller Triebwagenzug in verheißungsvoller Farbgebung fast wie der TEE, der Transeuropa Express, damals, lange vor Jumbo Jets und Charterflügen, ein Mythos des transkontinentalen Reisens. Meine Eltern fuhren ohne mich, zu meinem lebenslangen Bedauern zur Weltausstellung in Brüssel ( Atomium !) mit dem weltberühmten TEE, was meine Sehnsüchte nach dem Wunderzug unstillbar angeregt hatte. Der Transalpin war dann für mich ein einigermaßen befriedigender Ersatz, zumal ich einmal in den Führerstand durfte und so die geradezu mythologische Erfahrung der rasend schnell vom Zug verschlungenen und doch immer wieder neu nachwachsenden Geleise machen durfte. Und, dann, einmal, bei der Fahrt in der Ersten Klasse (weil die zweite völlig ausgebucht war), die Eleganz des kleinen Kosmetik-Abteils für die Damen Luxus pur.

Titelseite einer Brschüre der ÖBB zur Einführung der neuen Express-Verbindung im Jahr 1958. Titelseite einer Brschüre der ÖBB zur Einführung der neuen Express-Verbindung im Jahr 1958.

Dann, Jahrzehnte später, als große Errungenschaft: das Ferienhaus im Tessin. Und, als NZZ-Korrespondent in Wien, jeden Sommer die großartigen Bregenzer Festspiele und die hochkarätige Schubertiade Hohenems und die ungemein geschätzte Möglichkeit, das Auto auf den Autozug zu verladen, die Fahrzeit entweder in Stunden ungestörter, von der vorbeiziehenden prachtvollen Landschaft inspirierter Schreibarbeit zu verbringen oder nachts sanft in den Schlaf geschaukelt im komfortablen Schlafwagenabteil der so ganz anderen Welt am weit entfernten anderen Ende Österreichs entgegen zu träumen Jedes Mal ein kleines Abenteuer beim Boarding in Wien und beim Aussteigen in Feldkirch. Das Auto entladen, und dann entweder dem Stamm-Hotel am Bödele entgegen für die Festspiele oder, in genau zwei Stunden, durch Liechtenstein und über die Alpen, durch den San Bernardino Tunnel ins Tessin, in diese schon so italienisch geprägte Atmosphäre. Damals wie heute ist der ostwestliche Schienenstrang durch den Arlberg für mich die wichtigste und direkteste Verbindung zweier Welten damals von meiner Kindheitsstadt Zürich zu den kulturellen Highlights von Wien, heute von meinem Lebensmittelpunkt Wien zu den kulturellen und landschaftlichen Höhepunkten von Vorarlberg, den Bregenzer Festspielen und dem unvergleichlichen Skifahren in Lech-Zürs, und meinem romantischen Refugium im Tessin.
 
 
 
 

Charles E. Ritterband
wurde in Zürich geboren. Seit mehr als drei Jahrzehnten hat er die Neue Zürcher Zeitung als Auslandskorrespondent auf vier Kontinenten vertreten; seit 14 Jahren berichtet er für die NZZ aus Wien. Neben mehreren Buchpublikationen (zuletzt: "Dem Österreichischen auf der Spur", Böhlau-Verlag) unterrichtet Dr. Ritterband an österreichischen Universitäten und Fachhochschulen.  
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