24.04.2018

Rossmann on Tour #2: Mit der Bahn nach Bangkok


SLOW FOOD
Autor — Eva Rossmann



Thailändisch essen ... fein. Original thailändisch essen ... ein Traum. Aber doch ziemlich weit weg. So weit allerdings auch wieder nicht. Wenn man die Bahn nimmt, schafft man es ab Wien oder St. Pölten in weniger als einer halben Stunde.

Und dann ist man in der "Bangkok-Station". Direkt am Bahnsteig 2 des Bahnhofs Tullnerbach-Pressbaum. Hier kocht Meo. Ihr Konzept? Sie lacht: "Mein Lokal ist wie daheim. Das Essen ist so wie daheim. Bei uns in Thailand. Und alle sollen sich auch daheim fühlen." Ein Regionalzug hält. Ein älterer Mann kommt durch die offene Tür, bleibt an der Theke stehen. Meo weiß, was er trinkt. Und ein anderer Stammgast hilft brav beim Abservieren, wenn Meo sowieso schon alle Hände voll zu tun hat.


Auf ihrer Speisekarte steht: "Auf Bestellung kochen wir für Sie auch jedes andere gewünschte Gericht aus Thailand! Sonderwünsche? Na klar, kein Problem ..." Ich habe meine Lieblings-Truppe mitgebracht, wenn es um gutes Essen geht: Meinen Mann Ernest, Uli, einen international bekannten Kontrabassisten und Komponisten, Manfred, über Jahrzehnte mit vielen Preisen ausgezeichneter Spitzenkoch und Gerda, Weinviertler Winzerin.



Meine Lieblingstruppe, wenn es um gutes Essen geht. (c) Eva Rossmann

Wir entscheiden uns für "Meo´s kulinarischer Streifzug durch die thailändischen Küche - Allerlei zum Durchkosten & Genießen" und werden es nicht bereuen. Der Wohlfühl-Effekt hat schon eingesetzt, als wir das kleine Lokal betreten haben, als Meo die Suppen serviert, ist er perfekt: Pikante Shrimpssuppe mit Zitronengras, Hühnersuppe mit Kokosmilch und Galgant. Durch die offene Eingangstür sehen wir einen endlos langen Güterzug vorbeirollen. Wir viele Achsen so ein Ding hat? Wie viel Zugkraft? Ich ziehe mein Smartphone heraus, aber nur um zu fotografieren. Man muss nicht sofort alles wissen. Da kommen Thai-Fleischlaibchen mit Kaffirblättern und köstliche Mini-Frühlingsrollen. Meo reagiert mit der Zufriedenheit jeder engagierten Köchin, wenn es ihren Gästen schmeckt, schenkt noch schnell zwei Bier für Bahnhofgestrandete ein und ist wieder in der Küche hinter der Theke.



Hühnersuppe mit Kokosmilch und Galgant (Tom Khaa Gai). (c) Eva Rossmann



Pikante Shrimpssuppe mit Zitronengras (Tom Yam Gung). (c) Eva Rossmann



Hühnerfleisch mit rotem Curry & Bambus in Kokosmilch (Gaeng pet gai). (c) Eva Rossmann

Viererlei Hauptgänge tischt sie auf und ein Regionalzug hält. Fast bin ich irritiert, dass er so neu und bekannt wirkt, ich hätte inzwischen eine der alten thailändischen Bahngarnituren erwartet. Wir sind abgetaucht zwischen Curry und Entenbrust mit Thai-Basilikum und Thai-Faschiertem mit Gemüse, und wir essen, bis wirklich nichts mehr geht.
Dass Meo flexibel ist, steht nicht bloß auf der Speisekarte. Sie beweist es auch mit einem ganz besonderen Service: "Leute können mich anrufen und bestellen. Auch aus dem Zug. Sie sagen mir, in welchem Waggon sie sitzen und ich bringe ihnen das Essen, und schon fahren sie weiter." Kann gut sein, dass ich in Zukunft hin und wieder mit dem Regionalzug nach St. Pölten fahre statt mit dem Railjet. Was ist Geschwindigkeit gegen Genuss?



Hauptspeisen beim Streifzug durch die Küche. (c) Eva Rossmann

Inzwischen ist es Nacht geworden. Lichter am Bahnsteig, eine Schnellbahn, noch ein Güterzug. Die Familie mit den zwei Kindern bricht auf. Auch wir sollten uns auf den Weg machen. Aber da kommt noch Klebreis mit Mango. "Hat meine Mutter geschickt", sagt Meo. "Nicht die Mango, der Klebreis." Ich koste vorsichtig. In Bangkok, also quasi beim letzten Mal in Bangkok, war ich davon nicht gerade begeistert. Süßer Papp und sonst nichts.



Klebereis mit Mango. (c) Eva Rossmann

Das da ist auch süß, aber es schmeckt würzig und perfekt mit der reifen Mango. Da sei Banane mit drin, erklärt Meo. In den letzten Jahren sei sie ein Gartenfreak geworden. Vor allem Bananen hätten es ihr angetan. Sie züchte inzwischen viel zu viele Bananen. Da? Äh. Nein. Daheim in Thailand. Ist eben alles eins. Und: Im Sommer gibt´s sogar einen kleinen Garten neben dem Bahnsteig. Mit Tischen. Und Gemüse.

 


Sollte man übrigens noch einen Ausflug in die Umgebung von Bangkok machen wollen, gibt´s in bequemer Gehweite den Wienerwald-See. Er ist Teil des Biosphärenparks Wienerwald und lädt zum fast schon asiatischen Baumeln mit der Seele ein. Am Fußweg um den See gibt´s für Wissbegierige Schautafeln zur vielfältigen Flora und Fauna und dann noch ein ganz besonderes Denkmal: Das von Wilhelm Kress. Und damit sind wir, im weiteren Sinn, zurück beim Reisen: Er war ein Flugpionier und hat hier im Wienerwaldsee 1901, nach jahrzehntelangen Forschungen und mit immerhin schon fünfundsechzig Jahren, versucht, mit einem Wasserdrachenflieger zu starten.



Denkmal für Flugpionier Kress am Wienerwaldsee. (c) Eva Rossmann

Das ging schief, weil der gelieferte Motor zu schwer war. Dazu kam dann noch eine Windböe und die Staumauer. Das Ding sank, Kress konnte gerettet werden. Der zweite Flugdrachen scheiterte an den Geldgebern. Trotzdem war Kress alles andere als ein Versager. Er erfand die Knüppelschaltung, die immer noch in Verwendung ist. Otto Lilienthal profitierte von seinen Forschungen und der berühmte Physiker Ludwig Boltzmann verwendete seine Modelle für Vorträge über die Luftschifffahrt und die Möglichkeit, dass Menschen doch mit etwas fliegen können, das schwerer als Luft ist. Wir freilich bewegen uns mit der Bahn, beinahe in Lichtgeschwindigkeit, von Bangkok zurück nach Wien.

 
 
 

Eva Rossmann

1962 in Graz geboren; lebt im Weinviertel. Verfassungsjuristin, Journalistin, Autorin, Köchin, ORF-Moderatorin. Sachbücher, Drehbücher, Kochbuch „Mira kocht“, Weinviertel-Verführer „Auf ins Weinviertel“.
In ihren Kriminalromanen rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnischstämmige Putzfrau und Freundin Vesna Krajner geht es um aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Seit ihrem Krimi Ausgekocht auch Köchin in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“. 2017 erschien ihr Roman „PATRIOTEN“ (Folio) über Europa am Scheideweg zwischen Nationalismen und weltoffener Gemeinschaft.
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Österreichischer Buchliebling 2009. Großer Josef Krainer Preis für Literatur 2013. Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur der Stadt Wien 2014.

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