25.05.2018

Rossmann on tour #3: Ein Gasthaus mit Geschichte


SLOW FOOD
Autor — Eva Rossmann



Es gibt sie noch, die Bahnhofswirtshäuser, die schon quasi seit immer in Betrieb sind. In Kalsdorf steht eines, das wurde exakt im Jahr 1900 eröffnet. Und im Familienbesitz ist das Hotel Restaurant Meyer auch schon mehr als achtzig Jahre. Viel hat sich verändert, seit es von einem Weinhändler namens Krenn als Geldanlage errichtet wurde. An sich eine kluge Investition, da Kalsdorf ja an der damals florierenden Südbahnstrecke lag. Ab 1857 konnte man durchgehend von Wien nach Triest reisen, unserer damaligen Stadt am Meer.



Das Meyer befindet sich direkt gegenüber vom Bahnhof (c) Eva Rossmann

Inzwischen sieht der Bahnhof anders aus und die geschichtsträchtige Restauration via-a-vis tut es auch. Zimmer mit allem Komfort gibt es, ein neuer Gastgarten ist gerade entstanden, auch die Speisekarte hat sich mit der nächsten Generation weiterentwickelt. Ich war zum ersten Mal da, aber ich habe den Eindruck, das Essen war hier immer schon gut. Seit fünfzig Jahren steht Renate Meyer in der Küche, ordentliche Zutaten brauche man eben, sagt sie bescheiden. Ich gebe zu, wenn in Österreich Risotto auf der Karte steht, bin ich skeptisch. Ich kenne selbst Italiener, die das nicht wirklich hinkriegen.



Perfektes Saiblingsfilet mit Spargelrisotto (c) Eva Rossmann

Risotto ist KEIN Reis-Gatsch. Aber da es das steirische Saiblingsfilet nun einmal beim Meyer in der Spargelzeit mit Spargelrisotto gibt, nehme ich es. Und bin überrascht. Cremiger Reis, die Körner al dente, auch die Sorte passt. Und die grünen Spargelstückchen sind knackig, nur kurz daruntergemischt. Das Filet auf der Hautseite knusprig gebraten, und nicht zu lange, wie das so häufig geschieht. Ernest nimmt das Mittagsmenü. Nudelsuppe und Reisfleisch. Viel kann ich ihm bei der Nudelsuppe nicht helfen, ich hab mich als Vorspeise zu einem Endivien-Erdäpfel-Speck-Salat mit Kernöl hinreißen lassen.



Endivien-Erdäpfel-Speck-Salat mit Kernöl - Für eine Steirerin das Maß aller Dinge (c) Eva Rossmann

Ich bin nun mal eine gebürtige Steirerin und an gewissen Dingen kann man nicht vorbei. Die Suppe ist übrigens wirklich aus Rindfleisch gemacht und die Nudeln sind so, wie sie gehören. Frisch eingekocht, keine seit ewig im warmgehaltenen Topf herumtümpelnden Teile. Und das Reisfleisch war nicht nur viel, sondern auch gut.



Reisfleisch - nicht nur gut, sondern auch viel  (c) Eva Rossmann


Ordentliche Rindfleischqualität scheint überhaupt ein Hobby der Meyers zu sein. Das sieht man schon auf der Karte. Da gibt´s eine Seite, auf der nicht bloß alles Mögliche vom Bio-Rind angeboten wird, sondern auch ein ganzes Rindviech aufgezeichnet ist. Samt Beschreibung, wo welcher Teil zu finden ist. Nix für Vegetarierinnen. Aber spannend für alle, die wissen wollen, aus welchem Teil Tafelspitz oder Steak geschnitten werden.



Die Meyers legen Wert auf ordentliche Rindfleischqualität (c) Eva Rossmann


Ach ja, und Graz ist quasi auch gleich um die Ecke. Vierzehn Minuten sind es bis zum Hauptbahnhof. Besonders fein geht das mit der 24-Stunden-Karte des Verkehrsverbundes. Mit der Straßenbahn zur Mur, dort zum Kunsthaus, innen und außen spannend, dann auf den Schlossberg, auch die Schlossbergbahn ist inklusive, und dann am Hauptplatz noch schnell zu einem der legendären Standln mit der originalsten Krainerwurst von überhaupt. Man kann freilich auch in Kalsdorf bleiben und sich überraschen lassen. Hier gibt´s die Copacabana. Wirklich. Zumindest auf steirisch, das heißt, rund um einen Schotterteich. "Palmen, Bambus, weitläufiger Strand, kristallklares Wasser und Gastro-Mix vermitteln ungeahnte Urlaubsgefühle!" Und zu allem Überfluss soll es auch noch eine zehn Meter hohe Christusstatue geben, ein Ebenbild des legendären "Corcovado" in Rio de Janeiro. Ich hab sie nicht entdeckt. Aber vielleicht hat sie den Wohnungen weichen müssen, die an einem Teil der Kalscabana entstehen. Im Sommer soll dort, mit Statue oder ohne, richtig die Post abgehen, haben mir Freunde versichert.



Die Kalsdorfer Copacapana (c) Eva Rossmann


Ob die Brasilianer schon herfliegen, um an diesem Hotspot mit dabei zu sein, weiß ich nicht. Möglich wäre es. Immerhin liegt der Grazer Flughafen Thalerhof auf Kalsdorfer Ortsgebiet.
Verkehrswege haben in Kalsdorf schon immer eine große Rolle gespielt, nicht erst seit Südbahn und Flughafen. Die Römer haben hier eine eindrucksvolle Siedlung hinterlassen. Da aber auch Neuzeit-Menschen wohnen wollen, wurde viel davon überbaut. Und Hunnenkönig Attila soll sogar geblieben sein. Der Legende zufolge liegt sein Grab zwischen Kalsdorf und Fernitz unter dem alten Bett der Mur. Er ruhe in einem goldenen Sarg, der liege in einem silbernen, der in einem eisernen. Natürlich gemeinsam mit unermesslichen Schätzen.
Vielleicht ist es doch besser, sich auf eine Radtour statt auf Schatzsuche zu begeben. Der Mur-Radweg lädt ein. Oder man radelt in Kalsdorf zur "Handbrauerei Forstner". Ihre Biersorten reichen von "Chili-Beer" über Ale bis zu Starkbieren nach belgischer Brauart, viele wurden ausgezeichnet. Idylle gibt´s gratis dazu und am Donnerstag und Freitag kann man einkehren und vor Ort kosten.



Die Idylle der Handbrauerei Forstner (c) Eva Rossmann

Und klar, das Rad kann man dann wieder - früher oder später - in die Bahn packen. Der Flughafen wäre ja auch nah, aber da ist manches aufwändiger. Auch das mit dem Radmitnehmen. Ein Trip zum Meyer nach Kalsdorf aber ist das Gegenteil von kompliziert. Easy reisen, easy genießen, ich komm wieder.

 
 
 

Eva Rossmann

1962 in Graz geboren; lebt im Weinviertel. Verfassungsjuristin, Journalistin, Autorin, Köchin, ORF-Moderatorin. Sachbücher, Drehbücher, Kochbuch „Mira kocht“, Weinviertel-Verführer „Auf ins Weinviertel“.
In ihren Kriminalromanen rund um die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnischstämmige Putzfrau und Freundin Vesna Krajner geht es um aktuelle gesellschaftspolitische Themen. Seit ihrem Krimi Ausgekocht auch Köchin in Buchingers Gasthaus „Zur Alten Schule“. 2017 erschien ihr Roman „PATRIOTEN“ (Folio) über Europa am Scheideweg zwischen Nationalismen und weltoffener Gemeinschaft.
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Österreichischer Buchliebling 2009. Großer Josef Krainer Preis für Literatur 2013. Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur der Stadt Wien 2014.

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