02.08.2015

Rudolfsheim Fünfhaus Bangkok Station Wien West


ACTIVE
Text — Philipp Horak



In der Illekgasse schwinge ich mich auf mein Rad. Fußpedale eingerastet in den Klips, ziehe ich noch mit voller Energie die Johnstraße hinauf. Überwinde viele Straßenbahngleise bis zum Kreisverkehr Neuwaldegg. Dort wartet eine ähnliche Knackwurst wie ich namens Hari in Radmontur. Kurz verschnaufen und bei brütender Hitze geht es den Exelberg hinauf.

Der wunderschöne Blick auf das sonnenbeleuchtete Wienpanorama lässt die Motorradfahrer und Autoausflugsfahrer, die mit gefühlten 200 Stundenkilometer an einem vorbeirauschen, vergessen. Oben angekommen, rasen wir den Berg wieder hinunter. Geschwindigkeiten bis zu 60 Stundenkilometer erreichen wir nun.

Ich mit Blick auf Wien (c) Philipp Horak Ich mit Blick auf Wien (c) Philipp Horak

Überholen tun wir aber niemanden. Nun sind wir in der Ebene Richtung Tulln nach Sieghartskirchen unterwegs. Dort, in Sieghartskirchen, kommt der leichte, zermürbende, etwa zwölf Kilometer lange Anstieg nach Pressbaum. Vorbei am Fink in der Au, wo ich als Kind meine erste gebackene Leber mit Mayonnaise-Salat verschlungen habe, und genau da wird mir schwarz vor den Augen. Absoluter Leistungsabriss nach Kilometer 43. Die Kraft ist am Ende. Das Wasser ausgetrunken, der Rucksack leer und doch noch ein kleiner Hügel vor uns, aber in diesem Zustand ein Mount Everest.

EIn Motorradfahrer am Exelberg (c) Philipp Horak EIn Motorradfahrer am Exelberg (c) Philipp Horak

Was bleibt einem übrig. Ich kämpfe mich rauf, während des Kampfes geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: der Zug in Tullnerbach-Pressbaum. Eine Schmach für den Radprofi, aber wem sind wir was schuldig. Ein Lichtblick, der mich den Berg (der eigentlich nicht mehr als ein Hügel ist) überwinden lässt. Danach wird nur mehr gerollt. Bis der Bahnhof Tullnerbach-Pressbaum vor uns erscheint. Und jetzt kommt’s.

Thai Restaurant auf Bahnsteig 2 (c) Phillip Horak Thai Restaurant auf Bahnsteig 2 (c) Phillip Horak

Mein Rucksack inklusive Geldbörse ist ja leer, aber Hari hat noch 30 Euro, die uns nach Hause bringen werden. Und nicht nur das. Die Fahrkarten nach Wien West verschlingen nur etwa elf Euro unseres Budgets. Der Rest, also 19 Euro, bleibt, um in den am Bahnsteig 2 liegenden thailändischen Gourmet Tempel zu investieren.

Bangkok Station (c) Philipp Horak Bangkok Station (c) Philipp Horak

Man hat schon viel davon gehört. Ein Geheimtipp, wurde mir gesagt. Mit Ian, meinem Sohn, musste ich schon öfters das Lokal betreten, um Gummischlangen zu erwerben. Da blieb mir die Raffinesse der Küche immer verborgen. „Bangkok Station” nennt sich das etwas andere, noch unentdeckte Sterne Restaurant. Der Garten überzeugt auf Anhieb, und der angeschlossene Gemüsegarten lässt erahnen, welch Kochkunst hier auf Bahnsteig 2 vollbracht wird. Mit unseren 19 Euro bewaffnet erforschen wir die Karte. Viel wird es nicht werden. Meo kommt zum Tisch, wir schildern unser Problem, worauf sie uns zu verstehen gibt, dass dies hier kein Problem sei. Es ist eher ein Problem für sie, wenn wir hungrig aus ihrem Lokal gehen müssen. Wir bestellen aber im Rahmen unseres Budgets. Zwei Leitungswasser und dazu Thai-Fleischlaibchen (Thod Man) und einmal Hühnerspießchen mit Erdnusssoße (Gai Satee). Die Thai Fleischlaibchen empfahlen uns die Sitznachbarn, die gerade dabei waren, sie zu verzehren. Nun kommt der erste Teller mit Tahigemüse, zwar nicht bestellt, aber mit einem „passt schon“ serviert, plus Reis auf unseren Tisch. Der erste Biss in dieses Gemüse ist wie eine Reise in das von mir im Winter dieses Jahres bereiste Land mit einer der besten Küchen dieser Erde. Und es bleibt bei dieser kulinarischen Reise. Die Thailaibchen sind wohl die besten Laibchen, die meine Magen je bekam. Nur den Abschluss hätte ich mir ersparen können: eine Gummischlange, die ich mir als Wegzehrung ihn meinen extrem wohlgefühlten Magen im Zug einverleibe.
 
 
 
 

Philipp Horak
geboren 1976, arbeitet als freier Fotograf in Wien.  Fotos macht er aber überall.
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