12.06.2018

Naturzeit: Nachhaltiger Urlaub am Mieminger Plateau


BLOG
Autor — Maria Kapeller



Bevor Elfi Stolz ihren Arbeitstag beginnt, schaut sie sich jeden Morgen im Garten um. "Ich schneide ab, was reif ist, und bringe es in die Küche", erklärt sie. Elfi ist die "grüne Seele" des Familien Landhotel Stern am Mieminger Plateau in Tirol.



Kräuterkennerin Elfi Stolz (c) Maria Kapeller

Sie ist für alles zuständig, was wächst und gedeiht, zum Beispiel für den hoteleigenen Kräutergarten, für den Alpenblumen-Steingarten am Dach oder für den kleinen Kartoffelacker. Gerade hält sie eine Taubnessel mit zarten weißen Blüten in der Hand. "Sie enthält dieselben Mineral- und Wirkstoffe wie die Brennnessel, juckt aber nicht auf der Haut", weiß Elfi. Und: Die Taubnessel lässt sich gut zu Spinat und in Gemüsegerichten verarbeiten.

Selbstgemachtes aus der Natur



Der Kräutergarten des Hotel Stern (c) Maria Kapeller

Der kleine Schaugarten hält noch zig andere Kräuter parat: von Dill über Estragon bis Colakraut, von Schnittlauch über Majoran bis zu Koriander und Rosmarin, von Thymian über Lorbeer bis zu Pfefferminze. Gemeinsam mit interessierten Gästen wird einmal pro Woche das verarbeitet, was gerade Saison hat. Dann gibt´s zum Beispiel süßen Löwenzahnhonig oder würzige Kräuterbutter. Gestresste Städter bekommen dabei wieder ein Gespür dafür, wie variantenreich sich die Natur in der Küche einbringen lässt und wie köstlich Selbstgemachtes schmeckt.

Eine Region abseits des Massentourismus



Mieminger Plateau (c) Maria Kapeller

Das Mieminger Plateau ist im Frühsommer mit gelb leuchtenden Blumenwiesen übersät, im Hintergrund ragen die bis zu knapp 2.800 Meter hohen Gipfel der Mieminger Kette empor. Das Gebiet liegt auf einer Höhe zwischen 850 und 1.000 Metern rund 40 Kilometer westlich von Innsbruck. Oft wird es auf dem Weg von oder nach Bayern über den Fernpass nur durchquert. Dabei ist das Plateau genau das, wonach heute viele Menschen suchen: ein ursprüngliches, naturbelassenes Stück Österreich fernab vom Massentourismus. Der spielt sich in anderen Orten und Tälern Tirols ab. Am Mieminger Plateau hat sich nie ein Ski- und Wanderzirkus entwickelt. Das ist der Beschaffenheit der Berge geschuldet, im Norden zu schroff, im Süden zu flach. Die Natur gibt vor, der Mensch beugt sich.

Von Hand gepflegte Larchwiesen



Larchwiesen (c) Maria Kapeller

Elfi ist schon wieder voll in ihrem Element. Auch am Wegesrand sprießen fast unbemerkt Kräuter hervor: Zinnkraut, Giersch, Frauenmantel. "Das, was unser Organismus braucht, wächst stets zur richtigen Zeit", sagt die Kräuterkennerin. Durch die Höhe des Plateaus ist die Vegetationszeit kürzer, die Wirkstoffe in den Pflanzen sind deshalb besonders hoch. Der Pfad führt durch einen Mischwald, bevor er mitten in den Larchwiesen endet. So heißen die sanften, hügeligen Grasflächen zwischen den Lärchen. Die Larchwiesen am Mieminger Plateau sind der größte Bestand Österreichs und stehen unter Landschaftsschutz.

Das Besondere daran: Der Boden wurde nie gedüngt, das hätte sich bei den kleinen Flächen zwischen den Baumstämmen nicht ausgezahlt. Und: Die Landwirte haben die Wiesenflecken stets von herabfallenden Ästen gesäubert und von Hand gemäht. Deshalb sind die Grünflächen noch heute mit seltenen Blumen und Wildkräutern gesegnet, die den weidenden Kühen besonders guttun. Nach der kurzen Führung hat Elfi eine besondere kulinarische Überraschung im Gepäck: ein Picknick mit Tiroler Speck, Käse vom Plateau und hausgemachtem Kräutertopfen. Ein Festmahl mitten in der Natur.

E-Bike-Tour über sanfte Waldtrails



E-Bike Tour vorbei an Wiesen und Heustadeln (c) Maria Kapeller

Die Weite und das milde Klima am Hochplateau schreien förmlich nach einer ausgedehnteren Erkundung. Nachhaltige Mobilität im Urlaub bedeutet: Sich vor Ort mit dem Rad und zu Fuß fortzubewegen, das Auto bleibt daheim oder zumindest bei der Unterkunft stehen. Deshalb heißt es jetzt: Rauf auf den Sattel! Die gemütliche Runde auf dem E-Bike führt vorbei an Wiesen und Heustadeln, auf einer steilen Schotterstraße in Richtung Bergkette, vorbei am Stöttlbach und zurück über sanfte Waldtrails. Auch für Wanderer eignet sich das Plateau: Vom flachen Spaziergang über einfache Wege zu Almen bis hin zur anspruchsvollen Bergtour ist alles machbar. Insgesamt stehen rund 60 markierte Wanderrouten zur Auswahl.

Wolkenmeer statt Sonnenaufgang



Morgenwanderung mit Wolken (c) Maria Kapeller



Nach der Morgenwanderung ist der Blick frei (c) Maria Kapeller

An einem anderen Tag heißt es bereits um 4.30 Uhr: Aufstehen! Dafür gibt es einen guten Grund: Eine Sonnenaufgangswanderung ist geplant. Bergschuhe anziehen, einen Schluck trinken und los geht´s. Die halbstündige Wanderung startet beim 1.554 Meter hoch gelegenen Lehnberghaus. Vorbei an duftenden Latschenkiefern und zart rosa blühendem Erika geht es durch die taufrische Morgenluft steil bergauf. Nach dem letzten Wegstück zeigt sich aber: Die Aussichtsplattform auf der "Lacke" (1.704 Meter Seehöhe) ist in ein dichtes Wolkenmeer eingehüllt. Bei einem Bergsteigerfrühstück folgt der Versuch, die umliegenden Gipfel auszumachen. Kein Durchkommen, die Wolken sind stärker. Nur einmal blinzelt die Sonne kurz hervor. Auch das ist die Natur. Sie ist unberechenbar. Aber auch eine wolkenverhangene, mystisch-dunkle Bergwelt hat etwas für sich. Und der morgige Tag birgt eine neue Chance auf ein Sonnenaufgangs-Erlebnis.

 

3 Tipps:

 

Klimaneutrales Urlauben im Familien Landhotel Stern



Landhotel Stern (c) Maria Kapeller


Das Familien Landhotel Stern in Obsteig ist das einzige klimaneutrale Hotel Österreichs. Wer öffentlich anreist, erhält einen Rabatt auf den Zimmerpreis und wird vom Bahnhof abgeholt (Bahnhof Telfs und Ötztal kostenlos; Bahnhof Innsbruck gegen Aufpreis). Außerdem stehen eine Schnellladestation für Elektroautos sowie ein E-Auto für Testfahrten zur Verfügung. Um den CO2-Verbrauch möglichst gering zu halten, wird Wert auf regionales Essen und einen niedrigen Stromverbrauch gelegt. "Klimaneutral" darf sich das Haus deshalb nennen, weil eine jährliche CO2-Ausgleichszahlung an Klimaschutzprojekte geleistet wird. Der Gastgeberfamilie Föger liegt es am Herzen, den Nachhaltigkeitsgedanken nicht nur selber zu leben, sondern ihn auch an die Urlauber weiterzugeben. Angeboten werden zum Beispiel ein Waldspielplatz, Übernachtungen im Heustadel, gemeinsames Erdäpfel setzen, Essbares in der Natur sammeln und verkochen oder eine Naturerlebnis-Wanderung zu den Larchwiesen.

Eine Tour am Klettersteig



Bergführerin Petra am Klettersteig (c) Maria Kapeller


Rund um das Mieminger Plateau gibt es einige Klettersteige. Aber auch zum spektakulären Klettersteig am Stuibenfall im Ötztal ist es nicht weit. Der rund einen Kilometer lange Steig hat einen mittleren Schwierigkeitsgrad (A, B und C auf einer Skala von A bis E). Kurz vor dem Ziel führt eine Seilbrücke direkt über den Wasserfall. Bergführerin Petra Freund begleitet im Rahmen von Hotel-Touren, kann aber auch individuell angefragt werde. 

Alpenkräutertage am Mieminger Plateau



Alpenkräutertage in Mieming (c) Maria Kapeller


2018 finden die "Alpenkräutertage" am Mieminger Plateau statt. Dabei geben ausgebildete Kräuterpädagogen der Region ihr Wissen über die Wirkung und Verarbeitung heimischer Kräuter weiter. Gäste können ihr "Kräuterpaket" selber zusammenstellen. Im Angebot: Kräuterexkursion, Kräuterkosmetik und Kochen mit frischen Kräutern. Elf ausgesuchte Beherbergungs-Betriebe sind Partner der Alpenkräutertage. Herbst-Termine: 6. bis 9. September und 20. bis 23. September 2018. 

 

 
 
 

Maria Kapeller
Reist am liebsten mit einem Stapel Zeitschriften im Rucksack durch die Welt. Bei langen Zugfahrten darf die Schlafmaske nie fehlen. Wenn die erstmal abgenommen ist, stürzt sich die Texterin und Journalistin voller Elan in jedes neue Abenteuer. Sie schreibt nicht nur für diverse Medien, sondern mit viel Leiden-schaft auch auf ihrem eigenen Blog kofferpacken.at.
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