09.08.2015

Nachtzug nach Berlin


TRAVEL
Text — Gerfried Stocker



Neben den zahlreichen Geschäftsreisen genieße ich es besonders, gemeinsam mit meiner Familie zu verreisen. Und weil mein Sohn so gerne mit dem Nachtzug fährt, haben wir uns wieder einmal für eine Reise nach Berlin entschieden. Es gibt ja genug Gründe, sich die deutsche Hauptstadt immer wieder anzusehen.

Mit Kopfhörern an den Ohren machen wir es uns im Abteil des ICE gemütlich und surfen bereits gedanklich und musikalisch durch die Straßen Berlins. Die aktuelle Berliner Graffitikultur ist eine besondere Leidenschaft meines Sohnes. Eine Besichtigung mehrerer im Vorfeld ausgewählter Beispiele dieser Street Art steht somit am Programm unserer gemeinsamen Reise. In Nürnberg steigt eine Gruppe Jugendlicher zu, die sich im Abteil neben uns mit elektronischer Musik laut meinem Sohn: angesagter Dub-step eingroovt. Neben Landschaften buchstäblich zu erfahren, erinnern wir uns, wie viele Bauwerke und Monumente Berlin zu bieten hat und dass diese großteils von zeitloser Unvergänglichkeit sind, wie etwa der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz. Nach acht Stunden Fahrt kommen wir gut ausgeruht am am Hauptbahnof Berlin an und bevor wir uns an den Großbaustellen vorbeischlängeln, nehmen wir noch ein kleines Frühstück zu uns. Sehr zu empfehlen ist der Fair-Trade-Kaffeeladen No Fire, No Glory! Nach einer Erfrischung in der Unterkunft geht es mit den Öffis weiter nach Friedrichshain und Kreuzberg. Dort sehen wir uns unterschiedliche Graffittis und Tags an, die mittlerweile sehr vielfältig und unserer Meinung nach aus Städten nicht mehr wegzudenken sind. Angekommen im Viktoriapark genießen wir die Aussicht auf die Berliner Innenstadt und sehen uns nochmals gemeinsam das umfangreiche line-up der Transmediale durch. Bei diesem internationalen Kulturfestival treffen sich KünstlerInnen, EntwicklerInnen, WissenschaftlerInnen, MedienpraktikerInnen und StudentInnen. Das Festival schafft dadurch einen einzigartigen Treffpunkt für einen kreativen und sozialen Austausch.

Auklet flock Shumagins 1986 by D. Dibenski Auklet flock Shumagins 1986 by D. Dibenski

Dieses Festival für Medienkunst und digitale Kultur, das vermutlich bei vielen immer noch als Independent-Festival eingestuft wird, behandelt immer wieder Themen, die weltweit aktuell sind. Benötigen wir eine Abgrenzung zwischen Leben und Arbeit? Gibt es alternative Strategien zur digitalen Welt und ihrer Datensammelwut? Wie verhält es sich mit dem Phänomen der Selbstoptimierung? Das Nachdenken über die Möglichkeiten eines nachhaltigen Umgangs mit Daten steht zweifellos im Fokus vieler künstlerischer Arbeiten, die in den Ausstellungen zur Transmediale gezeigt werden.

Guest exhibition "Time and Motion: Redefining Working Life" (c) Julian Paul Guest exhibition "Time and Motion: Redefining Working Life" (c) Julian Paul

Wie verändert die digitale Welt unsere Arbeit, unser Leben und unser Verhältnis zu diesen? Diese Themen der Transmediale sind auch in diesem Jahr am Puls der Zeit. Unter dem Motto "Capture All" beschäftigt sich die diesjährige Ausgabe mit den drei großen Feldern Arbeit, Spiel und Leben. Außerdem zeigt sie künstlerische Reaktionen und spekulative Szenarios sowie kritische Überlegungen zu Prozessen der Gamifizierung, Quantifizierung und dem allgegenwärtigen Netzwerken.

Internet Machine by Timo Arnall (c) Julian Paul Internet Machine by Timo Arnall (c) Julian Paul

Stakhanov , das vom Künstler-Kollektiv konstruierte Orakel, welches in Form eines Druckers unaufhörlich Prophezeiungen ausspuckt, gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung. Die Frage, wie diese Voraussagen zustande kommen, bleibt offen. Stakhanov durchkämmt soziale Netzwerke nach Daten und verwandelt sie in Wahrsagungen. Die Installation offline art des Berliner Konzept- und Medienkünstlers Aram Bartholl wollen wir uns genauer ansehen, da er immer wieder eindrucksvoll die Beziehung zwischen Netzkunst und dem täglichen Leben thematisiert. Diese konkrete Arbeit zeigt das Zusammenspiel zwischen Internet, Kultur und der Realität. Er stellt sich nicht nur die Frage, was die Menschheit mit den Medien macht, sondern auch die Frage, was die Medien mit den Menschen machen? Diese Spannung zwischen public und private, online und offline, sowie die Verblendung der Technologien kreieren das Herzstück seiner Produktionen.

Offline Art: "Are you still there?" Aram Bartholl Offline Art: "Are you still there?" Aram Bartholl

Neben der Ausstellung im HKW werden täglich Diskussionen, Filmvorführungen und Performances abgehalten, die man, wie man in Berlin so schön sagt, am besten alle mitnehmen sollte. Relativ strukturiert bewegen wir uns tagelang im und um das Transmediale-Areal, das nicht unweit vom Generator Berlin Mitte, unserer Unterkunft, entfernt ist. Das ist ein sehr angenehmes, junges Hostel mit nahezu durchgehend geöffneter Küche und mit unterschiedlichen Angeboten an kulinarischen Köstlichkeiten; es wird vom Festival-Publikum gerne gebucht wird, wie wir schnell feststellen konnten. Doch nicht nur tagsüber überzeugt uns Berlin mit coolen und jungen Ideen, auch an den Abenden geraten wir ins Schwärmen. Eine besondere Empfehlung sind dann die Restaurants an der Kastanienallee im Stadtteil Prenzlauer Berg.
 
 
 
 

Gerfried Stocker
ist Medienkünstler,  Ingenieur der Nachrichtentechnik und seit 1995  künstlerischer Geschäftsführer von Ars Electronica. 1995/96 entwickelte er mit einem kleinen Team von KünstlerInnen und TechnikerInnen die richtungsweisenden neuen Ausstellungsstrategien des Ars Electronica Center und betrieb den Aufbau des Ars Electronica Futurelab.
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